„Eine wenig respektvolle Gesellschaft erzeugt respektloses Verhalten“

Gewalt gegen Polizisten, Lehrer oder Rettungskräfte: Immer wieder ist vom Verlust des Respekts die Rede. Doch was ist das eigentlich, Respekt? Wie erlernt man ihn? Ein Gespräch mit dem Psychologen Tilman Eckloff

„Eine wenig respektvolle Gesellschaft erzeugt respektloses Verhalten“

Gewalt gegen Polizisten, Lehrer oder Rettungskräfte: Immer wieder ist vom Verlust des Respekts die Rede. Doch was ist das eigentlich, Respekt? Wie erlernt man ihn? Ein Gespräch mit dem Psychologen Tilman Eckloff

Herr Eckloff, vor wenigen Monaten wurden in Nordrhein-Westfalen bei einem Streit um Knöllchen zehn Polizisten krankenhausreif geschlagen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft beklagte daraufhin eine „Verrohung der Gesellschaft“. Haben wir hierzulande ein Respektproblem?

Man kann dieses Verhalten tatsächlich einordnen in einen gesellschaftlichen Trend. Schon seit längerer Zeit beobachten wir eine Abnahme des positionalen Respekts, also des Respekts, den ein Mensch ausschließlich aufgrund seiner Position einfordern kann. Das Pochen auf die alleinige Position funktioniert heute kaum noch. Insgesamt werden Autoritäten nicht mehr fraglos anerkannt, wir folgen nicht mehr jemandem, nur weil er eine formale Position hat, sondern eher dann, wenn wir das Gefühl haben, er hat es auch verdient.

Finden Sie diese Entwicklung problematisch?

Im Großen und Ganzen halte ich das für keine schlechte Entwicklung. Es zeigt, dass unsere Gesellschaft flexibler wird und die Hierarchien flacher werden. Es wird mehr darauf geachtet, dass die Leute, die eine formale Position haben, eben auch die Qualifikation haben, diese Position gut auszufüllen. Und wenn sie es nicht können, wird es schwierig für sie, sich durchzusetzen. Problematisch wird es aber, wenn gerade diejenigen Menschen, die in unserer Gesellschaft für Schutz und Hilfe zuständig sind, angegriffen werden. Das ist nicht akzeptabel. An die Stelle des positionalen Respekts müsste dann zumindest der horizontale Respekt treten, also die Einsicht, dass der andere gleichwertig ist.

Welche Formen des Respekts unterscheiden Sie überhaupt?

Schon alltagssprachlich gibt es ja viele unterschiedliche Bedeutungen. Wenn man einen Wachhund sieht oder einen mächtigen Türsteher, sagt man oft: „Vor dem habe ich Respekt.“ Wir nennen das Hindernisrespekt, er bewirkt, dass ein Mensch seine Handlungen den möglichen Gefahren anpasst, damit er möglichst erfolgreich sein Ziel erreichen kann. Dann gibt es den institutionalen oder in allgemeinerer Form auch positionalen Respekt: Man respektiert nicht die Person des Polizisten oder der Richterin, sondern die Institution dahinter, die ein bestimmtes Verhalten notwendig macht. In unserer Forschungsgruppe sind uns aber vor allem zwei weitere Unterscheidungen wichtig: die zwischen vertikalem und horizontalem Respekt.

Vertikaler Respekt hat sicher etwas mit Bewunderung zu tun.

Genau, diese Art des Respekts muss man sich erst verdienen, etwa indem man in einem bestimmten Bereich gute Leistungen bringt. Ein Fußballer kann wegen seiner Leistungen auf dem Platz respektiert werden, ein Politiker wegen seiner Wortgewandtheit, eine Führungskraft wegen ihrer besonderen Führungsfähigkeiten. Vertikaler Respekt entsteht, wenn jemand etwas deutlich besser kann als ich, und diesen Personen räumt man dann gern die Führung ein. Wenn Lukas Podolski mir sagt, ändere mal deine fußballerische Technik, würde ich das also dankbar annehmen.

Und horizontaler Respekt?

Horizontaler Respekt hingegen geht zurück auf Immanuel Kant und seinen Begriff der Achtung beziehungsweise des moralischen Respekts. Er bedeutet, dass man den anderen als gleichwertig erlebt und anerkennt. Dafür muss der andere nichts geleistet haben. Der horizontale Respekt ist ungeheuer wichtig, weil er in unserer Gesellschaft für die Integration von Vielfalt sorgt. Wenn ich jemanden auf Augenhöhe betrachte, heißt das ja, dass ich der anderen Person – auch wenn sie andere Hintergründe oder Meinungen hat – das gleiche Recht auf freie Entfaltung einräume wie mir selbst. Vor diesem Hintergrund erklären sich auch die Bestrebungen einiger Bewegungen, anderen Menschen die Menschenwürde abzusprechen und sie als nicht gleichwertig zu erklären. Das ist natürlich hochgradig gefährlich.

Wie erlernt man horizontalen Respekt?

Indem man selbst Respekt bekommt. Wenn ich in der Familie, bei meinen Peers, in der Schule oder im Job Anerkennung erfahre, erhalte ich ein stabiles Selbstwertgefühl und kann auch den Wert anderer gut anerkennen. Wenn ich aber in der Gesellschaft die Erfahrung mache, dass ich unterprivilegiert bin, dass ich also weniger Chancen habe und weniger aufsteigen kann, wird es schwieriger, dieses positive Selbstwertgefühl zu entwickeln. Dann werde ich vielleicht versuchen, abwertende Strategien zu entwickeln, um mich selbst als stark darzustellen. Eine wenig respektvolle Gesellschaft erzeugt also respektloses Verhalten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagte kürzlich „eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung“ auf deutschen Schulhöfen. Hat die Jugend heute ein Respektproblem?

An den Schulen beobachten wir tatsächlich eine Abnahme des positionalen Respekts, und sicherlich gibt es hier und da auch ernste Probleme. Dennoch ist die Klage, dass die Jugend mehr Respekt haben solle, ja schon uralt. Die Gesellschaft verändert sich über die Zeit, sodass ältere Generationen oft das Gefühl haben, ein bestimmtes Verhalten der Jugend sei nicht angemessen. Mit horizontalem Respekt wird nämlich immer wieder neu ausgehandelt, was gelten soll: Gepflogenheiten werden dauernd auf den Prüfstand gestellt, das gilt auch für die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern. Dennoch finde ich, dass die meisten Schüler im Großen und Ganzen durchaus bereit sind, die Einschränkung ihrer Freiheit durch Schule in Kauf zu nehmen. Wichtig ist, dass auch die Lehrer ihren Schülern Respekt entgegenbringen, sie also als eigenständige Wesen anerkennen und ihnen eine andere Meinung zugestehen.

Dennoch scheinen überall um uns herum Populismus und Extremismus zuzunehmen, was nicht unbedingt dafür spricht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die dem horizontalen Respekt verpflichtet ist.

Sagen wir es mal so: Die Bandbreite der Haltungen wächst und auch die Heftigkeit, mit der Konflikte ausgetragen werden. Ich würde die Ursache darin sehen, dass die Welt durch Globalisierung und zunehmende Vernetzung komplexer wird. Und dass wir in unserem direkten Umfeld zunehmend mit Menschen zu tun haben, die anders sind als wir. Um mit dieser Komplexität besser umgehen zu können, ist es notwendig, dass diese Vielfalt besser integriert wird. Das Ziel muss sein, mit dieser Differenz so umzugehen, dass der andere das gleiche Recht auf freie Entfaltung hat wie wir selbst. Das ist unserer Ansicht nach die wirksamste Möglichkeit zur Integration von Unterschiedlichkeit in unserer Gesellschaft.

Das ist leider alles andere als einfach. Was kann jeder Einzelne tun, um in diesen schwierigen Zeiten den eigenen Sinn für horizontalen Respekt zu schärfen?

Erstens ist es wichtig, anzuerkennen, dass Unterschiedlichkeit prinzipiell gut und wünschenswert ist. Zweitens sollte man ernsthaft überlegen: Bin ich selbst in der Lage, Differenz anzuerkennen? Der erste Impuls ist doch oft, Menschen aufgrund ihrer Haltungen oder Meinungen abzuwerten. Damit schränkt man letztlich aber sich selbst auch ein. Es ist ein Prozess zu erkennen, dass Abwertung zu nichts führt. Sonst kommt man nicht ins Gespräch. Wenn ich jemanden, der eine völlig andere Haltung hat als ich, aber horizontal respektiere, führt das eigentlich immer dazu, dass das Gegenüber auch offener wird, mich zu respektieren. Dann muss die andere Person nicht mehr kämpfen. Damit reduziert sich auch die Abwertung.

Tilman Eckloff ist Mitbegründer der interdisziplinären RespectResearchGroup und Professor für Wirtschaftspsychologie an der BSP Business SchoolBerlin. Er bietet Coaching und Diagnostik in den Bereichen Kommunikation, Kooperation und Führung an.

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2017: Nichts zu bereuen!
file_download print

News

Leben
Menschen, die glauben, sie hätten etwas Besseres verdient als andere, bezahlen ihre Einstellung unter Umständen mit bestimmten psychologischen Risiken.
Leben
Wie können wir uns den Start in einen neuen Lebensabschnitt erleichtern? Indem wir das, was bald hinter uns liegen wird, auf eine gute Art verabschieden.
Gesundheit
Wenn Patienten ihre Krankheit zeichnen.