Ich bin nett zu mir

Manchen Studienteilnehmenden gelang es besser als anderen, während des Lockdowns ihre Einsamkeit im Homeoffice zu meistern – aus Selbstmitgefühl.

Es ist nicht banal, sich während der Arbeit einsam zu fühlen, was immer die Gründe sind. Einsamkeit bei der Arbeit schwächt das wichtige Gefühl, sich anderen zugehörig zu fühlen, sie kann depressive Symptome verstärken – also letztlich das Risiko für eine Depression erhöhen. Forschende nutzten den Lockdown im vergangenen Jahr, um diesem Phänomen noch besser auf den Grund zu gehen. Sie stellten fest: Selbstmitgefühl hilft, die Zeiten ohne Kolleginnen und Kollegen beim Arbeiten zu Hause besser zu meistern.

Insgesamt wurden während eines Lockdowns im vergangenen Jahr 265 Angestellte über acht Wochen jeweils einmal wöchentlich befragt. Sie berichteten dabei über ihre Erfahrungen der jeweils vorangegangenen Woche. Sie kamen aus den Branchen IT, Produktion, Dienstleistungen oder dem Militär und arbeiteten mehrmals pro Woche oder komplett zu Hause. Im Durchschnitt berichteten die Teilnehmenden zwar nicht von verstärkten Gefühlen der Einsamkeit, wohl aber davon, dass sie insgesamt im Lauf der Wochen unfreundlicher und unhöflicher wurden. Und es zeigte sich, dass bei der Frage nach den einzelnen Einflussfaktoren die Einsamkeitsgefühle doch anstiegen: umso mehr, je öfter die Teilnehmenden zu Hause tätig waren, je mehr der Job als unsicher empfunden wurde und je mehr der Eindruck entstand, Informationen bezüglich der Covid-Maßnahmen seien bei ihrem Arbeitgeber ungerecht verteilt (Informationsgerechtigkeit). Diejenigen Probandinnen und Probanden, die von einem dieser Phänomene berichteten, gaben auch häufiger an, depressive Symptome entwickelt zu haben.

Sinn für Menschlichkeit

Dabei unterteilten die Psychologinnen das Phänomen „Selbstmitgefühl“ in einzelne Facetten und prüften, wie sie sich auf die Bewältigung der Einsamkeit im Homeoffice auswirkten. Bei zweien fanden sie Zusammenhänge: Der Sinn für Menschlichkeit und die Bereitschaft, Fehler zu verzeihen ging mit weniger depressiven Symptomen einher, linderte also Einsamkeitsgefühle. Ausgeprägtere Achtsamkeit führte dazu, dass diese Befragten sowohl über seltenere depressive Symptome als auch über höflicheres Verhalten den Kolleginnen und Kollegen gegenüber berichteten.

Die Forschenden kommen zu dem Fazit: Selbstmitgefühl bilde eine wichtige Ressource, die dazu beitragen könne, den Teufelskreis von Einsamkeitsgefühlen bei der Arbeit zu durchbrechen und das Wohlbefinden zu steigern. Für Arbeitgeber gelte, dass häufige und transparente Information über die jeweiligen Maßnahmen hinsichtlich der Pandemie sehr hilfreich sei, damit Angestellte nicht unsicher würden. Möglichkeiten zu sozialen Aktivitäten im Unternehmen, auch online, machten es den Homeoffice-Kolleginnen und Kollegen leichter, ihre Situation zu meistern.

Stephanie A. Andel u. a.: Depending on you own kindness: The moderating role of self-compassion on the within-person consequences of work loneliness during the COVID-19 pandemic. Journal of Occupational Health Psychology, 2021. DOI: 10.1037/ocp0000271

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