Schlechte Nachrichten ohne Ende

Bei neu auftretenden Krisen geraten wir schnell in einem Strudel von negativen Neuigkeiten. Wie man mit Doomscrolling umgehen kann.

In Krisen geraten wir schnell in einem Strudel von negativen Neuigkeiten und neigen zu doomscrolling © Getty Images/Catherine Falls Commercial

Viele erlebten es in dieser Form vor zwei Jahren zum ersten Mal: Als die Coronakrise plötzlich da war, gab es Nachrichten am Stück und überall. Das brachte eine Art des Medienkonsums ans Licht, die sehr fordernd ist: Das sogenannte doomscrolling. Fast suchtartig checkt man das Smartphone immer wieder nach neuen, noch schlechteren Nachrichten und fängt an, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Dies zeigt auch eine Studie, bei der rund 500 Erwachsene in Norwegen zu Beginn des dortigen Lockdowns befragt wurden. Eine junge Frau berichtete: „Ich checke die Nachrichtenseite so viele Male am Tag. Es ist das erste, was ich am Morgen mache und das letzte, bevor ich ins Bett gehe.“ In den ersten Tagen des Lockdowns habe sie sich wirklich bedroht gefühlt, sagte sie. 

Offenbar lässt das vermehrte Checken und Scrollen nach ungefähr 14 Tagen wieder nach – es gelang den Teilnehmenden nach und nach, die Suche nach News immer wieder für eine Weile zu unterbrechen und Abstand zu finden. Die Teilnehmerin erzählte: „Ich habe gemerkt, dass ich einfach zu viel Zeit mit der Suche nach Nachrichten verbracht habe. Ich verfolge sie immer noch, aber es nimmt mich nicht mehr so in Anspruch.“

Zurück ins Gleichgewicht

Diese intensive Suche nach Informationen ist nach Meinung von Psychologinnen und Psychologen eine normale Reaktion auf heftige, plötzliche Krisenereignisse wie jetzt der Krieg in der Ukraine. Wir versuchen herauszufinden, ob wir selbst in Gefahr sind, wie wir uns möglicherweise schützen könnten, mit der Herausforderung irgendwie zurechtzukommen, was und ob wir etwas tun können. Anders als in vielen Studien durften die Befragten der norwegischen Studie mit ihren eigenen Worten schildern, wie sie sich über die Coronakrise informierten. Dabei berichteten sie, dass sie sich besonders in den allerersten Tagen von den überall gegenwärtigen Nachrichten überwältigt fühlten und die Hiobsbotschaften auf allen Medienkanälen von den Nachrichtenseiten der journalistischen Medien bis hin zu Social Media, Fernsehen und Podcasts ihnen zu schaffen machten. Sie fanden die Informationen bedrohlich, emotional belastend, manches langweilig. Bei den meisten stellte sich jedoch nach rund zwei Wochen eine Art Gleichgewicht ein: Sie konnten sich informieren, ohne sich dauernd damit zu überfordern. 

Nicht für jeden gut

Doch das gelingt nicht jeder oder jedem gleich gut, darauf gibt eine weitere Studie zum Phänomen doomscrolling einen ersten Hinweis: Diejenigen der 64 untersuchten jungen Erwachsenen, die Symptome einer Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigten, gaben an, dass das dauernde Checken von Nachrichten zu Beginn des Lockdowns in den USA ihr Wohlbefinden deutlich verschlechterte. Die News zur damals neuen Coronakrise führte bei ihnen dazu, dass die Symptome ihrer Belastungsstörung um so stärker anstiegen, je schwerer die Missbrauchserfahrungen in der Kindheit gewesen waren. Das galt auch für depressive Symptome. Diese Korrelationen wurden in dieser Studie jedoch nur für das Scrollen in Social Media, nicht für den Konsum von negativen Neuigkeiten in Zeitungen, Fernsehen oder Radio gefunden.

Auch Befragungen in Frankreich oder den USA zeigen, dass doomscrolling nicht unbedingt guttut: Berichtet wurde, dass Angst- und Stressgefühle zunehmen, wenn man eine halbe bis eine Stunde täglich mit dem Checken von Nachrichten zubringt. Offenbar wirkten sich Twitter-Posts oder YouTube-Videos tatsächlich negativ auf die Stimmung von Teilnehmenden eines Onlineexperiments aus, wie eine weitere Studie zeigt. Vier Forscherinnen aus Großbritannien hatte dafür insgesamt 300 Befragte nur zwei bis vier Minuten Twitter-Tweets oder Kurzvideos auf YouTube zur Coronapandemie „ausgesetzt“, zudem gab es eine Kontrollgruppe, die keine Informationen sah. Ergebnis: Schon die wenigen Minuten reichten aus, die Stimmung zu verschlechtern. Dies lege die Vermutung nahe, dass es auch einen kausalen Effekt der schlechten Nachrichten gebe, es also diese selbst waren, die zum Stimmungstief führten, nicht nur die Anfälligkeit und intensive Suchen der Userinnen und User. 

Gefühl von Kontrolle

Diese Art der Suche nach Informationen ist also ein zweischneidiges Schwert. Sie kann, etwa vor Prüfungen absolut sinnvoll sein, sagen Psychologinnen und Psychologen. Man kann nützliche oder sogar unabdingbare Informationen finden, die einem beispielsweise helfen, eine Prüfung vorzubereiten, beim Arzt die richtigen Fragen zu stellen, oder sich im Falle einer Pandemie richtig zu verhalten. Das hilft, das Gefühl von Kontrolle zu zurückzugewinnen. Aber negative Inhalte verschlechtern eben auch die Stimmung.

Literatur

Matthew Price u. a.: Doomscrolling during COVID-19: The negative association between daily social and traditional media consumption and mental health symptoms during the COVID-19 pandemic. Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy, 2022. DOI: 10.1037/tra0001202

Brita Ytre-Arne, Hallvard Moe: Doomscrolling, Monitoring and Avoiding: News Use in COVID-19 Pandemic Lockdown. Journalism Studies, 2021. DOI: 10.1080/1461670X.2021.1952475

Kathryn Buchanan u. a.: Brief exposure to social media during the COVID-19 pandemic: Doomscrolling has negative emotional consequences, but kindness-scrolling does not. Plos One, 2021. DOI: 10.1371/journal.pone.0257728

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