Die 100-Stunden-Krippe

In der DDR wuchsen Hunderttausende Babys und Kleinkinder in sogenannten Wochenkrippen auf. Montag früh brachten die Eltern sie in die Krippe und holten sie Freitagnachmittag wieder ab. Was den DDR-Funktionären als Zeichen gelebter Gleichberechtigung galt, hatte für die betroffenen Kinder langfristig verheerende Folgen

Die 100-Stunden-Krippe

In der DDR wuchsen Hunderttausende Babys und Kleinkinder in sogenannten Wochenkrippen auf. Montag früh brachten die Eltern sie in die Krippe und holten sie Freitagnachmittag wieder ab. Was den DDR-Funktionären als Zeichen gelebter Gleichberechtigung galt, hatte für die betroffenen Kinder langfristig verheerende Folgen

Als Alleinerziehende zog Susanne Wagner zwei Söhne groß. Heute ist sie vierfache Oma und hält sich jeden Freitag für ihre Enkelkinder frei. „Die Kleinen sind mir das Wichtigste“, erzählt die 56-Jährige, „ich bin ein totaler Familienmensch.“ Dass sie selbst aber ein DDR-Wochenkrippenkind war, das den größten Teil seiner Säuglings- und Kleinkindzeit fern von der Mutter verbrachte, erfuhr sie erst vor wenigen Jahren. Zwar wusste die geborene Berlinerin, dass ihre alleinerziehende Mutter im Schichtdienst eines Elektroapparate-Werkes in Berlin-Treptow viel arbeiten musste. Doch dass sie mit sechs Wochen in eine Wochenkrippe kam, war Susanne Wagner nicht bewusst. „Ich bin natürlich aus allen Wolken gefallen“, sagt Wagner. „Ich erinnere mich ja an nichts. Aber im Nachhinein wird mir für mein eigenes Leben so einiges klar.“

Inzwischen hat Susanne Wagner recherchiert und weiß: Sie ist eine von vielen. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen über die Anzahl der betroffenen Kinder, doch lassen DDR-Statistiken über Wochenheimplätze auf eine Zahl im sechsstelligen Bereich schließen. Forscher vermuten, dass zwischen 1949 und 1989 weit über hunderttausend Kinder in Wochenkrippen (für Kinder von 0 bis 3 Jahren) und Kinderwochenheimen (für Kinder von 3 bis 6 Jahren) aufwuchsen. Sie wurden also am Montag in der Einrichtung abgegeben und am Freitag – oder manchmal auch erst am Samstag – wieder abgeholt. Vor allem Arbeitnehmer mit unregelmäßigen Arbeitszeiten wie Schichtarbeiter oder Künstler nutzten das Angebot, ebenso junge Mütter, die sich in der Ausbildung befanden. Und Alleinerziehende, die oft schlichtweg nicht wussten, wohin mit ihrem Kind.

Die Idee der Wochenkrippen und Kinderwochenheime ging zurück auf den Wunsch der DDR-Führung, dass die wenigen verfügbaren Arbeitskräfte in der DDR auch tatsächlich arbeiten und gleichzeitig viele Kinder in die Welt setzen sollten. Denn nach dem Krieg waren Arbeitskräfte knapp, und auch die Frauen mussten in die Produktion. Damit sich jedoch die Ziele Arbeitskraftzuwachs und Geburtenzuwachs vereinigen ließen, musste der junge Arbeiterstaat entsprechende Strukturen schaffen. Das Gesetz zum Mutterschutz im Jahr 1951 sorgte für einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung, innerhalb von fünf Jahren entstanden 160 000 Kindergartenplätze, 40 000 Kinderkrippenplätze und 60 000 Heimplätze für Kleinstkinder. Auch der Ausbau von Wocheneinrichtungen wurde in den frühen Jahren der DDR stark forciert: Von 1950 bis 1955 stieg allein die Zahl der Wochenkrippenplätze für Babys und Kleinkinder von 2500 auf 14 300, ein Jahrzehnt später gab es bereits 37 900 Wochenkrippenplätze für Kinder unter drei Jahren. Nach einer Mutterschutzfrist von nur sechs Wochen sollten junge Mütter ihre Kinder ganztags oder wochenweise in einer Krippe unterbringen und schnell an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Drei Jahre später sollte dann der Wechsel in den Ganztagskindergarten folgen und im Alter von sechs Jahren die Einschulung; auch die Nachmittage verbrachten viele jüngere Schulkinder im Hort. Die DDR-Funktionäre priesen diese Entwicklung als Werk der Gleichberechtigung. In Artikel 7 der Verfassung vom 7. Oktober 1949 hieß es: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben.“

Auch die Pädagogin Ute Stary war ein Kinderwochenheimkind. Im Rahmen einer Promotion beschäftigt sie sich heute mit den Auswirkungen der Betreuung in Wocheneinrichtungen und sammelt akribisch ehemalige Standorte. Parallel interviewt sie betroffene Eltern, Kinder und Erzieherinnen. „Ich habe schnell gemerkt, dass es in Bezug auf die Wocheneinrichtungen in vielen Familien nur bestenfalls eine Art Halbwissen gibt“, erklärt sie. „Zum einen weil die Kinder selbst wenig oder keine konkreten Erinnerungen haben. Und weil das Thema in den Familien häufig tabuisiert wird. Wenn ich die Eltern heute frage, warum sie ihre Kinder in eine Wocheneinrichtung gaben, bekomme ich häufig ausweichende Antworten. Oder sie können sich nicht mehr erinnern. Es gab anscheinend eine Art intuitives Wissen darum, dass es nicht die beste Lösung war.“

Das war es in der Tat nicht. Eine ausgebildete Krippenerzieherin hatte fünf bis sechs Kinder in ihrer Obhut und arbeitete im Schichtwechsel, immer wieder mussten die Kinder also Bindungsabbrüche hinnehmen. Der Fokus der erzieherischen Arbeit lag weniger auf den individuellen Bedürfnissen des Säuglings oder Kleinkinds als auf der hygienischen und gesundheitlichen Versorgung der Kinder. Wie diese zu erledigen war, war genau festgelegt in einer Handreichung für Erzieherinnen mit dem Titel Pädagogische Aufgaben und Arbeitsweise der Krippen, einer detaillierten Anweisung, die strengstens die Tagespläne und Ziele der Erziehungsarbeit beschrieb und konkrete Vorgaben für die Entwicklungsaufgaben der Kinder machte. „Man hatte die Vorstellung, dass es bei den Kindern um soziale Objekte ging, die gestaltet werden mussten“, berichtete der Soziologe Hans-Joachim Laewen vom Berliner Institut für angewandte Sozialisationsforschung in einer SWR2-Sendung über Kinderkrippen in der DDR. „Entsprechend hat man wenig Rücksicht auf die Individualität der Kinder genommen, sondern sie konfrontiert mit Erwartungen, die auf normgerechtes Verhalten zielen.“

Ute Stary etwa berichtet von Gesprächen mit ehemaligen Wochenkrippen-Erzieherinnen, wonach die Babys lediglich zum Füttern und Wickeln aus ihren Bettchen genommen wurden. „Es sei partout untersagt gewesen, die Babys herauszunehmen, weil sie sonst verwöhnt werden würden“, erklärt Stary. „Das haben mir ehemalige Erzieherinnen und Auszubildende solcher Einrichtungen erzählt. Mich hat das sehr erschüttert. Wie sollen kleine Kinder motorische oder soziale Anregungen finden, wenn sie in der Wachphase die ganze Zeit in ihren Bettchen sitzen? Was ist mit emotionaler Zuwendung wie Trost und Nähe? Heute wissen wir, wie wichtig der Aufbau einer stabilen sicheren Bindung ist. Dazu zählt unter anderem, als Kind seine Bezugspersonen als verlässlich zu erleben.“

Insgesamt scheint es, als ob die Führungsriege der DDR den Eltern in erzieherischer Hinsicht nicht über den Weg traute. Zwar konnten Kinder in Wocheneinrichtungen rein theoretisch auch unter der Woche von den Eltern abgeholt werden, wenn diese frei hatten – praktisch aber rieten die Erzieherinnen oft davon ab, weil dadurch die sogenannte Kontinuität der Erziehungsarbeit in den Krippen gestört würde. Bisweilen blieben Kinder, schreibt die Soziologin Elke Großer, bei ungünstigen Arbeitszeiten der Eltern deshalb bis zu drei Wochen ununterbrochen in der Krippe oder dem Kinderwochenheim. Der Arbeiterstaat hatte seine ganz eigene Agenda: Die möglichst frühzeitige Betreuung von Kindern sollte auch dafür sorgen, dass deren Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten sichergestellt wurde. So formulierte es Bildungsministerin Margot Honecker: „Wir sollten einen Menschen erziehen, der ein Kollektivmensch unserer Zeit ist, der weit mehr für das gesellschaftliche Leben als für seine persönlichen Interessen lebt.“

Bereits Mitte der 1950er Jahre allerdings war klar, dass die Erziehung in Wochenkrippen für die dort betreuten Babys und Kleinkinder äußerst schädlich war. Die Ärztin Eva Schmidt-Kolmer von der Humboldt-Universität in Ostberlin untersuchte die Entwicklung von 1700 Krippenkindern in der DDR, darunter auch Wochenkrippenkinder. In allen Untersuchungsbereichen – Sprache, Motorik, emotionale Entwicklung, körperliche Gesundheit – zeigten die Wochenheimkinder gegenüber den regulären Krippenkindern gravierende Defizite. Sogar Hospitalismus war eine häufige Folge der Betreuung in Wocheneinrichtungen. Doch die Risiken, die durch die Kollektivbetreuung bestanden, fanden kaum Beachtung. Der Ausbau der Wocheneinrichtungen schritt rasend schnell voran, und die Errichtung der Berliner Mauer am 13. August 1961 beschleunigte noch einmal die ideologische Ausrichtung in Pädagogik und Kleinkindforschung: Was bislang an reformpädagogischen Ansätzen vorhanden gewesen war, wurde nun zurückgefahren, auch Arbeitsgruppen zur Bindungstheorie mussten sich auflösen. Die politischen Ziele des Arbeiterstaats waren weit wichtiger als die individuellen Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern. So schrieb die Justizministerin Hilde Benjamin am 25. April 1962 an ihren Kollegen Gesundheitsminister Max Sefrin: „Mir ist bekannt, dass führende Kinderärzte, besonders Frau Dr. Eva Schmidt-Kolmer, die Auffassung vertreten, dass Kinder in den Wochenkrippen sich langsamer entwickeln. Aus diesem Grund befürwortet sie höchstens die Unterbringung von Kindern in Tagesgruppen und betont das erhebliche Bedürfnis der Kleinkinder nach Nestwärme … Ich halte es daher für dringend notwendig, dass eine ideologische Klärung bei den Ärzten über die Bedeutung der Unterbringung von Kleinkindern in Wochenheimen für die Sicherung der Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frau erfolgt.“

Eine wirklich enge Bindung an die Eltern kam oft nicht zustande

Ab Mitte der 1960er Jahre verringerte sich die Zahl der Wochenheimplätze langsam. 1967 wurde die 5-Tage-Woche eingeführt, ab 1976 konnten sich Mütter nach der Geburt des zweiten Kindes bei voller Bezahlung ein Jahr freistellen lassen. Die nächste Generation war im Arbeitsmarkt angekommen, man war nicht mehr so darauf angewiesen, die Mütter am Arbeitsplatz zu halten. Zum ersten Mal in der Geschichte der DDR stieg nun die Geburtenrate: Nicht die umfassenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten, sondern die Freiheit, sich selbst um das Baby zu kümmern, ließ die Frauen also mehr Kinder bekommen. Über die Jahre sank damit auch die Zahl der Wocheneinrichtungen, im Jahr 1989 machten sie nur noch 1,6 Prozent der Betreuungseinrichtungen aus. Der Trend ging zur Familie. Und auch eine Überarbeitung der Bildungs- und Erziehungspläne für Krippe und Kita Mitte der 1980er Jahre ließ auf eine größere Wertschätzung der emotionalen Bindung zwischen Kindern und ihren Eltern schließen. Dennoch wurden 1989 noch 4800 Kinder in Wocheneinrichtungen betreut.

Für die inzwischen erwachsenen Kinder, die in Wocheneinrichtungen betreut worden waren, kamen diese Entwicklungen jedoch zu spät. Viele haben im Laufe ihres Lebens auf vielfältige Art und Weise mit den Folgen der frühen Mutter- und Vaterentbehrung zu kämpfen gehabt. Eine wirklich enge Bindung an die Eltern kam oft nicht zustande, Sicherheit und Geborgenheit erfuhren sie nicht in dem Maße, in dem sie es gebraucht hätten. Viele litten an Ängsten, Depressionen oder sozialen Schwierigkeiten, einige leiden noch heute daran. „Von meinen Gesprächspartnern berichten viele von Minderwertigkeitsgefühlen und von Gefühlen des Fremdseins“, erzählt Ute Stary. „Und auch Beziehungen fallen ihnen oft schwer. Sie klagen über schwierige Verhältnisse zu leiblichen Eltern oder über Probleme, sich in Partnerschaften einzulassen und den eigenen Kindern gerecht zu werden.“

Auch Susanne Wagner glaubt, dass ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie nicht in der Wochenkrippe gewesen wäre. „Ich hatte in meiner Jugend wirklich depressive und haltlose Phasen und habe sehr lange gebraucht, um meinen Platz im Leben zu finden. Manchmal denke ich, dass meine Ehe vielleicht noch Bestand hätte, wenn ich nicht in der Wochenkrippe gewesen wäre. Ich konnte mich einfach ganz schlecht binden.“ Froh ist sie allerdings, dass die Beziehung zu ihren Kindern gelang. Ihnen konnte sie die Nähe und Sicherheit geben, die sie selbst nicht erfahren hatte. Inzwischen hat sie sich einigermaßen versöhnt mit ihrer Geschichte und auch mit ihrer Mutter.

Ute Stary hofft auf eine stärkere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sowie die Schaffung von Anlaufstellen und gezielten Beratungsangeboten in den nächsten Jahren. Bis es soweit ist, unternimmt die Pädagogin weiterhin die schwierige Gratwanderung, über ein Thema zu forschen, das sie selbst unmittelbar betrifft. „Ich habe zwar inzwischen viel im Rahmen von Selbsterfahrung und Biografiearbeit bewältigt, aber ich muss immer genau schauen, eine professionelle Distanz zu wahren, weil da sehr starke emotionale Schicksale zutage kommen“, sagt sie. „Traumatisierung ist oft das richtige Wort. Auch für mich ist das Kinderwochenheim eine fundamentale Prägung. Jedes neue ehemalige Kind aus Wocheneinrichtungen, das ich interviewe, berührt immer wieder auch meine eigene Geschichte.“

Für ihre Forschungsarbeit sucht die Pädagogin Ute Stary nach weiteren Standortangaben zu ehemaligen Wochenkrippen und Kinderwochenheimen in der DDR sowie nach Zeitzeugen, die entweder selbst in einer solchen Einrichtung waren, ihre Kinder in eine solche Einrichtung gegeben haben oder in einer solchen Einrichtung gearbeitet haben. Auch an jeglichen Zeitdokumenten (Fotos, Hausordnung, Dienstpläne, Arbeitsverträge, Unterlagen) zum Thema ist sie interessiert und freut sich über eine Mail anute.stary@icloud.com.

„Man verkannte in der DDR die Bedeutung von Bezugspersonen“

Karsten Laudien ist Professor für Ethik an der Evangelischen Hochschule Berlin. Er beschreibt die Hintergründe und Folgen der DDR-Kollektiverziehung

Herr Laudien, offiziellen Zahlen zufolge waren 440 000 Kinder und Jugendliche zwischen 1949 und 1990 in der DDR in regulären Kinderheimen untergebracht. Das wäre eine sehr hohe Zahl. Ist sie wirklich korrekt?

Ja, sie ist gut recherchiert. Sie erscheint hoch, allerdings gab es damals im Bereich der Jugendhilfe nur wenig Alternativmethoden für die Heimerziehung. 80 Prozent der Heimkinder wurden in der DDR in sogenannten Normalkinderheimen und 20 Prozent in Spezialheimen untergebracht. Diese Aufteilung bildet das System der DDR-Pädagogik ab. Es bestand aus zwei Kategorien von Kindern: sogenannten normal erziehbaren und sogenannten schwer erziehbaren.

Was war der Unterschied zwischen Normalheimen und Spezialheimen?

Für die „normal erziehbaren“ Kinder bemühte man sich, einen guten Elternersatz im Kinderheim zu schaffen. Für die „schwer erziehbaren“ Kinder galt das Prinzip der Umerziehung in den Spezialheimen und Jugendwerkhöfen. Dort stand die disziplinarische Ordnung im Zentrum, die mit groben und grausamen Strafen durchgesetzt wurde.

Welches Konzept von Erziehung herrschte in der DDR vor?

Die DDR-Pädagogik war von der Idee eines antibürgerlichen Neuanfangs geprägt. Im Kommunistischen Manifest (1848) steht sinngemäß: Wir Kommunisten entreißen den bürgerlichen Familien ihre Kinder und erziehen sie zu wahrhaften Menschen. Dieser skeptische Blick auf die Familie als Keimzelle des Staates stellt den theoretischen Hintergrund der DDR-Pädagogik dar. In diesem Sinne wurde der Kollektiverziehung gegenüber der elterlichen – also bürgerlichen – Erziehung ein hoher Stellenwert zuerkannt. Dies galt insbesondere dann, wenn als Gründe für Heimeinweisungen auch politische Aspekte eine Rolle spielten. Man hielt die Kollektiverziehung für so effektiv, dass man in den ersten Jahrzehnten der DDR glaubte, dass die Jugendhilfeeinrichtungen bald nicht mehr gebraucht würden, weil diese Erziehung dazu führen werde, dass im Sozialismus keine Sozialprobleme entstünden.

Heute wissen wir, dass es für Kinder das Wichtigste ist, eine stabile Elternbindung zu haben.

Das hat uns die Bindungstheorie erklärt. Sie war ab den 1960ern im Osten und Westen bekannt, aber wurde im Osten abgelehnt. Sie stellt die Kollektiverziehung infrage. In der DDR war man lange Zeit überzeugt, es sei ausreichend, den Kindern gute Erziehungsbedingungen äußerlicher Art zu bieten, verkannte aber die Bedeutung von Bezugspersonen. Die Kinder bekamen also zu essen, wurden beschäftigt und gepflegt und gingen zur Schule. Das sollte reichen. Bis in die 1970er Jahre wurde auch auf die Geschwisterbindungen keine Rücksicht genommen. Deshalb galten die Normalheime in der DDR auch als guter Ersatz einer elterlichen Situation.

Gehören auch die Wochenheime für Sie zu den Kinderheimen?

Viele Heimkinder berichten, dass ihre sogenannte Heimkarriere im Wochenheim begann. In den 1950er und 1960er Jahren waren ja sehr viele Kinder dort untergebracht. Wenn die Kinder sich dort nicht gut führten und Verhaltensauffälligkeiten entwickelten, wurden sie in ein Normalheim übergeben. Es ist noch nicht systematisch geprüft worden, welche Konsequenzen es hatte, dass in der DDR sehr viele und sehr kleine Kinder den größten Teil ihrer Kindheit außerhalb ihrer Familie aufwuchsen.

Worunter leiden die ehemaligen Heimkinder nach bisherigen Erkenntnissen am meisten?

Viele ehemalige Heimkinder sind anfällig dafür, sich selbst die Schuld zuzuschreiben für das, was mit ihnen geschah. Solche Selbstzuschreibungen werden durch Demütigungserfahrungen und unsensible Erzieher intensiviert. Die Menschen, die sich bei uns melden, sind häufig von diesen Selbstwertproblemen geprägt.

Sie haben die Zeitzeugenplattform Jahrhundertkind ins Leben gerufen. Warum?

Jeder Betroffene kann dort als Zeitzeuge auftreten und die Aufarbeitung selbst gestalten, er kann zum Beispiel einen Bericht über seinen Heimaufenthalt schreiben und damit einen Beitrag leisten, dass es zukünftigen Heimkindern besser geht. Das Ziel einer solchen Bemühung besteht darin, sich mit dem eigenen schweren Schicksal zu versöhnen, um das Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können.

Interview: Anne-Ev Ustorf

Karsten Laudien studierte Theologie und Philosophie in Berlin und Paris. Seit 2004 hat er den Lehrstuhl für Ethik an der Evangelischen Hochschule Berlin inne. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Heimerziehung sowie angrenzende Gebiete wie die Vormundschaft und der Kinderschutz. 2013 gründete Laudien das Deutsche Institut für Heimerziehungsforschung.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2017: Selbstsabotage
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