Das Glück der Berührung

Ob sinnlich, seelisch oder geistig: Berührung stellt Beziehungen und Zusammenhänge her. Wenn aber Berührungen fehlen, kann eine Sinnleere die Folge sein: Wer nicht berührt wird, wird seiner selbst ­unsicher. Ein philosophischer Essay von Wilhelm Schmid

Das Glück der Berührung

Ob sinnlich, seelisch oder geistig: Berührung stellt Beziehungen und Zusammenhänge her. Wenn aber Berührungen fehlen, kann eine Sinnleere die Folge sein: Wer nicht berührt wird, wird seiner selbst ­unsicher. Ein philosophischer Essay von Wilhelm Schmid

Lange Zeit habe ich auf das Phänomen der Berührung gar nicht geachtet: Es gab sie halt, oder es gab sie nicht. Welche Bedeutung sie für Menschen hat, fiel mir erst auf, als ich zeitweilig als Philosoph in einem Krankenhaus arbeitete, viele Gespräche führte und interessante Beobachtungen machte. Da waren beispielsweise alte Menschen, an deren Bett ich saß und die meine Hand, die ich ihnen gab, nicht mehr loslassen wollten. Oder ich beobachtete Ärzte, die Patienten aufmuntern wollten, indem sie ihnen die Hand auf den Oberarm legten. Die Nähe oder Distanz zwischen Menschen war deutlich erkennbar an der Bereitschaft zur Berührung, etwa mit einem Handschlag zur Begrüßung oder einer Umarmung.

Diese Beobachtungen und Erfahrungen bei meiner Arbeit im Krankenhaus haben die Idee reifen lassen, das Phänomen der Berührung zu thematisieren. Es entpuppte sich umgehend als ein „Stich ins Wespennest“. Denn Berührung wirft – nicht nur im Krankenhaus – heikle Fragen auf: wann, wie viel, bei wem, von wem, mit welchen Entbehrungen, wenn es zu wenig ist, mit welchen Grenzen, wenn es zu viel wird? Die Sehnsucht nach Berührung ist überwältigend groß, aber sie wird konterkariert durch eine ebenso deutliche Scheu oder gar Abscheu vor Berührung. Gerade wir im nördlichen Europa leben nicht in einer Berührungskultur, solche Kulturen sind eher am Mittelmeer zu finden. Was uns dabei entgeht, können wir allenfalls erahnen, wenn wir eine Berührung erfahren, die uns gefällt. Menschen aus anderen Ländern vermissen sie in unserem Land, sie vermissen die Wärme, für die Berührung im alltäglichen Umgang sorgen kann. Ist es denn zu erwarten, dass wir uns künftig mehr anfassen? Kaum vorstellbar. Was aber wird aus Menschen, wenn sie zu wenig Berührung erfahren? Entsteht so die menschliche Kälte, die wir selbst oft beklagen?

Ich berühre, also bin ich

Die Wiederentdeckung der Berührung könnte zu einer neuen Körperkultur beitragen. Das wäre wohl die beste Antwort auf den ausufernden und sinnlos erscheinenden Körperkult. Um der Berührung die Bedeutung zu geben, die ihr zukommt, bedürfte es einer Kunst der…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2016: Sieh's doch mal so!
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