Drüber stehen!

Stress ist unvermeidbar. Ungerechtigkeiten passieren. Wir können nicht verhindern, dass andere Menschen uns verletzen. Ein dickeres Fell könnte helfen, die kleinen und großen Kränkungen des Lebens besser zu ertragen. Nur: Was tun, wenn man eher zu den Dünnhäutigen und Sensiblen gehört?

Das Seminar Gesprächsführung geht zu Ende. Die Trainerin hat ein gutes Gefühl. Es war lebendig und intensiv, immer wieder löste sich die Spannung durch befreiendes Lachen. Bei der Abschlussrunde blickt sie in offene Gesichter. Die Rückmeldungen sind positiv, manche sogar überschwänglich. Guter Aufbau, tolle Übungen, viele Aha-Momente. Sie freut sich schon auf einen Espresso und ein Stück Kuchen in ihrem Lieblingscafé. Da platzt die Bombe. „Sie haben es sich ja verdammt leicht gemacht“, schimpft der letzte Teilnehmer mit hochrotem Kopf. „Wir mussten alles selbst machen. So, wie Sie arbeiten, möchte ich mal Urlaub machen. Das hat mir alles gar nichts gebracht. Ich werde mich beschweren.“ Die Trainerin sackt innerlich in sich zusammen, die guten Rückmeldungen sind vergessen. Selbstzweifel tauchen auf. „Was habe ich falsch gemacht? Bin ich eine schlechte Trainerin? Werde ich weitere Aufträge bekommen?“ Noch Tage später geht sie die demütigende Szene immer wieder in Gedanken durch. Und sie wünscht sich: „Hätte ich doch nur ein dickeres Fell, an dem destruktive Kritik, gemeine Spitzen, nervende Jammertiraden, stressige Situationen und die täglichen Katastrophenmeldungen einfach abperlen wie Wassertropfen!“

„Mir fehlt ein dickes Fell.“ Dieser Satz fällt regelmäßig, nicht nur in Psychotherapien und Coachings, auch in Gesprächen mit Freunden und Kollegen. Variationen sind: „Ich möchte nicht mehr so empfindlich sein“, „Ich will nicht alles persönlich nehmen“, „Ich wünsche mir, dass Kritik an mir...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2016: Drüber stehn!
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