Gegen die Betriebsblindheit

Wir haben oft eine eingefahrene Sicht auf Menschen und Dinge. Nicht selten ist uns der Blick verstellt auf das, was auch sein könnte. Ein Wechsel der Perspektive kann uns davor bewahren, in Lebenssackgassen zu geraten

Gegen die Betriebsblindheit

Wir haben oft eine eingefahrene Sicht auf Menschen und Dinge. Nicht selten ist uns der Blick verstellt auf das, was auch sein könnte. Ein Wechsel der Perspektive kann uns davor bewahren, in Lebenssackgassen zu geraten

Was ist eine Perspektive? Nehmen wir mal an, Sie sind als Autofahrer unterwegs. Jedes Mal, wenn Sie abbiegen, müssen Sie höllisch aufpassen: Von irgendwoher schießt ein Radfahrer heran. Sie denken: „Die Welt wäre viel einfacher, wenn es keine Radfahrer gäbe, auf die man achten muss.“ Am Abend wollen Sie etwas für die Gesundheit tun. Sie nehmen das Fahrrad, und siehe da: Das einzig Störende bei dieser Art der Fortbewegung sind die Autofahrer. Bei nächster Gelegenheit sind Sie selbst als Fußgänger unterwegs, und wieder sieht die Welt ganz anders aus: Die Radfahrer sind völlig unkalkulierbar, und die Autofahrer achten nicht auf die Zebrastreifen …

Eine Perspektive ist eine Sichtweise. Wie wir die Dinge sehen und wie nicht. Dass wir bestimmte Dinge sehen und andere nicht. Entsprechend unserer aktuellen Situation und momentanen Befindlichkeit und Tätigkeit nehmen wir die Welt wahr, filtern und gewichten Informationen. Es ist Menschen nicht gegeben, den totalen Blick zu haben, also alles zugleich zu sehen, wie möglicherweise Gott es vermag, falls es ihn gibt. Die Frage ist jedoch nicht, wie wir zur Totalen gelangen, sondern wie wir der Enge einer einzigen, beschränkten, womöglich trügerischen Perspektive entgehen. Was wir erreichen können, ist ein erweiterterBlick, der uns vor der Gefahr bewahrt, unbedacht in eine Sackgasse zu geraten.

Warum sehen wir bestimmte Dinge und andere nicht? Aus verschiedenen Gründen:

Weil sie unserem Blick entgehen, obwohl sie sehr gut sichtbar sind. Wir betreten die Wohnung und sehen den Blumenstrauß nicht, der unübersehbar den Tisch schmückt. Es liegt daran, dass wir mit dem inneren Blick etwas fokussieren, das uns sehr beschäftigt, und so sehen wir das Naheliegende nicht mehr. Fokussieren ist gut, es ermöglicht sehr viel Konzentration, aber es sollte unterbrochen werden können durch ein Defokussieren, um auch wieder etwas anderes in den Blick zu bekommen.

Weil die Dinge hinter einer Wegbiegung verborgen sind, dort aber sehr wohl existieren. Wir sollten aus der Tatsache, dass etwas nicht sichtbar ist, niemals darauf schließen, dass es nicht existiert. Das gilt auch für die Wissenschaften, die allzu oft den Eindruck erwecken, dass die Wissensarbeit abschließbar und es daher möglich sei, etwas definitiv zu wissen. In Wahrheit unterliegt auch das wissenschaftliche Wissen der Perspektivität, wie die Geschichte der Wissenschaften seit Jahrhunderten stets aufs Neue zeigt. Vor Jahrzehnten meinten die Neurobiologen, es gebe keine Neuroplastizität, also keine Möglichkeit, Neuronen und Synapsen neu zu bilden. Das ist ihnen heute peinlich. Dann behaupteten sie, keinen freien Willen zu finden. Einfach mit etwas mehr Fantasie noch einmal nachsehen!

Weil die Dinge nicht unseren Vorstellungen entsprechen, sodass ihre abweichende Verfassung von uns nicht akzeptiert werden kann, auch dann nicht, wenn empirische Daten dazu vorliegen. Das gilt beispielsweise für die Vorstellung und folglich Erwartung, dass eine Liebesbeziehung harmonisch verlaufen sollte. Dann gibt es Ärger, wie es im Grunde völlig normal ist, aber unseren Erwartungen zuwiderläuft. Wir sollten den Ärger nicht der Beziehung zum Vorwurf machen, sondern unseren Vorstellungen von Beziehung. Einfach die Vorstellungen etwas mehr der erfahrbaren Realität anpassen, schon gelingt die Liebe!

Weil die Dinge nicht unseren Interessen entsprechen, alles andere blenden wir aus, denn es interessiert uns nicht. Es kann sich beispielsweise um ein berufliches Interesse handeln, aber es gibt noch andere Berufe mit ihrer je eigenen Perspektive. Aus der Sicht eines Unternehmers stellt sich die Welt ganz anders dar als aus der Sicht eines Arbeitnehmers. Wenn wir Raucher sind, haben wir klare Interessen, die sofort anders ausfallen, sobald wir das Rauchen aufgeben. Ohne Geld in der Tasche sehen die Dinge anders aus als mit, die Interessen verlagern sich deutlich. Wir müssten nur immer wieder mal für einen Moment von unseren eigenen Interessen absehen und uns für die Interessen anderer interessieren, um ihnen bei Interessenskonflikten entgegenkommen zu können, da wir dann besser verstehen, worum es ihnen geht. Im eigenen Interesse, denn so kommen sie auch uns eher entgegen.

Die Unterschiedlichkeit der Perspektiven ist das, was uns auf Schritt und Tritt begegnet. In den meisten Fällen sind sich Menschen allerdings gar nicht bewusst, dass sie eine Perspektive haben. Es ist ihre Welt, ihre Existenz. Aus subjektiver Sicht handelt es sich um die einzig mögliche und richtige Wahrnehmung des Lebens, der Arbeitswelt und der Welt überhaupt. Daher erscheint es manchmal so befremdlich und bedrohlich, dass andere die Dinge anders sehen. Das ist nicht nur in ganzen Gesellschaften so, sondern auch in einzelnen Unternehmen und Institutionen. Die Perspektive kann von der gedanklichen, kulturellen, sozialen und geografischen Umgebung beeinflusst sein. Aus Spanien sieht die Welt anders aus als aus Norwegen, aus Zürich anders als aus Berlin. Außer dem Raum spielt auch die Zeit eine Rolle: Eine ganze Zeit kann in einer Perspektive gefangen sein, wie erst im historischen Rückblick deutlich wird.

Jede Sichtweise beansprucht die Wahrheit für sich

Perspektiven ändern sich mit der Art des Lebens (Eltern haben eine ganz andere Perspektive als Nichteltern). Sie ändern sich mit der inneren Einstellung (angsterfüllt schauen wir anders als zuversichtlich) sowie mit der Art der Tätigkeit und mit der Funktion innerhalb einer Hierarchie. Anders wird die Perspektive auch durch den häufigen Umgang mit bestimmten Menschen und erst recht durch die aktuelle Lebenssituation, die als negativ oder positiv bewertet wird, was wiederum umgekehrt abhängig ist von der generellen Lebenssicht. Auch mir erscheint manchmal, was gestern noch sinnvoll war, heute sinnlos. Wo gestern der Glanz des Gelingens erstrahlte, tut sich heute das schwarze Loch des Misslingens auf. Mir zu sagen, dass es sich um eine Sichtweise handelt, hilft mir nichts. Die jeweilige Perspektive beansprucht alle Wahrheit für sich, nie mehr wird es anders sein. Und doch kann eine perspektivische Täuschung im Spiel sein: Dass es so negativ, so positiv für immer bleiben wird, ist selten der Fall, meist bleibt es beim Hin und Her zwischen den Gegensätzen des Lebens.

Eine wertvolle Orientierung fürs Leben ergibt sich aus dem imaginierten künftigen Blick zurück, also aus der Vorstellung, vom Ende des eigenen Lebens auf das gelebte Leben zurückzuschauen, um sich aus dieser Perspektive immer wieder neu zu fragen: Kann ich das gegenwärtige Leben bejahen, ist es ein schönes Leben? Könnte ich ohne Bedauern gehen, oder habe ich etwas, das mir wichtig ist, versäumt? Was wäre gegebenenfalls zu tun, um das Leben zu verändern? Bin ich dazu bereit, oder ist mir das gewohnte Leben wichtiger, ist es schon das schöne Leben für mich? Welche Schritte kann ich von der Grenze des Lebens aus in Gedanken rückwärts gehen bis zur Gegenwart, um von hier aus nun die Schritte vorwärts zu machen und zu verwirklichen, was mir wichtig ist?

Ein unfreiwilliger existenzieller Perspektivenwechsel kommt zustande, wenn etwas Unvorhergesehenes ins Leben hereinbricht. Menschen können tiefgreifende Veränderungen vollziehen, wenn ihnen das Leben Anlass dazu gibt. Eine Krankheit wird zur Lebenskrise. Alles sieht plötzlich anders aus, Fragen brechen auf: Was war mein Leben, was ist es, was kann es noch sein? Das bisher gelebte Leben zerbricht, und nun sind die Bruchstücke wieder zusammenzufügen, eventuell auf radikal veränderte Weise, damit der Mensch sich neu finden kann und das Leben wieder lebbar wird. Er kann sagen: Die Krankheit nimmt mir etwas, aber vielleicht gibt sie mir auch etwas, nichts ist für nichts. Womöglich stellt sie mir eine Aufgabe, und ich kann etwas daraus lernen. Sie katapultiert mich in ein anderes Leben und hilft mir, eine andere Sichtweise, eine bisher unbekannte Perspektive des Lebens kennenzulernen.

Sieh’s doch mal so!

Beim Perspektivenwechsel ist der Blick von außen behilflich, wie andere ihn ins Spiel bringen können. Im Gespräch tun sich Perspektiven und Wege auf, an die zunächst gar nicht zu denken war. Eine solche Exovision wäre in vielen Bereichen, Disziplinen und Unternehmen sinnvoll, um eine drohende „Betriebsblindheit“ aufzufangen. Neue Mitarbeiter könnten dafür ausgewählt werden, andere Perspektiven mitzubringen. Vor allem Fachfremde bereichern ein Fach mit dem Blick von außen. Geisteswissenschaftler, angeblich für nichts zu gebrauchen, sind bestens dafür ausgebildet, umfassendere Zusammenhänge zu sehen und zu analysieren. Auch ein Philosoph ist im Wortsinne ein Exot: Von außen her (exothen im Griechischen) blickt er beinahe wie ein Astronaut auf das Treiben auf dem Planeten, auf die Geschichten, Beziehungen und Organisationsformen der Menschen. Wie jeder, der von außen kommt, sieht er etwas anderes als die, die in ihrem Leben „drinstecken“ oder einen Betrieb bis zum Überdruss von innen her (endothen im Griechischen) kennen.

Er weitet meinen Horizont, wenn er zu eng wird, und steuert Gedanken und Aspekte bei, die ich nicht im Blick hatte. Von ihm kann ich diesen Blick aufnehmen und mir zur Gewohnheit machen. Ohne diesen Blick könnte ich versucht sein, im Kreis der inneren Wahrnehmungen und Überlegungen zu verharren. In längeren Abständen überblickt der andere die größeren Intervalle in meinem Leben und kann mir sagen, wohin seiner Meinung nach „die Reise geht“, ob ich auf dem richtigen Weg bin, der mir entspricht, oder ob ich davon abgekommen bin, ob ich unter meinen Möglichkeiten bleibe und welche „Perspektiven“ ich noch habe.

Sich in die Schuhe anderer stellen

Alle Erfahrung spricht dafür, dass das Leben nie nur das ist, was es aktuell zu sein scheint; dass vielmehr immer noch andere Perspektiven möglich sind und keine Perspektive die Fülle der Möglichkeiten erschöpfen kann, die durch Deutung und Erfahrung immer wieder neu auszuloten sind. Glück ist, in entscheidenden Momenten die Menschen zu kennen, die einem das vermitteln, am besten Angehörige und Freunde, aber auch professionelle Helfer, mit denen solche Fragen besprochen werden können. Entwicklung findet auf diese Weise statt. Jeder Perspektivenwechsel erschließt das Leben und die Welt neu, und jedesmal passiert es, dass wir danach nicht mehr verstehen, wie wir zuvor anders denken konnten.

Auch Gerechtigkeit lebt von der Einübung in den Perspektivenwechsel, von der Bereitschaft, sich für einen Moment in die Wahrnehmung des anderen hineinzuversetzen, schon in der Familie, sodann in Gruppen und der ganzen Gesellschaft: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in der anderen Situation wäre? Um besser zu verstehen, was im anderen vorgeht, kann ich versuchen, mich „in seine Schuhe zu stellen“, also mein eigenes Handeln und seine Welt aus seiner Perspektive wahrzunehmen. Vieles lässt sich ausbalancieren durch die Einsicht, dass es noch andere Sichtweisen gibt – und dass absolute Gerechtigkeit unmöglich ist, da es auch hier den totalen Blick nicht gibt und jede Ich-Gerechtigkeit eine Ungerechtigkeit für andere sein kann. Gelingt es, die Verhältnisse so einzurichten, dass sie nicht zum Davonlaufen sind, sind sie halbwegs gerecht, und es lässt sich einstweilen gemeinsam weiterleben.

Alle Seiten würden gewinnen, wenn sie immer wieder für einen Moment versuchen würden, sich in den anderen hineinzudenken. Privat, wirtschaftlich, gesellschaftlich und weltgesellschaftlich hängt vieles von möglichen Perspektivenwechseln ab. Global täten wir heute gut daran, unseren Blick über die eigene Weltregion hinaus zu erweitern. Wie nehmen Menschen in anderen Weltregionen sich selbst und unser Leben wahr? Unternehmer könnten bemerken, dass moderne Volkswirtschaften keine großen Wachstumsraten mehr erzielen, weil eine Sättigung der Märkte erreicht ist. Riesige Wachstumsmöglichkeiten hingegen bieten die Schwellenländer und nichtmodernen Länder, die den weitaus größeren Teil der Welt ausmachen. Es läge im Eigeninteresse der modernen Wirtschaft, diese Märkte zu entwickeln und sich für eine umfassende Entwicklungshilfe einzusetzen, von erwünschten Nebeneffekten wie der Austrocknung des Nährbodens für Flucht oder Terrorismus mal ganz abgesehen. Es ist gefährlich, wenn Menschen „keine Perspektive mehr haben“, womit gemeint ist: keine Aussicht auf Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Dann verengt sich ihre Sichtweise extrem bis zur Punktförmigkeit, das Leben wird aufs Spiel gesetzt, oder es entsteht Extremismus.

Es ist in Ordnung, eine Ich-Perspektive zu haben

Sich der eigenen Lebensperspektive bewusstzuwerden, privat und beruflich, ist ein Element der Lebenskunst. Um des klugen Lebens willen kommt es aber darauf an, auch andere Perspektiven kennenzulernen und zum Perspektivenwechsel in der Lage zu sein.

Geht es nur um unterschiedliche Perspektiven, geht es nicht auch um die Wahrheit einer Wirklichkeit? Vorstellbar ist jedoch, dass die Wahrheit zahllose Aspekte in sich birgt, zu erschließen mit vielen Wahrnehmungen. Wie bei einer Kugel, die aus keiner Perspektive vollständig erfasst werden kann, ergeben erst die vielen verschiedenen Perspektiven zusammen einen Eindruck von ihr. Wir könnten uns also um der Wahrheit willen verstärkt für andere und auch gegensätzliche Perspektiven interessieren, in jeder Beziehung ist das von Bedeutung und ebenso in der Gesellschaft. Es ist ein Vorteil demokratischer Verhältnisse, mit vielen Perspektiven einen besseren Bezug zur Wahrheit zu erreichen, während die in Diktaturen übliche Monoperspektivität in die Sackgasse führt, wie die historische Erfahrung zeigt.

Keine Sorge, wir müssen es nicht übertreiben: Es ist in Ordnung, eine Ich-Perspektive zu haben, wir können sie ohne schlechtes Gewissen beibehalten. Sie ist unsere überschaubare Heimat in einer unübersichtlichen Welt. Mit ihr ist der alltägliche Informationsstrom viel leichter zu sortieren: Das geht mich etwas an, jenes nicht, das ist vordringlich, jenes stelle ich zurück. Aber ab und zu sollten wir uns von der Ich-Perspektive lösen können. Nicht weil das moralisch geboten ist, sondern weil die Welt und unser Leben mit einem weiteren Blick bedeutend reicher werden. Weltläufigkeit und Gelassenheit entstehen auf diese Weise.

Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Umfangreiche Vortragstätigkeit, seit 2010 auch in China und Südkorea. Zahlreiche Buchpublikationen, darunter: Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers. Suhrkamp, Berlin 2016. – Von den Freuden der Eltern und Großeltern. Berlin 2016

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2017: Wie tickt dieser Mensch?
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