Was sehen Sie hier, Eva Briegel?

Angelehnt an den projektiven Test TAT zeigen wir prominenten Menschen jeden Monat ein Bild und bitten sie, die Szene zu deuten.

Die Illustration zeigt zwei Mädchen auf einem blauen Sofa und einen roten Sessel, während ein Mädchen eine Katze auf dem Schoß hält
Wie interpretiert Juli-Sängerin Eva Briegel diese Szene? © Andrea Ventura

„Die kleinere der beiden Schwestern ist einsam. Die große, mit der sie sich, seit sie denken kann, die Eckbank in der Küche teilt, ignoriert sie schon den ganzen Vormittag. In letzter Zeit verschwin­det sie immer öfter hinter einem Buch, oder sie glotzt in ihr Handy. Gestern hat sie sogar den Kater getreten – na gut, zumindest hat sie ihn mit dem Fuß aus ihrem Zimmer geschoben.

Die kleine Schwester setzt ihre Ellenbogen ein, ganz leicht, ‚nicht mit Ab­sicht‘, wird sie dann sagen und: ‚Darf ich jetzt nicht mal mehr hier sitzen?‘ Dabei weiß sie genau, dass das mit dem Ellenbogen weh tut, und das soll es auch. Aber neuerdings ist der Älteren das plötzlich alles zu blöd. Außerdem nimmt sie sie nicht mehr mit, wenn sie mit ihren Freunden ins Schwimmbad geht. Sie kommt spät nachmittags von der Schule und geht ohne ein Wort durch den Flur in ihr Zimmer. Tür zu. Sie ist abgetaucht und die Kleine kann nicht hinterher.

‚Lässt du das jetzt mal? Du…‘, sagt jetzt die Große, und ein gezielter Kick mit der Ferse trifft die Hüfte der Kleineren. Der Kater explodiert auf ihrem Schoß, seine Krallen bohren sich durch den dünnen Stoff der Leggings in ihre Oberschenkel. ‚Heul leise‘, sagt die Große und ist fast schon wieder hinter ihrer Wand aus Buch verschwunden. ‚Jetzt reicht’s aber!‘ Ihre Mutter schaut vom Laptop hoch. ‚So langsam wird die Eckbank für euch beide auch mal viel zu klein, die muss raus.‘ ‚Was, wieso denn? Auf gar keinen Fall!‘ Beide schauen ihre Mutter an, als wäre sie nicht mehr ganz dicht.“

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Ich mag es nicht, zurückgelassen zu werden. Außerdem habe ich gewisse ‚Hütehundqualitäten‘, was das Zusammenhalten von Gruppen angeht – bis zu einem gewissen Punkt. Das Erleben, dass ich dem Verlassenwerden nicht hilflos ausgeliefert bin, sondern dass dadurch neuer Raum entsteht, in dem auch ich mich verändern kann, hat dazu geführt, dass ich weniger Angst davor habe, wenn Dinge sich verändern. Ich kann Verlust verkraften und auch derjenige sein, der sich als Erstes verändert – eine befreiende Erkenntnis.

Eva Briegel ist Sängerin der Band Juli, hat eine Tochter und studiert in Berlin Psychologie. Zu ihren größten Erfolgen gehören Songs wie Perfekte Welle und Geile Zeit, von denen eine ganze Generation geprägt wurde.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2022: Das Leben leicht machen
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