„Werde ich kurz vor der Hochzeit untreu?“

Zwischen Fantasie und Intention zu unterscheiden kann die Beziehung aufrechterhalten.

© Michel Streich

Ich werde in zwei Wochen heiraten und habe Angst, meinen Bräutigam kurz zuvor noch zu betrügen.“ So eröffnet meine Klientin Frau O., 27 Jahre alt, unsere Therapiestunde. Wir kennen uns bereits seit längerer Zeit. Frau O. stammt aus einer amerikanischen Großstadt und ist viel in der Welt herumgekommen, ehe sie sich vor etwa drei Jahren in Deutschland niederließ. Anlass dafür war eine neue Liebesbeziehung.

Diese markierte nicht nur ein Sesshaftwerden im geografischen, sondern auch im sexuellen Sinn. Frau O. hatte zuvor unzählige Sexualpartner gehabt. Ihr Freund bestand auf einer monogamen Beziehung, was sie bejahte, obwohl es Neuland für sie bedeutete. Als die junge Frau erstmals zu mir kam, hatte sie mit dem neuen Lebensmodell große Mühe. Das Leben in der deutschen Provinz bekam ihr nicht. Sie liebte den Mann, erlebte sich aber als rastlos und von Fantasien sexueller Promiskuität nahezu besessen, so dass sie tatsächlich befürchtete, sie könne eines Tages wieder davonlaufen.

Das ist heute Vergangenheit: Sie lebt gerne hier, reist dennoch viel und hat mit ihrem Geliebten bereits eine Familie gegründet. Sie haben immer noch häufigen und intensiven Sex miteinander. Nun steht sie kurz vor der Hochzeit und ist in Aufruhr. Warum? Wie kommt sie darauf, jetzt plötzlich fremdgehen zu wollen – oder gar zu müssen? Sie erzählt mir von einem Bekannten, den sie schon lange sexuell attraktiv finde.

Gedankliche Rollenspiele

Bislang seien die Grenzen der Freundschaft nie überschritten worden. In letzter Zeit hätten sie aber viel gechattet, und das habe sie dermaßen erregt, dass daraus ein digitaler sexueller Austausch geworden sei. Ihr Zukünftiger war davon getroffen und machte deutlich, er wolle nicht, dass mehr daraus werde. Genau dies falle ihr schwer, denn der Bekannte berichte von einer Art Sexualität, die sie über die Maßen reize: Er habe einen Job mit viel Kundenkontakt und verführe regelmäßig frech seine Kundinnen zu Sex in seinem Büro.

Sie würde zu gern eine solche Kundin spielen und sich ihm aussetzen. Ihren Freund heimlich zu betrügen kommt für sie nicht infrage, sie sind so intim miteinander, dass sie einen solchen Ausflug nicht verbergen könnte oder wollte. Der Reiz scheint aber so stark zu sein, dass sie fürchtet, sich nicht zurückhalten zu können. Ein Dilemma. Sie wirkt sichtlich gestresst.

Mich interessiert, was für eine wichtige Funktion dieses Verlangen in diesem Moment ihres Lebens erfüllen könnte. Wozu kommt es jetzt gerade zum Vorschein? Damit verlasse ich zunächst den präsentierten Konflikt „tun oder nicht tun?“ oder die Frage der Kontrolle. Ich erinnere sie an die dranghaften Fantasien ihrer Anfangszeit in Deutschland. Diese repräsentierten, so hatten wir vermutet, eine Seite in ihr, die für sie einmal überlebenswichtig gewesen war: den rebellischen Auszug aus einem für sie unaushaltbaren Zuhause und die ultimative Bestätigung durch viele Sexpartner.

Regionale Nomadin

Wo andere Sicherheit im Stetigen fanden, hatte sie sich nur in der weiten Welt stabil gefühlt. In der ersten Zeit in Deutschland hatten wir auf diese Deutung hin die Idee entwickelt, dass sie ein „regionales Nomadinnenleben“ führen könnte. Sie fuhr mit dem Rad kreuz und quer durch die Gegend und übernachtete per Couchsurfing bei fremden Leuten (ohne erotischen Kontakt), um zu spüren, dass sie überall frei sein konnte. Meine Hypothese: Angesichts der bevorstehenden Eheschließung könnte der alte Konflikt wieder aufgebrochen sein. Dem stimmt sie zu. Sie sieht die Parallele, ist aber nicht vollständig beruhigt.

Ich schlage ihr vor, dass wir uns das Szenario, das sie so in Bann zieht, einmal näher anschauen, um herauszufinden, was genau sie am Sex mit diesem Mann so reizt. Ich bitte sie, mir die sie tyrannisierende Szene von Anfang an detailliert zu erzählen, sich dabei allerdings vorzustellen, sie hätte sich entschieden, es wirklich zu tun.

Sie betritt das Bürogebäude. Sie weiß, er ist im vierten Stock. Ich frage nach Details der Szene und wie sie sich fühlt, wodurch die Spannung steigt. Sie sagt, wichtig sei für sie, sich im Vorhinein vorzustel­len, wie er ganz in seinem „schmutzigen Element“ sei, wie er bedenkenlos seinem Begehren folge und wie selbstbewusst er vorgehe im Wissen, dass ihm keine Frau widerstehen könne. In dieser Vorspannung erreicht sie den Flur, auf dem sich sein Büro befindet.

Unterschied von Fantasie und Intention

Das Spannungsmoment einer Fantasie ist nicht objektiv ersichtlich, entscheidend ist, was die Person selbst als erotisch bedeutsam erlebt. Ich frage Frau O. also, was für sie den spannungsvollsten Punkt dieser Begegnung ausmache. Sie antwortet: „Es ist der Augenblick, in dem ich die Tür zu seinem Büro öffne und ihn dort sehe in seiner Rolle als Verführer, dominant und kraftvoll.“ – Plötzlich stockt sie und blickt irritiert drein.

Jetzt bin ich diejenige, die gespannt ist. Ich frage nach, was los sei. Sie murmelt: „Mir ist gerade klargeworden, dass es sich wohl um eine reine Fantasie handelt. Ich muss und werde nicht mit ihm schlafen.“ „Wieso?“, frage ich verblüfft. Sie erklärt mir, dass sie gerade gemerkt habe: Was sie in der Fantasie am meisten errege, Dominanz und Selbstbewusstsein, sei vom realen Bekannten nicht wirklich zu bekommen. Er sei von seinem Wesen her viel weicher und verhalte sich ihr gegenüber auch eher zurückhaltend. Und das sei nicht, was sie im Kern wolle. Im ganz genauen Durchgehen der gewünschten Begegnung zeigte sich für sie somit glasklar der Unterschied zwischen Fantasie und Intention.

Sie verlässt unsere Sitzung mit großer Erleichterung. Diese erfasst in der Folge nachvollziehbarerweise auch ihren Bräutigam. Für die Zukunft nimmt sie allerdings das Bedürfnis mit, dass ihr Mann beim Sex auch dominanter auftreten möge. Sie merkt, dass sie bis auf weiteres monogam leben können wird. Zugleich ermutigt sie ihn, neue sexuelle Erfahrungen mit anderen Frauen zu machen, was er zunächst ablehnt, dann aber annimmt. So haben die beiden einen ganz eigenen Weg gefunden, sich erotisch zu erneuern.

Angelika Eck ist promovierte Diplompsychologin und systemische Einzel-, Paar- und Sexualtherapeutin in eigener Praxis. Sie ist Herausgeberin des Bandes Der erotische Raum. Fragen der weiblichen Sexualität in der Therapie, ab April wird ihr Buch Sexuelle ­Fantasien in der Therapie erhältlich sein (Vandenhoeck & Ruprecht)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2020: Ruhe im Kopf
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