Was sehen Sie hier, Bodo Kirchhoff?

Ein Bild, zwei Fragen: Welche Geschichte fällt dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff zu diesem Bild ein?

Die Illustration zeigt zwei Männergesichter, die einander zugewandt sind
Wie deutet Bodo Kirchhoff diese Szene? © Andrea Ventura für Psychologie Heute

„Das Bild ist gemalt, und es hat Farben, aber beides sehe ich kaum; ich sehe es in dunklen und etwas helleren Tönen, im Grunde als Schwarzweißaufnahme, entstanden durch Selbstauslöser aus einer bestimmten inneren Situation heraus. Ich sehe hier eine Momentaufnahme und gleichzeitige Bestandsaufnahme von einem Paar, das keins mehr ist: einem älteren, aber noch nicht alten Mann und einer jüngeren, aber keineswegs mehr jungen Frau (die nur dann auch ein jüngerer Mann sein könnte, eventuell der Sohn, wenn ich mich in das Bild nicht weiter vertiefe).

Der Blick des älteren Mannes ist nach innen gekehrt, weil alles Äußere seinen Halt verloren hat; was bleibt, sind Erinnerungen, und auch die sind im Lichte der Gegenwart bitter. Der Blick der jüngeren Frau, die sich nur im Profil zeigt, ist dagegen nach außen gerichtet, aber in ein hoffnungsloses Nichts. Was ich also sehe, ist das Ende einer Verbindung, die eigentlich nie gestimmt hat, sei es durch den Altersabstand oder die Rolle der Frau als Geliebte, die immer nur ein Schattendasein geführt hat – ich neige zu Letzterem. Gut vorstellbar, dass sie in der Nacht, in der das Bild entstand, von einer eigenen, verzweifelten Affäre erzählt hat, um der erdrückenden Verbindung zu entkommen.

Die Frau allein wollte dieses Bild, das eines Paares am Ende alles Imaginären, diesen Aufnahmeakt mit Selbstauslöser, bei dem alles Symbolische platzt und nur noch das Reale der acht Sekunden gilt, die beiden bleiben, um eine Haltung für das Bild einzunehmen, der Mann nur als Schädel, frontal, in sich vergraben, die Frau nur als Profil, in der Welt, in die ihr Blick geht, verloren.“

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Nun, der ältere Mann ist unter Umständen ein Künstler, er hat jahrelang an einem Bild gesessen, gewissermaßen seiner Geliebten, die sich gegen ihn wendet, ein Bild, das er nicht so vollenden kann wie gedacht und erhofft und am Ende in seinem Unfertigen größer ist als er selbst.“

Bodo Kirchhoff erhielt mit seiner Novelle Widerfahrnis den Deutschen Buchpreis. Zuletzt hat er den Roman Bericht zur Lage des Glücks veröffentlicht. Zusammen mit seiner Frau bietet er Schreibseminare im ­gemeinsamen Haus am Gardasee an; bodokirchhoff.de.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2022: Die Zeit, als alles neu war
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