Dann doch lieber krakeelen

Der Nachbarin unserer Kolumnistin wurde Entspannung verordnet. Sie scheint jedoch damit nicht sonderlich zufrieden zu sein.

Die Illustration zeigt eine Frau, die enspannt einen Pekinesen umarmt
Manchmal entspannt es, sich über Entspannungstipps aufzuregen © Elke Ehninger

Meine Nachbarin Frau Schwerter, Mitte sechzig, befindet sich seit vier Tagen in ihrer Entspannungswoche. Ihre Therapeutin hat sie angehalten, eine Woche lang ausschließlich zu entspannen. Wir alle im Haus wissen Bescheid – Frau Schwerter spricht seit Tagen von nichts anderem. Weil die Therapeutin Frau Schwerter geraten hat, allein zu entspannen, ganz für sich zu sein, treibt sich Herr Schwerter den Tag über in der Stadt herum, bis seine Frau mit ihrer Entspannung fertig ist.

Frau Schwerter soll eine Woche lang entspannen, weil sie unter einer medizinisch unerklärlichen Pulsschnelligkeit leidet. Sie kann nachts nicht schlafen, weil ihr Herz so schnell und so laut pocht. Auch davon hat Frau Schwerter uns allen erzählt, so eindringlich, dass wir alle nachts ihr wild schlagendes Herz durch die Wände und Stockwerke pochen hören können.

Frau Schwerter gruselte es vor der Woche, weil sie sich mit Entspannung nicht auskennt und nun unter einem Leistungsdruck steht. Ich treffe sie im Hausflur, sie steht da mit einem leeren Blumentopf in den Händen. Ich frage: „Und? Wie läuft’s?“, und Frau Schwerter schaut mich an, als habe sie seit Stunden auf diese Frage gewartet.

Mit Gewalt zur Entspannung

Früher, holt sie aus, sei man ja heimlich immer ein bisschen beeindruckt gewesen, wenn jemand sagte: „Ich kann mich einfach nicht entspannen“, weil man annahm, dass dieser jemand einfach zu energiegeladen und tatendurstig war, um auf einem Sofa herumzuentspannen. Jetzt, sagt sie, sei das…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2020: Wer bin ich noch?
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