Manipulation durchschauen

Immer wieder lassen wir uns im Alltag von anderen lenken, beeinflussen oder sogar ausnutzen. Das muss nicht sein!

Oft bemerken wir gar nicht, wenn andere uns steuern © Orlando Hoetzel

Manipulation durchschauen

Immer wieder lassen wir uns im Alltag von anderen lenken, ­beeinflussen oder sogar ausnutzen. Doch gegen Manipulationsversuche von Partnern, Kollegen und Verwandten kann man sich ­abgrenzen: indem man die psychologischen Mechanismen ­dahinter versteht und innere Warnsignale bewusst wahrnimmt

Eigentlich mag Simone Martens ihre Schwester. Doch als Melanie vor einiger Zeit ohne Ankündigung bei ihr vor der Tür stand, weil sie „überraschend“ ­vorübergehend in München arbeite, fühlte sich Simone Martens unangenehm überrumpelt. Die Schwester bat in flehendem Ton, ein paar Nächte bei Simone wohnen zu dürfen, um sich von dort aus eine Bleibe zu suchen. Sie habe sich zu spät gekümmert, das sei „doch hoffentlich kein Problem“. Zögerlich willigte Simone ein, schließlich freute sie sich auch, ihre Schwester zu sehen. Doch bei der Wohnungssuche verhielt diese sich dann unerwartet passiv: Weder schaute sie sich Annoncen an, noch suchte sie im Netz. Stattdessen ging sie tagsüber arbeiten, entspannte abends in Simones Wohnzimmer vorm Fernseher und bat schließlich: „Kannst du mit deinen vielen Bekannten in der Stadt nicht mal gucken, wo ich unterkommen kann? Hier ist es so schwer, etwas zu finden.“ Auch weil es ihr zu eng und zu viel wurde, rief Simone ein paar Freunde an. „Doch schon währenddessen fragte ich mich: Warum mache ich das eigentlich? Das muss Melanie doch selbst regeln“, sagt die 34-Jährige im Rückblick. Und obwohl ihre Schwester am folgenden Tag in ein Zimmer bei Freunden einziehen konnte, die im Ausland waren, blieb Simone Martens verstimmt und nachdenklich: Wie hatte ihre Schwester es bloß geschafft, sie derart einzuspannen?

Weit verbreitet

Das ungute Gefühl, von anderen ausgenutzt oder manipuliert worden zu sein, kennt jeder. Es muss nicht unbedingt eine Katastrophe sein. „Manipulationsversuche sind alltäglich. Sie passieren in Partnerschaften, in der Familie und im Berufsleben tausendfach“, sagt Rainer Sachse, Professor für klinische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Eine Manipulation ist es laut Sachse bereits, wenn der Partner versucht, einen mit Charme und sanfter Quengelei dazu zu bringen, abends zu Hause zu bleiben, statt Freunde zu treffen. Oder wenn ein Freund beleidigt reagiert, wenn man minimal zu spät kommt, weil er „absolute Pünktlichkeit“ erwarte. Wenn andere versuchen, uns mit Bemerkungen, Vorwürfen oder Schmeicheleien in ihre Richtung zu dirigieren, muss das weder hinterlistig noch aggressiv sein, es ist schlicht Teil der Kommunikation. „Wir alle werden von anderen gelenkt – und wir versuchen auch selbst, andere zu lenken“ sagt Sachse, der ein Fachbuch mit dem Titel Manipulation und Selbsttäuschung geschrieben hat.

Dennoch sei es wichtig, einen Blick dafür zu entwickeln, wann andere versuchen, uns zu dirigieren, so Sachse: „Denn wir werden durch manipulatives Verhalten ja tatsächlich dazu gebracht, Dinge zu tun, die wir ursprünglich nicht tun wollten. In diese Dynamik sollte man eingreifen können, wenn man es für nötig hält.“ Denn so harmlos die Einflussnahme in vielen Fällen sein mag, so sehr kann sie in anderen Fällen belasten oder schaden. Die Frage sei immer, wie massiv der andere einzugreifen versucht, erklärt Sachse. Im Fall des Partners, der will, dass man abends zu Hause bleibt, sei es beispielsweise eher harmlos, wenn dieser zwar schmeichelt und quengelt, aber von seiner Manipuliermasche auch wieder abrückt, sobald er merkt, dass man sich gerade nicht einwickeln lassen will. Bedenklicher werde es, wenn der Partner immer vehementer wird, zu Beleidigungen greift, ein schlechtes Gewissen macht oder ernsthaft sauer wird. Auch weil das Spektrum von Manipulationsversuchen von harmlos bis toxisch reiche, ist es laut Rainer Sachse zunächst wichtig, zu verstehen, wann und wie ein Gegenüber versucht, seinen Einfluss auszuspielen.

Schritt eins: Auf Unstimmigkeiten achten

„Die Grenze zwischen Beeinflussung und Manipulation ist fließend“, erklärt die Berliner Psychologin und Mediatorin Alexandra Bielecke, Ausbilderin am „Schulz von Thun Institut für Kommunikation“. Um überhaupt zu bemerken, dass man manipuliert wird, ist es laut Bielecke ein wichtiger erster Schritt, auf eigene Emotionen in der Situation zu achten: „Wenn sich ein Störgefühl einstellt oder ein Teil der Kommunikation übertrieben oder unecht wirkt, kann das ein Zeichen dafür sein, dass man manipuliert wird.“ Am Beispiel von Simone Martens und ihrer Schwester kann man das gut sehen. Simone fühlt sich bereits in der ersten Sekunde unbehaglich, als ihre Schwester vor der Tür steht. Statt ungetrübter Wiedersehensfreude empfindet sie Ambivalenz. „Gemischte Gefühle sollte man von Anfang an ernst nehmen“, erklärt Bielecke. Das heißt nicht, dass Simone ihre Schwester daraufhin sofort abweisen sollte. Das Störgefühl signalisiert aber, dass man wachsam sein und sich gegen mögliche Versuche der Einflussnahme wappnen sollte.

Ein weiteres Zeichen für ein manipulatives Gegenüber ist laut Bielecke der verstärkte Einsatz von Beziehungsbotschaften in sachlichen Situationen: Wenn etwa ein Arbeitgeber, der eine lästige Aufgabe delegieren will, einem übermäßig schmeichelt, dass man die einzige Person sei, die diese Sache erledigen könne, sollte man vorsichtig sein. Und wenn ein Freund in einer Krisensituation immer wieder theatralisch betont, wie sehr er einen braucht, ist ebenfalls Wachsamkeit gefragt. Möglicherweise wird man durch diese Aussage emotional verpflichtet, in Zukunft noch zuverlässiger da zu sein. „Gefühlsregister“ dieser Art zieht auch Simones Schwester. Sie fleht, wirkt zerknirscht, beschwört den Ausnahmezustand. Wann immer andere also übertrieben emotionale Beziehungsbotschaften aussenden, sollte man hellhörig werden.

Schritt zwei: Eigene Verführbarkeit ­verstehen

Ist man dem Manipulator auf die Schliche gekommen, ist der erste Impuls oft, ihn sofort zur Rede zu stellen. Doch es ist laut Kommunikationsexpertin Alexandra Bielecke meist nicht ratsam, direkt vorzupreschen. Angemessener ist, die Situation zunächst noch tiefgehender zu verstehen. Statt isoliert den Manipulator in den Blick zu nehmen, sollte man versuchen, die gesamte Situation zu begreifen – und die Beziehungsdynamik wie ein Beobachter von außen betrachten. „Eine Manipulation entsteht immer in der Interaktion. Es gehören zwei dazu“, erklärt Bielecke. „Deshalb kann es nützlich sein, sich zu fragen, von welchen Aussagen des Gegenübers man sich hat beeinflussen lassen, auf welche Verlockung man angesprungen ist.“ Denn so paradox es klingt: Es gibt einige versteckte, aber starke psychologische Gewinne für die Person, die sich beeinflussen lässt, so Bielecke. Wer etwa Freunden auf deren Drängen hin immer wieder hilft, fühlt sich dadurch insgeheim unentbehrlich und überlegen. Wer sich von einem Partner subtil dirigieren oder offen kommandieren lässt, gibt Verantwortung ab und muss somit weniger Entscheidungen selbst treffen. „Es gibt typische Muster, sogenannte Interaktionsspiele“, sagt Sachse. „Der eine legt bestimmte Köder aus, der andere geht darauf ein – oder eben nicht.“ In seinem Buch beschreibt er prototypische manipulative Spiele und zeigt, wie man diese auflösen kann (siehe den Kasten unten).

Beschäftigt man sich eingehender mit solchen manipulativen Interaktionen, bekommt man meistens schnell ein Gefühl dafür, für welche man selbst anfällig ist. Oft taucht ein bestimmtes Muster in ganz unterschiedlichen Kontexten auf, tritt im Kontakt mit Arbeitskollegen ebenso zutage wie in der Beziehung zum Partner. Bei solchen Häufungen und Wiederholungen lohnt es besonders, sich mit dem eigenen Anteil an der manipulativen Dynamik zu beschäftigen. Simone Martens hat das versucht: Dabei fiel ihr auf, dass sie nicht nur ihrer Schwester, sondern auch anderen Menschen in ihrem Umfeld häufig Arbeit abnimmt, um ihre „Ruhe zu haben“. Oder weil sie glaubt, dass sie es „eh besser kann als andere“. Diese Erkenntnis hat ihr geholfen: Sie spürt jetzt früher, in welchen Situationen ihr Helferimpuls, der sie manipulierbar macht, anspringt.

Schritt drei: Manipulation abwehren

Hat man erst mal die persönlichen Knackpunkte gefunden, an denen man beeinflussbar ist, kann man auch besser auf die manipulativen Aktionen anderer reagieren. Laut Rainer Sachse gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten, sich zu verhalten. „Man kann dem Manipulator aus dem Weg gehen und so weitere Einflussnahme vermeiden. Man kann das Gegenüber zur Rede stellen und seine Tricks aufdecken. Oder man kann Gegenmaßnahmen ergreifen, mit denen man die Interaktion in eine andere Richtung lenkt und sich abgrenzt.“ Welches Vorgehen angebracht ist, hat immer mit der Art der Beziehung zu tun, die man zum Manipulator hat. Bei Bekannten, Freunden oder Nachbarn bietet sich statt einer Aussprache oder einem kompletten Kontaktabbruch meistens ein aktives Abwehren des Manipulationsversuchs an, man ergreift gezielt kommunikative Gegenmaßnahmen. Oft reicht es, einen manipulativen Satz des Gegenübers mit einer knappen und unerwarteten Antwort in eine andere Richtung zu lenken. Simone Martens könnte etwa ihrer Schwester klar sagen: „Mach das selbst, du kannst das.“ Oder sogar den Manipulationsversuch markieren, also zum Beispiel entgegnen: „Guck nicht so flehend – das kannst du selbst.“ Natürlich werden geschickte Manipulatoren nicht gleich bei der ersten Gegenwehr aufgeben. Es lohnt, beharrlich und konsequent zu bleiben. „Gestaltungsspielraum besteht immer. Es ist hilfreich, das eigene Verhalten aktiv zu verändern, statt sich nur still über die Einflussnahme zu ärgern“, sagt auch Alexandra Bielecke.

Umgang mit Manipulation im Job

In der Arbeitswelt ist so viel Engagement oft nicht ratsam. Dort ist es meistens besser, eine Person, die einen zu manipulieren versucht, zu ignorieren. „Im Job setzen viele Menschen bewusst Manipulationsstrategien ein“, sagt die Managementtrainerin ­Suzanne Grieger-Langer. In ihrem Buch Die Tricks der Trickser. Immunität gegen Machenschaften, Manipulation und Machtspiele beschreibt sie, welche Tricks Führungskräfte, aber auch Mitarbeiter einsetzen, um ihre Macht zu untermauern oder Kollegen einzuschüchtern. Dass im Beruf mit härteren Bandagen gekämpft wird, hat laut Grieger-Langer zwei Gründe: „Zum einen gibt es permanent Konkurrenzsituationen. Zum anderen ist man mit Arbeitskollegen nicht emotional verbunden.“ Deshalb ist Grieger-Langers Tipp für Manipulationsversuche durch Kollegen, Chefs oder Kunden kategorisch: „Nicht diskutieren, nicht offen ansprechen, sich nicht austricksen lassen.“ In ihren Büchern beleuchtet sie oft typische Manipulationsdynamiken in Teams. Für die einzelnen Rollen im Team findet sie griffige Beschreibungen: So unterscheidet sie etwa „Performer“, also Leistungsträger, von „Posern“, also Menschen, die auf ihre Außenwirkung bedacht sind, aber nicht so viel leisten wie andere. Man könne in Abteilungen häufig beobachten, dass Poser versuchen, auf die Performer manipulativ einzuwirken und diese einzuschüchtern, so Grieger-Langer. Denn sie fühlten sich insgeheim von leistungsstarken Kollegen bedroht. „Weil solche Mitarbeiter zur Sache, also zum Erledigen der Aufgaben oft nicht viel beizutragen haben, gehen sie bei ihren Kollegen häufig auf die persönliche Ebene, um diese zu schwächen“, erklärt Grieger-Langer. Hier werde viel mit „Oberhandtechniken“ gearbeitet, also Beleidigungen, persönlichen Herabsetzungen und Vorwürfen. Gern wird mangelnde Solidarität ins Feld geführt („Wenn du das machst, schadest du dem Team“), oder es hagelt persönliche Angriffe („Ich mag einfach deine Art nicht“). Auch klassische Nadelstiche aus heiterem Himmel („Oh, du gehst tatsächlich schon um 17 Uhr heim?“) gehören laut Grieger-Langer zum manipulativen Repertoire derer, die leistungsstarke Kollegen ausbremsen wollen. Wer sich hier auf die „Aufforderung zum Tanz“ einlasse, sich rechtfertige oder sogar um eine Aussprache bitte, sitze bereits in der Falle. „Hier helfen nur Immunisierungsstrategien. Sich nicht beeindrucken lassen und weitermachen wie bisher“, findet Grieger-Langer.

Umgang mit Manipulation in Partnerschaften

In Liebesbeziehungen ist genau das Gegenteil angebracht: Hier sollte man Manipulationen des anderen ernst nehmen, offen ansprechen und benennen und auch zeigen, wie man sich dabei fühlt. „Es ist wichtig, eine entstehende manipulative Dynamik möglichst rasch zu durchbrechen“, sagt Kommunikationspsychologin Alexandra Bielecke. Denn gerade intime Beziehungen seien anfällig für hartnäckige destruktive Manipulationen. „Das hat zum einen damit zu tun, dass uns der Partner wichtig ist und wir deshalb beeinflussbarer sind“, erklärt Bielecke. „Daneben spielt aber auch eine Rolle, dass wir in Beziehungen so gut wie immer emotional verstrickt sind. Oft ziehen sich gegensätzliche Partner an, die sich bei Unstimmigkeiten und Konflikten ungünstig aufschaukeln.“ Wenn beispielsweise eine laute, eher bestimmte Frau mit einem leisen, schüchternen Mann zusammenfindet, dann fühlen beide sich erst mal beschwingt, denn der jeweils andere kann etwas, das man selbst nicht gut kann – bestimmt bzw. sanft sein. Doch bei Konflikten wird die Gegensätzlichkeit schnell kontraproduktiv: So wird die laute Frau immer vehementer und verletzender, um ihre Ziele durchzusetzen – und der leise Mann zieht sich immer mehr zurück und grenzt sich nicht genug ab. Bei der nächsten Unstimmigkeit läuft wieder das gleiche Muster ab, jeder der Partner verhärtet in der eigenen Rolle, der eigenen Manipulationsstrategie, sei es nun Aggression oder Rückzug. Der Teufelskreis lässt sich immer schwerer auflösen, je länger er dauert.

Wenn Partner sich in ihren jeweiligen Schwächen ungut ergänzen, spricht man von „Kollusion“. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren vom Schweizer Psychiater Jürg Willi geprägt. In seinem bis heute immer wieder neu aufgelegten Buch Die Zweierbeziehung. Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion beschreibt er, dass emotionale Verstrickungen einerseits Beziehungen zerstören können, andererseits aber auch gute Ansatzpunkte bieten, um eine Beziehung zum Positiven zu verändern. Wenn in der Partnerschaft also immer wieder hartnäckige manipulative Teufelskreise mit Beleidigungen, Schmollen, Schimpfen oder Lügen auftreten, lohnt es sich, genau dort etwas zu verändern. Ein herrischer, bestimmter Partner muss von seinem Gegenüber die Rückmeldung bekommen, dass er verletzend und grob ist und dass es so nicht geht. Einem Partner, der stundenlang schweigt, weil er beleidigt ist, muss ebenfalls rückgemeldet werden, wie verunsichernd sein Verhalten ist. „Man gibt dem anderen so eine Chance, seine oft unbewussten Beeinflussungsstrategien zu erkennen ­– und zu ändern“, sagt Alexandra Bielecke. Natürlich liege in der Offenheit ein Risiko. Man könne dann auch die Erfahrung machen, dass der Partner mauert und zu einer Veränderung seines manipulativen Verhaltens nicht bereit ist, so Bielecke. So schmerzhaft das ist: Es kann ein wertvoller Hinweis darauf sein, dass eine Person in hohem Maße manipulativ vorgeht und man bei ihr mit offener oder vertrauensvoller Kommunikation nicht viel ausrichten kann.

Wo ist die Grenze?

Tatsächlich gibt es Zeitgenossen, die manipulatives Verhalten in hohem Maß einsetzen. Im Diagnos­tischen und Statistischen Manual Psychischer Stö­rungen (DSM-5) wird beispielsweise Menschen mit narzisstischen oder dissozialen Persönlichkeitsstö­rungen eine solche Neigung zugeschrieben. Auch wenn dieses hochmanipulative Verhalten nur bei einem sehr kleinen Prozentsatz der Bevölkerung vorkommt, sollte man auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen, wenn man sich von einem Partner oder Freund immer wieder abgewertet, emotional erpresst oder gelenkt fühlt. Vor derart zerstörerischen Manipulationen warnt etwa der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens in seinem Buch Emotionale Gewalt. Was uns wirklich weh tut: Kränkung, Demütigung, Liebesentzug und wie wir uns dagegen schützen. Er beschreibt dort unter anderem eine Frau, die einen Mann kennenlernt, der sich ihr gegenüber zunächst verliebt zeigt – und dann wochenlang abtaucht. Er antwortet nicht auf Nachrichten, stellt sich tot. Nach Wochen taucht er wieder auf, mit Rosen und einer Essenseinladung, die Frau erlebt ein romantisches Wochenende. Danach ist der Mann wieder für Wochen nicht erreichbar. Als die Frau ihn zur Rede stellt und ihm erklärt, dass sein Verhalten sie verunsichere, wird der Kavalier schroff. Er wirft ihr vor, dass er sich nur deshalb so rarmache, weil sie so klammere. Diese Frau ist schon nach wenigen Wochen Kontakt mit dem manipulativen Verehrer hochgradig verunsichert. Erst ein Gespräch mit Freunden bringt sie ­davon ab, sich weiterhin einer derart destruktiven Beziehung auszusetzen. Dass man mit hochmanipulativen Personen eher keine engen Beziehungen eingehen sollte, davon ist auch die französische Psychotherapeutin Isabelle Nazare-Aga überzeugt. Sie hat 30 Merkmale zusammengestellt, an denen man Menschen mit einer manipulativen Persönlichkeit erkennen kann (siehe unten). Wenn jemand immer den anderen die Schuld gibt, andere verwirrt, beleidigt, herabsetzt und sich unberechenbar verhält, sollte man ihm laut Nazare-Aga mit Vorsicht begegnen oder den Kontakt abbrechen. Denn bei hochgradig manipulativen Menschen komme man mit gängigen kommunikativen Gegenmaßnahmen oder mit einer offenen Aussprache nur selten weiter.

Was Nazare-Aga beschreibt, sind Extremfälle. In den meisten Beziehungen ist trotz gelegentlicher manipulativer Tricks ein Beziehungsabbruch unnötig. Simone Martens hat jedenfalls den Kontakt zu ihrer Schwester nicht vermieden, sondern gesucht. Bei ­einem gemeinsamen Abendessen hat sie ihr offen gesagt, dass sie sich zwar grundsätzlich über ihren Besuch freue, doch beim nächsten Mal darauf bestehe, dass die Schwester vorher anruft – und sie andernfalls damit rechnen müsse, nicht reingelassen zu werden. Die Schwester war zwar kurz beleidigt und wunderte sich über die „Schroffheit“, fing sich aber dann wieder und gab zu, dass sie sich „etwas ungeschickt verhalten“ habe. Für Simone Martens hat die unangenehme Episode einen weiteren positiven Effekt: Sie versteht heute besser, an welchen Punkten sie sich von anderen einwickeln lässt. Wenn jemand sie das nächste Mal flehend um Hilfe bittet, wird sie selbst entscheiden, ob sie aktiv werden will oder nicht. Damit ist sie ein ganzes Stück weniger manipulierbar. Von wem auch immer.

Die Namen der beiden Schwestern wurden geändert.

Merkmale manipulativer Menschen

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gelten als hochmanipulativ. Die französische Autorin und Psychotherapeutin Isabelle Nazare-Aga vertritt deshalb die Ansicht, dass man hier eher den Begriff „manipulative Persönlichkeit“ verwenden sollte. Sie hat 30 Aussagen zu einer Checkliste zusammengestellt, mit der man manipulative Persönlichkeiten erkennt. Eine Auswahl:

  1. Die Person gibt häufig anderen die Schuld.
  2. Sie bringt ihre Forderungen und Bedürfnisse nicht klar zum Ausdruck.
  3. Sie bringt andere dazu, zu glauben, sie müssten auf Forderungen und Nachfragen dennoch ­unverzüglich reagieren.
  4. Sie benutzt oft Dritte als Boten oder sagt ­wichtige Dinge per Textnachricht statt im ­persönlichen Gespräch.
  5. Die Person stellt sich als Opfer dar, um bemitleidet zu werden.
  6. Sie ist egozentrisch.
  7. Die Person verträgt keine Kritik und leugnet ­offenkundige Tatsachen.
  8. Ihre Gegenwart löst bei anderen Unwohlsein oder ein Gefühl von Unfreiheit aus.
  9. Sie erreicht Ziele oft auf Kosten von anderen.
  10. Sie schmeichelt anderen, um ihr Wohlwollen zu gewinnen.
  11. Menschen, die diese Person kennen, sprechen ­dauernd über sie, auch wenn sie nicht anwesend ist.
  12. Die Person spricht versteckte Drohungen aus oder erpresst andere Menschen offen.

Aus: Isabelle Nazare-Aga: Dies ist mein Leben. So befreien Sie sich vom Einfluss manipulativer Eltern. Kösel, München 2017

Manipulative Interaktionsmuster

Es sind letztlich immer die ­gleichen ­Mechanismen, die eingesetzt ­werden, wenn jemand sein Gegenüber ­beeinflussen will. ­Einige dieser „Interaktionsspiele“ hat ­Rainer Sachse in ­seinem Buch Manipulation und Selbst­täuschung ­zusammengefasst

Distanz-Spiel

Eine Person versucht sich im Kontakt besonders cool zu zeigen und maximalen Abstand zu halten. Sie antwortet nicht auf Fragen, guckt durch andere hindurch oder an ihnen vorbei, ist generell wortkarg, verzieht keine Miene. Dieses desinteressierte Verhalten wird oft demonstrativ gezeigt – der Interaktionspartner läuft immer wieder auf.

Was bezweckt der Manipulator?

Wer Distanz hält, bekommt Aufmerksamkeit, denn das Gegenüber macht sich nun Gedanken, was los sein könnte. Zum anderen erreicht der Manipulator, dass andere ihm nicht zu nahekommen, vorsichtig im Umgang sind, sich mit Forderungen zurückhalten. Denn Schweigen schüchtert ein – und das ist beabsichtigt.

Harmlos oder gefährlich?

Fast jeder setzt ab und zu Schweigen oder Desinteresse ein, um sich aus einer stressigen Kommunikation zurückzuziehen. Gelegentliche Distanz-Spiele sind also unbedenklich. Wenn ein Manipulator dieses Spiel aber ständig einsetzt oder auf nahestehende Personen nach einem Streit mit stundenlangem Schweigen reagiert, sollte man das als Gegenüber ernst nehmen und das Distanzverhalten des anderen offen ansprechen.

Regelsetzer-Spiel

Personen, die immer wieder Erwartungen formulieren, wie andere sich zu verhalten haben, betreiben Einflussnahme durch Regelsetzung. Wie selbstverständlich sagen sie etwa „Ich will, dass du mich abends immer anrufst“ oder „Wenn jemand zu spät kommt, geht das gar nicht“. Regelsetzer sind der Meinung, dass ihre willkürlichen Forderungen allgemeingültige Gesetze sind und dass andere ihre Vorgaben befolgen müssen. Passiert das nicht, sind sie sauer.

Was bezweckt der Manipulator?Regelsetzer wollen, dass andere sich nach ihren Vorstellungen verhalten. So können sie Macht und Kontrolle über Menschen und Situationen gewinnen. Sie setzen andere unter Zugzwang und Stress. Das ist oft gewollt, denn so kommt das Gegenüber nicht dazu, dem Regelsetzer ebenfalls Forderungen oder Wünsche zu unterbreiten.

Harmlos oder gefährlich? Wer mit Regeln argumentiert, ist von seinem Recht auf dieses Verhalten überzeugt. Das kann sehr anstrengend werden. Ob man es mit einem hartnäckigen Manipulator zu tun hat oder nicht, kann man leicht herausfinden, wenn man den Regeln widerspricht oder sie nicht einhält, indem man klarmacht: „Ich sehe diesen Punkt anders – was machen wir da?“ Ein Regelsetzer, der darauf eingeht, ist harmlos. Häufig können Regelsetzer aus dem von ihnen angezettelten Spiel aber nicht aussteigen. Dann wird das Verhalten vor allem für enge Beziehungen ­geradezu toxisch. Viele Menschen gehen notorischen Regelsetzern lieber aus dem Weg.

Armes-Schwein-Spiel

Manche Menschen stellen sich in der Interaktion ständig als Opfer dar. Sie klagen offen über Belastungen, Probleme und Schmerzen. Leiden werden dabei oft dramatisch dargestellt. Diese Personen äußern außerdem häufig, dass sie ihren Problemen hilflos ausgeliefert seien.

Was bezweckt der Manipulator?Wer jammert und klagt, will Aufmerksamkeit. Außerdem zielen die Leidensgeschichten darauf ab, andere unter Druck zu setzen: Das Gegenüber soll die Verantwortung für die Situation oder sogar konkrete Aufgaben übernehmen. Auch erreicht der Manipulator oft, dass er eine Sonderbehandlung bekommt und geschont wird.

Harmlos oder gefährlich? Das Spiel setzt andere in hohem Maße unter Zugzwang und ist deshalb extrem belastend. Klare Abgrenzung und Gegenmaßnahmen sind notwendig: Sagen Sie dem Manipulator, dass er die Dinge gut selbst hinbekommt. Betonen Sie gern, dass es Ihnen leid tut, wenn er leidet. Aber bleiben Sie dabei, dass er das selbst regeln muss und kann. Vorsicht: Wer das Arme-Schwein-Spiel regelmäßig einsetzt, kann trickreich und stur reagieren, wenn das Gegenüber sich abgrenzt. Hier heißt es, konsequent zu bleiben.

Mords-Molly-Spiel

Eine Person stellt sich als ­herausragend und positiv dar, kurz gesagt: Sie gibt an. In der Interaktion betont sie ständig, was sie alles hat („Mein Haus, mein Auto, mein Boot“), wie gut es ihr geht, was sie alles kann, wie intelligent und fähig sie im Vergleich zu anderen ist.

Was bezweckt der Manipulator? Mit Angeberverhalten will man andere dazu bringen, Bewunderung und Respekt zu zeigen. Außerdem zielt diese Taktik darauf ab, andere zu verunsichern und zu schwächen. Denn ist das Gegenüber erst mal in der Defensive, übt es auch keine Kritik mehr.

Harmlos oder gefährlich? Einige Leute geben notorisch an. Bei vielen reicht es, sich unbeeindruckt zu zeigen oder auch mal humorvoll darauf hinzuweisen, dass der andere mal wieder Heldengeschichten erzählt. Für das Gegenüber unangenehm wird das Mords-Molly-Spiel, wenn der Manipulator nicht nur sich selbst aufwertet, sondern das Gegenüber auch abwertet, also etwa sagt: „Du verstehst das ja nicht.“ Weil komplett grundlose Abwertung belastend ist, sollte man einer Person, die diese Variante des „Spiels“ anwendet, Einhalt gebieten oder ihr aus dem Weg gehen.

Blöd-Spiel

Weitverbreitetes Spiel zwischen Partnern, Freunden, Nachbarn: Man stellt sich in den alltäglichen Dingen dumm und bescheinigt dem anderen, möglichst mit Schmeichelei, dass er etwas besser kann als man selbst. „Du bist im Abwaschen besser als ich, Schatz“, wäre ein typischer Satz. Clever ist auch die Variante: „Wenn ich das jetzt mache, kann es sein, dass das Fahrrad nachher ganz kaputt ist.“

Was bezweckt der Manipulator? Mit Blödstrategien versuchen Menschen, die sonst eher eine gute Beziehung zueinander haben, einander Arbeit zuzuschieben. Mit einer Mischung aus Schmeicheleien und übertrieben dargestellter eigener Unfähigkeit wälztman unliebsame Aufgaben ab.

Harmlos oder gefährlich? Meist alltäglich und unbedenklich. Man kann diese manipulative Strategie leicht durchschauen und häufig mit Humor und Charme parieren. Wer gerade erst anfängt, sich gegen Manipulationsversuche anderer zu wehren, findet hier ein gutes Übungsfeld.

Zum Weiterlesen
Rainer Sachse: Manipulation und Selbsttäuschung. Wie gestalte ich mir die Welt so, dass sie mir gefällt: Manipulationen nutzen und abwenden. Springer, Heidelberg 2014

LITERATUR

Robert B. Cialdini: Die Psychologie des Überzeugens. Wie Sie sich selbst und Ihren Mitmenschen auf die Schliche kommen. Hogrefe, Bern 2017

Alexander Fischer: Manipulation. Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung. Suhrkamp, Berlin 2017

Suzanne Grieger-Langer: Die Tricks der Trickser. Immunität gegen Machenschaften, Manipulation und Machtspiele. Junfermann, Paderborn 2011

Isabelle Nazare-Aga: Dies ist mein Leben. So befreien Sie sich vom Einfluss manipulativer Eltern. Kösel, München 2017

Heinz Ryborz: Beeinflussen. Überzeugen. Manipulieren. Seriöse und skrupellose Rhetorik. Metropolitan, Regensburg 2017

Rainer Sachse: Manipulation und Selbsttäuschung. Wie gestalte ich mir die Welt so, dass sie mir gefällt: Manipulationen nutzen und abwenden. Springer, Heidelberg 2014

Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden: 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Differenzielle Psychologie der Kommunikation. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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