Über Erwartungen

Über Erwartungen

Neulich sollte ich in einer Grundschule aus meinen Kinderbüchern vorlesen. Die Lehrerin sortierte das junge Publikum, erklärte die Spielregeln des Zuhörens, ermahnte alle, sammelte Stofftiere und Radiergummis ein, setzte Störenfriede um. Es dauerte mindestens zehn Minuten, bis alle auf ihren Stühlen saßen, nach vorne schauten und aufhörten zu reden. Hinterher überlegten wir, die Lehrerin und ich, woher unsere Erschöpfung stammte. Ich war erschöpft, weil ich freudige und blitzmuntere Zuhörer erwartet hatte, die es nicht erwarten konnten, eine echte Schriftstellerin zu treffen, und stattdessen einer quirligen Bande Geschichten vorlas, die sie nicht wirklich hören wollten. Sie war erschöpft, weil sie von ihrer Klasse Gastfreundschaft und Höflichkeit erwartet hatte, und auch ein bisschen Dankbarkeit für einen besonderen Vormittag.

Wenn wir von vorneherein nichts erwartet, sondern einfach die Situation geklärt hätten, dann wäre uns Ärger und Enttäuschung erspart worden. Wir überlegten weiter, holten uns im Lehrerzimmer einen Tee und waren bald tief ins Gespräch versunken.

Ganz und gar erwartungsfrei leben, meinte sie, das könne ein Ziel sein. Was würde sich ändern? Sie könnte sich dann am Augenblick freuen und würde nicht verzagen, wenn alles ganz anders käme.

„Aber ich kann doch nicht völlig ohne Erwartungen durchs Leben gehen“, wende ich ein. „Wo bleibt denn dann die Begeisterung? Die Vorfreude? Die Spannung?“

Darauf kann die Lehrerin, jeden Tag einem Kreuzfeuer unzähliger Erwartungen von Kindern, Kollegen, Eltern und sich selbst ausgesetzt, wirklich verzichten. All die Enttäuschungen! Wenn das Tablet nicht unter dem Christbaum liegt. Wenn die Eltern wieder nicht zur Vorführung kommen. Wenn das Kind weder hochbegabt noch herausragend musikalisch ist und vielleicht doch kein Profihandballer wird. Und wie viele Feste sind, überfrachtet von Erwartungen, schon gründlich daneben gegangen? Wie viele Urlaube und Beziehungen?

„Aber gerade daran sieht man doch, wie sehr wir Erwartungen brauchen“, rufe ich. Wenn ich von der Liebe nichts mehr erwarte; wenn die Kinder Geburtstage nicht mehr herbeisehnen, wenn der große Gleichmut herrscht und man den Höhepunkten nicht mehr entgegenfiebert, fehlt doch die Dramaturgie: Spannung und Erlösung, Hoffen und Loslassen.

Oder kann die Freude erst wirklich leuchten, wenn sie keinem Wunschzettel entspringt und an keine Sollerfüllung gebunden ist? Gleichsam frei und nur der Gegenwart hingegeben – eine pure Form der losgelösten Seligkeit. Ohne etwas erreichen zu wollen. Ohne sich hervortun zu müssen. Zweckfrei und abgeklärt.

Erwartungen sind wie Sterne – man kann sie nicht vom Himmel holen

Ich weiß nicht recht. Ich bin keine Zenmeisterin. Wie sollte ich mir denn meine Erwartungen austreiben? In alle Momente meines Lebens, in denen ich mich unbändig gefreut habe, waren immer auch die größten Erwartungen hineingestrickt. Überhaupt sind Erwartungen eine Grundierung, die mein Erleben einfärbt. Ich kenne es gar nicht anders.

Ich bin ja selbst in einem Netz von Erwartungen groß geworden: dass das Baby friedlich und das Kindergartenkind kein Angsthase zu sein habe. Dass das Schulkind Freundinnen finden, höflich zu Erwachsenen sein und schnell Schwimmen lernen möge. Und nicht zu schüchtern sein. Nicht patzig sein. Sich für alles interessieren. Dass der Teenager nachts nach Hause kommt und gute Noten schreibt. Und zwar richtig gute. Gerade Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien sind nicht nur mit Geld und Bildung, sondern auch mit unzähligen Erwartungen gepolstert, die, gespeist von wohlmeinenden, hoffnungsvollen Eltern, wie unfehlbare kleine Motoren ständig für Antrieb sorgen. Ein Bauplan für ein erfolgreiches Leben, dem man folgen sollte, wenn man niemanden unglücklich machen will.

Wenn nicht, ist die Enttäuschung groß. Eine Strafe, härter als ein Schlag, schärfer als ein Tadel und bitterer als Hustensaft: das abgewandte Gesicht der Mutter, ein resignierter Blick aus bekümmerten Augen, ein leiser Seufzer. Ach wie schade. Du hast es nicht geschafft. Obwohl ich es mir so gewünscht habe. Hast du dich nicht angestrengt?

Doch, ruft das Kind, ich habe mir Mühe gegeben, wirklich! Und es strengt sich noch mehr an, übt noch mehr, ist noch aufmerksamer, noch präziser und zugewandter, auch wenn das nicht reichen wird. Es hat einfach noch nicht gelernt, dass Erwartungen wie Sterne sind. Man kann sie nicht anfassen und nicht zählen, manche haben einen Namen, aber manche auch nicht; man kann sich nach ihnen strecken, sie aber niemals vom Himmel holen.

Es weiß auch noch nicht, wie schwer es ist, die eigenen und die fremden Erwartungen auseinanderzuhalten. Es will ja aus freien Stücken all das, was die anderen wollen, es will gute Noten und innige Blicke, es will alle Prüfungen glanzvoll bestehen, was soll daran falsch sein.

Dieses Kind hat später jahrelang geübt, den eigenen Blick wieder freizulegen. Es hat gelernt, zu Bett zu gehen, auch wenn alle anderen feierten, und zu tanzen, wenn niemand mehr wollte. Es hat geschwiegen, wenn es klug hätte reden sollen, und geredet, wenn es den Mund hätte halten sollen. Es hat Zeit vergeudet, Dummheiten gemacht und alle überrascht.

Und nun schaue ich mit diesem sorgfältig geschärften eigenen Blick, diesem mühsam erkämpften Eigensinn auf mich, die Kinder und die Lehrerin an diesem Morgen, und wie hartnäckige Stehaufmännchen erheben die guten alten Erwartungen ihre Köpfe. Gut sein. Still sein. Rücksicht nehmen. Lernen wollen. Große Augen machen. Klug sein. Gefallen wollen. Wir werden sie nicht los, will ich zu der Lehrerin sagen. Abschütteln lassen sie sich nicht. So wie wir auch die Sterne nicht loswerden, die kühl über uns leuchten, ob wir wollen oder nicht.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2018: Heilkraft Meditation
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