Der Mensch – leider allzu mächtig?

Anders als früher fühlen wir uns bei Naturkatastrophen heute mitverantwortlich. Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston erklärt, warum das so ist.

Rache der Natur? Fukushima nach der Flutkatastrophe 2011. © Plainpicture

Der Mensch – leider allzu mächtig?

Früher sprach man bei Naturkatastrophen von höherer Gewalt, heute fühlen wir uns mitverantwortlich. Warum das so ist, erklärt die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston

Frau Prof. Daston, wann immer eine Naturkatastrophe geschieht, lesen wir in den Nachrichten häufig so etwas wie: „Die Natur schlägt zurück.“ Ist das der Ausdruck eines veränderten Bildes der Natur?

Ja, insbesondere wenn man das aktuelle Bild der Natur mit dem vergleicht, das wir vor 20 oder 30 Jahren hatten. Ich nenne nur zwei Beispiele. Als am 18. Mai 1980 der Mount St. Helens ausbrach, der schlimmste Vulkanausbruch in der amerikanischen Geschichte, gab es viele Artikel in den Zeitungen darüber, wie traurig das Ereignis sei. Menschen sind umgekommen, Eigentum wurde zerstört. Aber das Gute daran sei, dass niemand dafür verantwortlich ist. Niemand ist daran schuld. „You can’t blame a volcano“, hieß es in derNew York Times. Damals waren Naturkatastrophen eine Art verantwortungsfreie Zone, ganz explizit im Kontrast zu Umweltschäden wie etwa dem Waldsterben, bei denen man von Schuld und Verantwortung sprach, vielleicht sogar von Haftung. Jetzt gibt es so gut wie keine Naturkatastrophe mehr, bei der es nicht heißt: Das ist teilweise ein natürliches Ereignis, aber die Menschen sind mit schuld daran. Sie hätten nicht im Überflutungsgebiet bauen und darauf verzichten sollen, die Flüsse zu begradigen.

Das eklatanteste Beispiel in der neuesten Zeit ist Fukushima. Wir bezeichnen das Erdbeben, den Tsunami und den Reaktorunfall alle kurz mit „Fukushima“. Die Öffentlichkeit konzentriert sich nur auf diesen Reaktorunfall, nur auf den Teil, für den es menschliche Verantwortung gibt. So versuchen wir, einen Sinn in dieser Naturkatastrophe zu finden. Dabei sind von den 15  000 Menschen, die bei dieser Katastrophe gestorben sind, fast alle ertrunken. Das war alles der Tsunami. Aber das interessiert niemanden, nicht nur in Deutschland, sondern in den Medien aller westlichen Staaten. Das hat die Japaner übrigens schwer verletzt. Sie schließen daraus, dass sie für ihr Pech auch noch verantwortlich gemacht werden.

Die Rache der Natur ergibt nur Sinn, wenn es eine Dimension der menschlichen Verantwortung gibt. Warum sollte die Natur sich rächen? Weil die Menschen ihr etwas angetan haben. Und diese Ausweitung der menschlichen Verantwortung ist in der Tat neu. Niemand nimmt den Anthropomorphismus ernst und hält die Natur für ein denkendes Wesen. Aber die Idee, dass es eine Art Gleichgewicht gibt und dass die Menschen dieses Gleichgewicht durch Gedankenlosigkeit, durch Habgier, Ehrgeiz oder Arroganz zerstört haben, das ist der Hintergrund der Metapher von der „Rache der Natur“.

Kehrt darin nicht ein altes, religiös geprägtes Denkmuster zurück?

Nein, hier geht es nicht etwa um den Zorn Gottes, und es wird auch nicht einfach Gott durch Natur ersetzt. Auch wenn es vor allem in den USA natürlich Menschen gibt, die noch immer mit Sintflut und Strafe argumentieren. Aber das ist nicht der Mainstream. Die Figur der Rache der Natur, the revenge of nature, la vengeance de la nature, findet man auch unter säkularisierten Menschen. Das ist eine völlig andere Gedankenwelt. Gott war nicht zornig, weil man ein natürliches Gleichgewicht zerstört hatte, sondern weil man die üblichen Sünden begangen hatte. Und Gott hat sich nicht gerächt, er hat gestraft. Rache ist immer eine Beziehung von Gegenseitigkeit, und man muss eine Beziehung zerstören, in diesem Fall die verträgliche Beziehung zwischen Mensch und Natur. Die Rede von Gottes Zorn handelt dagegen von einem Richter, von einem Urteil über das menschliche Verhalten. Das ist ein völlig anderer Diskurs.

Bei dem schottischen Philosophen David Hume heißt es, aus dem Sein folge kein Sollen. Wird die Natur jetzt wieder zu einer moralischen Leitlinie?

Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen sich je normativ von der Natur unabhängig gemacht haben. Wenn ja, dann passierte es zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und der Mitte des 20. Jahrhunderts. Dies war die Zeit, in der man es zumindest in manchen Kulturen als erstrebenswert angesehen hat, die Natur zu entmoralisieren. Jetzt ist die Frage, ob das immer noch ein erstrebenswertes Ziel ist, insbesondere wegen des Klimawandels. Hier ist die Frage der menschlichen Verantwortung zentral geworden, auch in den politischen Debatten – das ist eine andere Art von Moralisierung.

Das Problem ist, dass die Natur für alles benutzt werden kann, für linksradikale Positionen ebenso wie für extrem rechte, gegen die Sklaverei und für die Mutter, die zu Hause bei den Kindern bleibt. Mit der Natur kann man für eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft argumentieren oder mit Rousseau sagen: Eigentlich hätten wir nie Städte bauen dürfen. Aber was sollen wir daraus schließen? Die Natur ist nie ein wirklich starkes Argument. Jedes Mal, wenn ich ein Naturbeispiel für meine Position vorbringe, können Sie ein anderes für Ihre Position dagegenstellen. Weil das Argument mit der Natur so elastisch ist, hat es keine schlagende Kraft.

Trotzdem wird die Moralisierung der Natur jetzt wieder gesellschaftsfähig?

Ja, als eine metaphorische Redeweise für eine neue Wahrnehmung der menschlichen Verantwortung und der menschlichen Macht. Während der mittelalterliche Diskurs von Gottes Zorn eher in die andere Richtung gegangen ist – „Wir Menschen sind wie nichts im Vergleich mit der Macht Gottes“ –, entsteht heute ein völlig anderes Bild: „Leider sind wir Menschen allzu mächtig.“ Wahrscheinlich gibt es keine Gesellschaft auf der Welt, die nicht irgendein Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur hergestellt hat, aber die Idee, dass dieses Gleichgewicht so fragil ist, dass wir in der Lage sind, es zu zerstören, das ist etwas Neues.

Gäbe es ohne die Ordnung der Natur überhaupt eine normative Ordnung?

Das ist eine interessante Frage, und ich bin sehr versucht, mit nein zu antworten. Der Grund ist der folgende: Es geht nicht darum, dass die Natur eine stärkere Rechtfertigungsressource wäre als unsere menschlichen Ressourcen. Sondern wir sind eine Spezies, die Ordnungen nicht nur verinnerlicht, sondern sie auch darstellen muss. Das gilt für alle Kulturen: Wir glauben nicht nur an Götter – oder Atome –, wir machen uns auch Repräsentationen von ihnen. Wir brauchen konkrete Modelle für unsere Ordnungen. Manchmal sind das menschliche Produkte, etwa Uhrwerke. Aber die Modelle, die durch die ganze Menschheitsgeschichte präsent sind, sind Beispiele der natürlichen Ordnung. Die Versuchung, die Natur als Rohstoff für unsere Modelle zu benutzen, ist fast unwiderstehlich. Das heißt nicht, dass solche Modelle eine besondere Kraft haben oder haben sollten, nur weil sie aus der Natur kommen, aber historisch gesehen gibt es so gut wie keine Ordnungen, die wir uns erdenken können, die nicht analog mit irgendeiner Naturerscheinung modelliert sind.

Nehmen wir etwa die amerikanische Verfassung aus dem 18. Jahrhundert. Es gibt ein natürliches Modell für die Ordnung der drei Mächte der Regierung, die checks and balances. Das stammt aus der Mechanik. Und hinter fast allen Verträgen stehen Modelle von Gleichgewicht. Es gibt natürlich auch organische Modelle, Bäume als Metaphern für Genealogien, für die Beziehungen zwischen Sprachen, zwischen Arten. In der Enzyklopädie von D’Alembert und Diderot, ebenfalls ein Projekt des 18. Jahrhunderts, gibt es ein sehr schönes Bild von einem Baum, der die Beziehungen zwischen den Wissenschaften darstellt: Metaphysik, Recht, Mathematik. Solche Modelle sind erstaunlich flexibel.

Hängt das, was wir für die Ordnung der Natur halten, nicht vom Stand unserer Wissenschaft ab?

Nicht unbedingt. Man könnte sich natürlich vorstellen, dass man jetzt Modelle aus der Quantenmechanik heranzieht. Doch stattdessen werden die traditionellen Modelle gewählt, weil sie die Sache klarer machen. Das Publikum für diese Modelle ist eben kein Fachpublikum, deshalb hören wir immer wieder von Bienenstöcken als Modell der menschlichen Gesellschaft, weil jeder sich etwas darunter vorstellen kann. Und nicht jeder kann sich etwas unter neuronalen Netzen vorstellen.

Wer bestimmt, was natürlich ist?

Das wird zunehmend schwierig. Etwa bei der genetischen Manipulation. Man könnte sagen, dass schon jeder Garten den Unterschied zwischen Natur und Kultur verschwimmen lässt. Das zeigt, dass dies ein ständiges Spiel ist.

Die interessante Frage ist nicht so sehr, wo die Grenze tatsächlich verläuft, sondern: Warum spielen wir dieses Spiel so gerne? Warum gibt es immer noch solche Dichotomien von Natur und Kultur, wenn jeder von uns sofort sechs oder sieben Gegenbeispiele nennen kann? Das ist die Frage.

Und was ist Ihre Antwort?

Irgendwo in diesem Spiel gibt es eine Verantwortungsverteilung. Wir Menschen sind für das Kulturelle verantwortlich, die Natur für den Rest. Die Frage ist, warum wir jetzt überall Verantwortung wahrnehmen. Seit eh und je haben die Menschen die genetische Komposition von Tieren und Pflanzen durch Züchtung geändert. Jetzt passiert das auf einer quantitativ anderen Ebene, aber qualitativ ist das nichts anderes. Was sich geändert hat, ist das Verantwortungsgefühl.

Woran liegt es, dass wir uns jetzt überall die Verantwortung zurechnen?

Das ist eine schwierige Frage, auf die ich keine überzeugende Antwort habe.

Natürlich hängt das teilweise mit unserem Erfolg bei der Beherrschung der Umwelt zusammen. Aber das kann nicht die ganze Geschichte sein. Zurzeit sind wir von der menschlichen Verantwortung besessen. PHc

Prof. Lorraine Dastonist Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und Gastprofessorin an der University of Chicago. Ihr neuestes BuchGegen die Naturerscheint voraussichtlich im Herbst 2018 bei Matthes & Seitz

Die Sehnsucht nach einer gerechten Natur

Warum sind wir so erpicht darauf, selbst bei unvorhersehbaren und unvermeidbaren Naturkatastrophen einen Verantwortlichen dingfest zu machen, sei es die Regierung, „skrupellose Konzerne“ oder gleich „den Menschen“ als solchen?

Eine plausible Erklärung liefert die „Gerechte-Welt-Theorie“, die der amerikanische Psychologe Melvin Lerner in den 1960er Jahren entwickelt hat und die seither in vielen Experimenten bestätigt worden ist. Demnach ist es ein menschliches Grundbedürfnis, die Welt als einen Ort anzusehen, an dem Gerechtigkeit waltet und jedem widerfährt, was ihm zusteht. Wer ehrlich, tugendhaft und fleißig ist, erhält seinen verdienten Lohn und findet am Ende sein Glück. Und die Faulen und Heimtückischen werden schon sehen, was sie davon haben!

Leider geht es in der Welt aber nicht immer so gerecht zu, wie wir es gerne hätten. Betrüger kommen zu Reichtum, Malocher verlieren ihren Job, liebevolle Eheleute ihren Partner. Glück wie Unglück treffen „die Falschen“, und am Ende obsiegt oft eben nicht das Gute. Ständig müssen wir erleben, dass unser Bedürfnis nach einer gerechten Welt von eben dieser Welt sabotiert wird. Die Illusion, dass um uns herum Gerechtigkeit waltet, ist uns aber trotzdem zu wichtig, als dass wir sie einfach aufgeben. Sie verschafft unserem Dasein Ordnung und Sicherheit. Wird sie von der Wirklichkeit bedroht, setzt unsere Psyche Abwehrmechanismen ein.

Zum Beispiel neigen wir dann dazu, „den Opfern von Ungerechtigkeit eine Mitschuld an ihrer Misere zu geben“, wie es der Gerechtigkeitsforscher Siegfried Preiser im Psychologie Heute-Interview ausdrückte (Heft 4/2012). Dies sei eine Möglichkeit, „Zweifel zu beseitigen und am Gerechte-Welt-Glauben festhalten zu können. Warum geht das Vergewaltigungsopfer auch nachts allein durch den Park? Warum haben HIV-Infizierte nicht besser verhütet? Und hat das Opfer einer Schlägerei die Angreifer vielleicht vorher provoziert?“

Warum also tritt die Elbe über die Ufer und verheert die Städte? Weil wir sie kanalisiert haben! Warum wüten die Wirbelstürme? Weil wir mit unseren Treibhausgasen das Klima verändert haben! Warum gibt es neue gefährliche Infektionskrankheiten? Durch den inflationären Einsatz von Antibiotika! All diese Erklärungen sind nicht falsch, und natürlich gilt es, menschliche Fehler im Umgang mit der Natur – soweit wir sie übersehen können – zu vermeiden und zu korrigieren. Aber der Faktor Mensch ist nur eine Facette des Ursachengeflechts.

Verheerende Überschwemmungen, Stürme und Seuchen hat es auch ohne menschliches Einwirken immer gegeben. Nicht nur die soziale, auch die natürliche Welt ist weder sanft noch gerecht. Niemand ist für einen Vulkanausbruch verantwortlich zu machen. Doch irgendwie beruhigt es uns, wenn wir mit dem Finger auf einen Schuldigen zeigen können, selbst wenn „wir alle“ dieser Schuldige sind. Es lenkt uns von dem Ohnmachtsgefühl ab, der Willkür einer „ungerechten“ Natur letztlich hilflos ausgeliefert zu sein.

Thomas Saum-Aldehoff

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute Compact 54: Natur & Psyche
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