„Bewertungen verstellen den klaren Blick auf die Dinge“

Die Bereitschaft, sich über andere zu empören und ihre Handlungen vorschnell zu beurteilen, ist angestiegen. Das Motto „Leben und leben lassen“ verschwindet immer mehr. Was hinter der Aufgeregtheit steckt, erklärt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer

„Bewertungen verstellen den klaren Blick auf die Dinge“

Die Bereitschaft, sich über andere zu empören und ihre Handlungen vorschnell zu beurteilen, ist angestiegen. Das Motto „Leben und leben lassen“ verschwindet immer mehr. Was hinter der Aufgeregtheit steckt, erklärt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer

Herr Schmidbauer, in Ihrem neuen Buch prägen Sie den Begriff „Helikoptermoral“. Was meinen Sie damit?

Kennzeichnend für die Helikoptermoral sind eine übersteigerte ängstliche Aufmerksamkeit und hastige Bewertungen ganz ohne Empathie und den Blick für die Zusammenhänge. Es entsteht eine Diskussion, die ohne Interesse am Verständnis eines Problems sofort die Bewertung parat hat, das schnelle dramatische Urteil. Die Anklage ist zugleich der Schuldspruch, der Ankläger wird zum Richter und Henker.

Woher kommt Ihr Interesse an diesem Thema?

Ich beschäftige mich schon lange mit der Tatsache, dass in Paarbeziehungen durch Bewertungen sehr viel Schaden entsteht. Und es ist mein Eindruck, dass es generell schwererfällt, Sachen unbewertet zu lassen. Das wäre aber in vielen Situationen das Konstruktivste: dass man erst einmal das Werturteil aufschiebt und versucht, den Kontext zu verstehen.

Und wie kommt der Helikopter ins Spiel?

Das ist abgeleitet von den Helikoptereltern. Hier hat sich diese Tendenz zuerst bemerkbar gemacht: dass man das Kind mit Bewertungen überversorgt, ihm vermittelt, die Eltern wissen in allem besser Bescheid. Und wenn das Kind nach den Bewertungen der...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2017: Nichts zu bereuen!
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