Das letzte Gespräch

Luna hat ein Treffen mit ihrem todkranken Onkel immer wieder hinausgezögert. Wie kann sie sich von den quälenden Schuldgefühlen zu befreien?

Die Illustration zeigt eine Frau mit einer Sprechblase in Form eine Totenkopfes über sich, die von Schuldgefühlen geplagt ist, da sie vor dem Tod ihres Onkel nicht mehr mit ihm reden konnte.
Mit dem Hinauszögern des letzten Gespräches kann auch die Fantasie verbunden sein, den Tod aufschieben zu können. © Michel Streich

Manchmal gibt es Erfahrungen, die wir mit unseren Patientinnen und Patienten gemeinsam haben, allerdings ohne dass diese davon erfahren. Denn in der Regel erzählen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nicht aus ihrem Privatleben. Diese Form der Zurückhaltung, die Abstinenz, beschreibt eine wichtige Grundhaltung in der psychoanalytischen Arbeit.

Kurz gesagt geht es darum, dass Therapeutinnen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Behandlung darauf verzichten, ein eigenes privates Interesse jenseits der therapeutischen Rolle zu befriedigen. So ist etwa jegliche Kontaktaufnahme für private oder berufliche Zwecke genauso untersagt wie das Eingehen von intimen Beziehungen.

Abstinenz als Haltung

Das war nicht immer so. In den Anfängen der Psychoanalyse entstanden immer wieder intime Kontakte zwischen Therapeuten und Patienten, weil man mit den schädigenden Auswirkungen noch wenig Erfahrung hatte. Es folgte eine Zeit, in der sich eine sehr strenge Auffassung von Abstinenz entwickelte. Dies führte bei manchen Analytikerinnen zu einem kühlen, abweisenden Verhalten, welches sogar belastend für die Behandlung sein konnte.

Heute versteht man Abstinenz nicht mehr als strikte emotionale oder persönliche Neutralität, sondern als technische Haltung. Damit schützen wir den therapeutischen Bereich, den Patientinnen mit all ihren Nöten, ungeklärten Konflikten und verdrängten Gefühlen brauchen, und ermöglichen die Erfahrung einer neuen, entwicklungsfördernden Beziehung. Und so kann es in seltenen Fällen auch im Sinne der Behandlung sein, dass sich der Analytiker einmal zu erkennen gibt. So wie letztens in der Sitzung mit Luna.

Luna kenne ich seit fast drei Jahren. Ursprünglich kam sie zu mir, weil sie bereits als Kind körperliche Beschwerden entwickelt hatte, für die keine somatische Ursache gefunden wurde, die ihr Leben jedoch immer weiter einzuschränken drohten. Viel zu früh hatte sie ihren Vater verloren und…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2021: Zeit finden
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