Machst du mich nach?

Unbewusst imitieren wir ständig andere Menschen. Dadurch entwickeln wir unsere Fähigkeiten weiter. Oder signalisieren ganz einfach: Ich mag dich

Wer macht hier wen nach? Wenn uns jemand imitiert, ist er uns symphatisch. © Michel Streich

Wir sind alle Nachahmer – und das ist gut so!

Wir ahmen ständig nach, was andere tun. Das ist ein Erfolgsgeheimnis unserer Spezies. Imitation bringt uns voran, lehrt uns Neues. Doch Nachahmen ist auch zwischenmenschlich überraschend hilfreich

Sandra ist mit einem potenziellen Geschäftspartner zum Essen verabredet – sie bestellt dasselbe wie er. Zwei Tische weiter fährt sich Ina bei ihrem ersten Date mit Kilian nervös durch die Haare – kurz darauf schiebt er eine Strähne zur Seite. Was haben Kilian und Sandra gemeinsam? Sie imitieren das Verhalten ihres Gegenübers. Warum? Beide wollen gemocht werden. Das ist aber nicht der einzige Grund, wieso wir andere nachmachen.

Ob unter Geschwistern, Freunden, Partnern oder Kollegen: Ständig imitieren wir andere – wie sie sitzen, stehen, gehen, aber auch wie sie sprechen, dabei ihre Hände und Gesichtsmuskeln bewegen. Die Fähigkeit, das Verhalten des Gegenübers zu spiegeln, bezeichnet man auch als Chamäleoneffekt oder soziale Mimikry. Wir tun dies ganz automatisch und unbewusst.

Ihm nach, bei Rot über die Ampel

Wir imitieren aber längst nicht jeden. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Auf dem Weg zur Innenstadt stehen Sie an einer roten Fußgängerampel. Plötzlich geht ein Mann an Ihnen vorbei über die Straße. Ein Radfahrer kann ihm gerade noch ausweichen und wird von ihm auch noch angepöbelt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie nun auch bei Rot gehen.

Wie aber sieht die Situation aus, wenn eine ganz andere Person die Straße bei Rot überquert – jemand, der Ihnen gleicht? Dieser Mensch hat eine ähnliche Frisur, die gleiche Tasche, und er hat ebenfalls, so wie Sie, einen Hund dabei. Obwohl Ihnen auch diese Person fremd ist, ist es nun viel wahrscheinlicher, dass Sie es ihr nachmachen und die rote Ampel ignorieren. Wie lässt sich das erklären?

Zum einen imitieren wir eher Menschen, mit denen wir uns identifizieren können – die sogenannte Eigengruppe. Wir teilen bestimmte Merkmale mit Personen in dieser Gruppe, etwa Aussehen, Kleidung, Vorlieben, Nationalität. Sie erfahren, dass Ihre Gesprächspartnerin auch Sophie heißt? Schon verbindet sie etwas. Sie sind nun Teil der Eigengruppe von Menschen mit dem Vornamen Sophie. Obwohl es nur ein Name ist: Seit dem Augenblick, in dem Ihnen diese Gemeinsamkeit bewusst wurde, haben Sie das Gefühl, eine Art Bindung zu dieser Person zu haben. Was Ihnen aber meist nicht bewusst wird: Sie fangen auch an, das Verhalten der Person zu kopieren, wippen beispielsweise mit dem Fuß, wenn sie es ebenfalls tut.

Die Sprache verändert sich

Wir imitieren aber auch, um dazuzugehören – wenn wir uns also mit einer bestimmten Gruppe von Menschen identifizieren wollen. Eltern pubertierender Kinder können ein Lied davon singen. Aber auch Erwachsene tun das. Wenn Sie beispielsweise einen neuen Job in einem anderen Bundesland beginnen, fällt Ihren Freunden aus der Heimat nach einiger Zeit vielleicht auf, dass Sie plötzlich andere Wörter benutzen. So hat sich zum Beispiel klammheimlich das „ne?“ in Ihren Sprachgebrauch eingeschlichen. Unbewusst haben Sie sich sprachlich an Ihre neuen Kollegen angepasst.

Neben der Ähnlichkeit beeinflusst auch unsere Sympathie für eine Person, wie stark wir sie nachahmen. Den pöbelnden Bei-Rot-Geher imitieren wir also auch deshalb nicht, weil wir uns mit ihm nicht identifizieren wollen – schließlich möchten wir kein Unsympath sein. Auch müssen wir uns regelrecht dazu aufraffen, das Lächeln der unsympathischen Tante zu erwidern. Aber wie sieht es umgekehrt aus? Hängt die Sympathie vielleicht auch davon ab, ob andere uns nachahmen?

Imitation hilft uns, Beziehungen aufzubauen

Das wollte Maike Salazar Kämpf genauer wissen. „Und was“, so sagte sich die Psychologin von der Universität Leipzig, „wäre dafür besser geeignet als ein Kennenlerngespräch?“ Deshalb studierte sie zusammen mit ihren Kollegen das Verhalten von fast 140 Menschen, die zum ersten Mal miteinander sprachen. Vorher und nachher wurden die Probanden gefragt, wie sympathisch ihnen ihr Gegenüber war. Würde die anfängliche Sympathie die soziale Mimikry beeinflussen? Oder würde umgekehrt mehr Imitation das Sympathieniveau heben?

Wie sich herausstellte, ist beides der Fall. Wir imitieren vor allem Menschen, die uns sympathisch sind. „Durch soziale Mimikry signalisieren wir, dass wir den anderen mögen“, sagt Salazar Kämpf. Das Signal kommt auch an: So denken wir, dass uns Personen, die uns imitieren, sympathisch finden. Gleichzeitig werden uns solche Menschen, indem sie uns imitieren, auch ihrerseits sympathischer. Durch soziale Mimikry kann man also Pluspunkte bei anderen sammeln.

Mimikry steigert die Hilfsbereitschaft

„Alles in allem“, erläutert die Psychologin, „denke ich deshalb, dass wir diese Form der Imitation wohl unbewusst einsetzen, um gemocht zu werden.“ Soziale Mimikry hilft uns, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen. Sie wirkt wie ein „sozialer Kleber“. Es entsteht eine Bindung, ein Rapport, ein Gefühl der Verbundenheit.

Somit wundert es nicht, dass durch soziale Mimikry auch unsere Hilfsbereitschaft steigt. Sobald unser Gegenüber zum Beispiel dieselben Gesten verwendet, dieselbe Sitzhaltung einnimmt wie wir, sind wir dieser Person tendenziell wohlgesonnen. Wir sind dann viel eher geneigt, ihr zu helfen, wenn sie beispielsweise etwas fallen lässt oder um Geld bittet – beides wurde in Studien belegt. Erstaunlicherweise stellt sich diese Großzügigkeit nicht nur gegenüber dem Betreffenden selbst ein. Auch andere profitieren davon, wie die Fortsetzung unseres Straßenszenarios verdeutlicht:

Teilnehmer spenden häufiger und mehr

Nachdem Sie die Straße bei Rot überquert haben, setzen Sie Ihren Weg fort. Da spricht Sie eine Passantin an und fragt, wie sie zur Stadthalle kommt, was Sie ihr bereitwillig erklären. Fünfzig Meter weiter will schon wieder jemand etwas von Ihnen. Diesmal geht es um Geld für ein Busticket. Nun sollte man meinen, dass das Verhalten der Frau, die nach dem Weg fragte, keinen Einfluss darauf hat, ob und wie viel Geld Sie nun dieser zweiten Person spenden. Dem ist aber nicht so, wie eine Studie aus der Bretagne ergab. Wenn die Frau die Wegbeschreibung der Versuchsteilnehmer wiederholt oder zusätzlich noch deren Zeigegesten und Kopfbewegungen imitiert hatte, dann spendeten die Teilnehmer anschließend häufiger und im Schnitt auch etwas mehr.

Wir verhalten uns also nicht nur prosozialer, weil uns jemand, der uns imitiert, sympathisch ist. Vielmehr verstärkt soziale Mimikry ganz allgemein prosoziale Tendenzen – auch gegenüber Dritten. Zum Beispiel steigert sie unsere Neigung, mit anderen zu kooperieren: Wir arbeiten laut Studien eher mit Menschen zusammen, die uns zuvor imitiert haben, und finden mit ihnen auch eher Kompromisse.

Eine Spezies von Nachahmern

Soziale Mimikry beeinflusst unser Verhalten somit auf mehreren Ebenen: Menschen, die uns imitieren, finden wir sympathischer, wir fühlen uns ihnen verbundener, sind ihnen und anderen gegenüber hilfsbereiter und kooperieren eher mit ihnen. „Wenn man sich mag und aufeinander einlassen kann, ist es einfacher, Kompromisse zu finden. Dadurch wird auch das Gruppenleben vereinfacht“, sagt Salazar Kämpf.

Genau dort – in Gruppen – kommt eine komplexere und bewusstere Form der Imitation zum Zuge. Ihr verdanken wir es wohl, dass wir nicht in der Steinzeit hängengeblieben sind, wie die Anthropologen Kim Hill, Michael Barton und Magdalena Hurtado von der Arizona State University neben anderen Faktoren vermuten. Dabei geht es um mehr als die automatische Mimikry von Körperhaltungen und -bewegungen (die man ohnehin in seinem Verhaltensrepertoire hat), nämlich um das Nachmachen konkreter Handlungen.

Schaufel, Hammer, Toaster bedienen

So muss es irgendwann in der frühen Geschichte unserer Spezies jemanden gegeben haben, der zum ersten Mal einen Stein nahm und damit erfolgreich eine Nuss knackte. Andere konnten nun von dieser innovativen Person lernen, indem sie die Handlung imitierten. Imitation ist eine Form des sozialen Lernens.

„Imitationslernen ist besonders dann notwendig, wenn die innovative Handlung nicht rekonstruiert werden kann“, erläutert Rachel Kendal, Verhaltensbiologin an der Durham University in Großbritannien. Beispielsweise können zwar auch andere auf die Idee kommen, mit dem Stein auf eine Nuss zu schlagen. Um sie zu knacken, erfordert es aber eine gewisse Technik: Der Winkel, die Kraft und die Position müssen stimmen. Wenn man es durch Ausprobieren nicht selbst schafft, muss man die richtige Technik von einer anderen Person abschauen.

Das gilt auch für Werkzeuge an sich: „Im Laufe unserer Evolution sind unsere Werkzeuge und Artefakte so komplex geworden, dass es immer weniger Dinge gibt, die wir noch ohne Imitation hinbekommen“, sagt Kendal. Unsere moderne Welt besteht aus unzähligen Werkzeugen, die es zu beherrschen gilt. Sicher: Vieles wird uns von anderen beigebracht. Die wenigsten setzen sich in ein Auto und versuchen das nachzumachen, was sie bei Papa und Mama beobachtet haben. Dennoch gibt es unzählige Geräte, deren Bedienung wir durch Beobachtung und Imitation von anderen lernen, wie Schaufel, Hammer, Staubsauger, Toaster oder Smartphone. „Angenommen wir könnten all dies nicht mit hoher Genauigkeit nachmachen, würden wir wohl ein Leben lang damit verbringen, uns das alles selbst beizubringen“, erläutert Kendal. Indem wir von anderen lernen, müssen wir das Rad nicht immer wieder neu erfinden.

Die kumulative Kultur

Die gewonnene Zeit können wir besser nutzen – indem wir das Gelernte erweitern oder verbessern. Eins der ersten Werkzeuge, das so geschaffen wurde, war wohl die Axt. Ihre Bestandteile – ein stabiles Stück Holz, ein Seil und ein zurechtgeschliffenes Stück Stein – mussten separat gefertigt und dann kombiniert werden. Basierend auf dem Wissen anderer, erschaffen wir also auch Neues. So häufen sich kulturelle Errungenschaften. Die Axt nutzen wir, um Bäume zu fällen, deren Holz wir zu Pfeil und Bogen oder Booten verarbeiten. Letztere wurden mit der Zeit größer, schneller und stabiler. Solch eine ständige Weiterentwicklung des bisher Erreichten nennt man kumulative Kultur.

Die Straßenbahn, die Sie zur Arbeit bringt, den Kaffee, den sie jeden Morgen per Knopfdruck bekommen, oder auch diesen Artikel gibt es nur dank kumulativer Kultur. Sprache und Schrift sind wohl die wichtigsten kulturellen Errungenschaften, die unsere Spezies hervorbrachte. Gerade solche nichtmateriellen Aspekte von Kultur werden ganz besonders durch Imitationslernen geprägt. Wie auch Gesten, Rituale oder Tänze bestehen sie aus willkürlichen Zeichen oder Bewegungen, auf die man sich in einem bestimmten Kulturkreis verständigt hat.

Die Bedeutung von Gesten

Wenn nicht, gibt es Missverständnisse: In unserem fiktiven Szenario setzen Sie Ihren Weg durch die Stadt fort. Sie laufen gerade über einen kopfsteingepflasterten Platz, da knicken Sie um und stürzen. Ein Mann hilft Ihnen hoch und erkundigt sich auf Englisch, ob Sie sich verletzt haben. Noch geschockt, signalisieren Sie ihm nur mit einer „Daumen hoch“-Geste, dass alles in Ordnung ist. Der Mann wirkt plötzlich beleidigt und geht wortlos weg. Denn unser hilfsbereiter Passant kommt aus Australien, und dort hat diese Geste eine ganz andere Bedeutung, die eher unserem gereckten Mittelfinger entspricht.

Die Bedeutung von Gesten – wann, wo und wie man sie einsetzt – lernen wir durch die Beobachtung und das Imitieren der Menschen um uns herum. So erlernen wir auch die vielen sozialen Normen, an die wir uns halten. Wie man sich begrüßt zum Beispiel. Kein Wunder also, dass wir bereits von klein auf imitieren. „Kinder schauen uns ständig auf die Finger und versuchen uns nachzumachen“, erläutert Sabina Pauen, Psychologin an der Universität Heidelberg. Besonders beim Erwerb von Sprache ist Imitation unverzichtbar. Das kann auch lustige Nebeneffekte haben, wenn etwa Zweijährige Sätze wie „Ich krieg ’ne Krise!“ oder „Du hast doch ’nen Knall!“ nachplappern.

Ohne Imitation ins All?

Durch Sprache wurde es erst möglich, anderen zu erklären, was man tut und warum man es tut. Sie machte es wesentlich einfacher und effizienter, Informationen mit hoher Genauigkeit an andere weiterzugeben. Es kostet den „Lehrer“ jedoch viel Mühe und Zeit, anderen sein Wissen zu vermitteln. Was ihn dazu motiviert, ist wiederum der zwischenmenschliche Aspekt der sozialen Mimikry, der Beziehungen, prosoziales Verhalten und Kooperation fördert. So ist man viel eher dazu bereit, jemandem, den man mag und mit dem man zusammenarbeitet, etwas Neues nicht einfach nur vorzumachen, sondern auch zu erklären.

Durch die Manifestation von Sprache in Schrift war es plötzlich auch möglich, Wissen für zukünftige Generationen festzuhalten. Sprache und Schrift sind somit nicht nur Produkte der Kultur, sondern tragen auch wesentlich zu ihrer Erweiterung bei. Dieser kumulativen Kultur haben wir es zu verdanken, dass wir genügend Fertigkeiten entwickeln und Werkzeuge herstellen konnten, um fast alle erdenklichen Lebensräume zu besiedeln und sogar ins All zu fliegen. Wer weiß, ob wir das auch ohne Imitation geschafft hätten. PH

Die Illustration zeigt zwei Chamäleons, die sich aufrecht gegenüberstehen und vorwurfsvoll anschauen
Wer macht hier wen nach? Wenn uns jemand imitiert, ist er uns symphatisch

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

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