Für sich einstehen

Viele Menschen richten sich ständig nach anderen, nehmen eigene Belange nicht wichtig. Wie wir lernen, selbstbestimmt zu handeln.

Eine Frau mit gestreiftem Pulli, steht auf einer Leiter mit Pinsel und Farbe und malt ein großes Selbstporträt, daneben ist ein Vater mit einem Mädchen, ebenfalls mit gestreiftem Pulli und hängt ein Familienbild an die Wand.
Gelungenes Leben hat häufig damit zu tun, dass man bereit ist, die Eltern zu enttäuschen. © Luisa Jung

Viele Jahre fiel es Caroline Hüttner gar nicht auf, dass sie sich eher an andere anpasste und ihre eigenen Wünsche hintanstellte. Im Freundeskreis ging sie oft bereitwillig auf Vorschläge ein, die andere zur Planung von Treffen oder Ausflügen machten. Und auch in ihrer Beziehung lenkte sie schnell ein, richtete sich in wichtigen Entscheidungen von Wohnort bis Winterurlaub eher nach ihrem Mann als nach eigenen Vorstellungen. Die 39-Jährige fühlte sich in der Defensive wohl, sah sich als anpassungsfähigen, harmoniebedürftigen Menschen.

Dass sie möglicherweise zu häufig ja zu den Plänen der anderen sagte, merkte Hüttner erst, als ihr erstes Kind zur Welt kam. Auf Vorschlag ihres Mannes blieb sie mit der kleinen Tochter zu Hause, gab ihren Job auf, während ihr Mann für drei arbeitete. Im Laufe des ersten Jahres mit Baby wurde Caroline Hüttner, die in Wirklichkeit anders heißt, immer niedergeschlagener. Sie geriet in eine Krise, ohne den Grund zu begreifen. Erst nach und nach verstand sie, dass sie die Rolle als Vollzeitmutter nicht mochte. Sie hätte die Betreuung der Tochter lieber mit ihrem Mann geteilt, vermisste ihre Arbeit.

Schwierigkeiten Wünsche abzuschlagen

„Ich fühlte mich plötzlich am falschen Platz und fragte mich, ob ich wirklich so leben möchte“, erzählt Hüttner. Das erste Mal in ihrem Leben habe sie bewusst darüber nachgedacht, wer sie ist und was sie selbst will. Mit Schrecken habe sie festgestellt, dass sie das nicht genau sagen konnte. Sie traute sich noch immer nicht, die einmal beschlossenen Familienpläne explizit infrage zu stellen. Statt ihrem Mann offen zu zeigen, was sie sich wünschte, stritt sie halbherzig mit ihm oder zog sich erschöpft zurück. „In dieser Zeit habe ich begriffen, dass ich Schwierigkeiten habe, mich gegen die Vorstellung anderer zu stellen“, sagt sie im Rückblick.

So ähnlich empfinden das offenbar viele Menschen. In einer Umfrage des Onlineportals Statista gaben nur acht Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer an, dass es sie kaum belaste, nein zu sagen. Alle anderen hatten nach ihrem eigenen Eindruck Schwierigkeiten, sich gegenüber Partnern,…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2022: Für sich einstehen
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