„Man kann sich auch vor sich selbst schämen“

Schamerlebnisse kommen für manche Menschen einer psychosozialen Katastrophe gleich. Schnell werten sie sich dann als ganze Person ab. Deshalb brauchen wir mehr Milde uns selbst gegenüber, sagt der Psychotherapeut Jens Tiedemann

„Man kann sich auch vor sich selbst schämen“

Schamerlebnisse kommen für manche Menschen einer psychosozialen Katastrophe gleich. Schnell werten sie sich dann als ganze Person ab. Deshalb brauchen wir mehr Milde uns selbst gegenüber, sagt der Psychotherapeut Jens Tiedemann

Herr Tiedemann, wenn ich jetzt sagen würde, Sie hätten eine Nudel am Kinn, wäre Ihnen das peinlich?

Wahrscheinlich. Ob uns etwas peinlich ist oder nicht, hängt jedoch immer vom Kontext ab. Würde jetzt eine Autoritätsperson neben uns stehen, dann wäre es mir peinlich.

Warum eigentlich?

Peinlichkeit hat immer etwas mit der Nichteinhaltung sozialer Normen oder mit Tollpatschigkeit zu tun. Wir stehen dann mit beiden Füßen im Fettnapf. Wer will vor anderen schon gerne mit einer Nudel am Kinn erscheinen?

Stehen wir aber zu Hause allein vor dem Spiegel und sehen die Nudel am Kinn, dann schämen wir uns nicht?

Doch, man kann sich auch vor sich selbst schämen. Den verinnerlichten Beschämer tragen wir in uns. Ich kann mich also vor dem eigenen Spiegelbild schämen und mich fragen, ob ich so gesehen werden will. Ich kann mich auch erst nachträglich im stillen Kämmerlein für die Nudel am Kinn schämen. Zum Wesen der Scham gehört es, dass ich eine Diskrepanz erlebe zwischen dem, wie ich gerne dastehen würde, und wie ich konkret bin oder mich erlebe.

Wir haben dann einen fremden Blick in uns.

Wir haben einen fremden Blick in uns, mit dem wir uns von außen betrachten. Das Schamerleben setzt ungefähr mit zweieinhalb bis drei Jahren ein, also ab dem Alter, in dem wir uns auch schon im Spiegel wahrnehmen können. Es sind Tests vor…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2015: Gemeinsam glücklich
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