„Vom schwarzen und weißen Neid“

Neid gilt als böse, dabei kann er positive Entwicklungen anstoßen. Psychoanalytiker Eckehard Pioch über ein schambesetztes und zweischneidiges Gefühl.

Die Illustration zeigt einen Mann voller Neid mit einer Schlange auf dem Kopf, die mit geöffnetem Maul ihre gefährlichen Zähne zeigt.
Neid ist unangenehm und verpönt, dabei hat er sehr produktive Seiten. © Dorothea Pluta

Ich möchte mit Ihnen über Neid sprechen, merke aber, dass es ganz schön unangenehm ist, über die eigenen Neidgefühle nachzudenken. Warum ist das so?

Weil der Neid vom Vergleich lebt. Er entsteht aus der Wahrnehmung, dass jemand etwas besitzt, was ich nicht haben kann. Oder etwas ist, was ich selbst gern wäre. Ich fühle mich dann schmerzlich ausgeschlossen von dem, was ich begehre. Neid weist also auf einen eigenen Mangel hin. Viele empfinden es als beschämend, dass ihnen dieser Mangel so viel ausmacht. Gleichzeitig entsteht aber oft ein Berechtigungsgefühl, also die Wahrnehmung, einen Anspruch auf das Beneidete zu haben. Deshalb hat man auch schnell den Impuls, das Beneidete zu zerstören. Dann kommen aber die Schuldgefühle hinzu, das macht es schließlich ganz schwer, den Neid anzugehen.

Wird der Neid deshalb so gern verdrängt?

Ja, Neid ist oft unbewusst, weil er eben häufig mit Scham oder Schuldgefühlen einhergeht. Aber er ist durchaus bewusstseinsfähig – in der Therapie geht es ja oft darum, den Neid überhaupt bewusstzumachen.

Wenn der Neid noch unbewusst ist, was passiert dann mit ihm – wie äußert er sich?

Es gibt verschiedene psychische Abwehrmechanismen, mit denen wir den Neid ganz oder teils unbewusst halten. Oft kann der Neid dann gar nicht mehr identifiziert werden. Eine ganz häufige Abwehrform ist zum Beispiel die Verleugnung, also die Abspaltung. Unser neidisches Gefühl wird dann nicht mehr wahrgenommen und äußert sich vielleicht stattdessen in der Entwertung des beneideten Objekts: Aus dem Kollegen mit den tollen Fähigkeiten wird dann ein inkompetenter Angeber, man macht sich über ihn lustig, da bleibt also nichts mehr übrig, was beneidet werden könnte. Ein anderer Abwehrmechanismus ist die Projektion von Neid; der Neid wird dann in die anderen hineinverlegt, es entsteht also das Gefühl, dass man selbst gar nicht neidisch ist, aber um einen herum nur Neider sind.

Kann Neid nicht auch dazu führen, dass man sich selbst ganz klein und wertlos fühlt?

Ja, wir nennen das Wendung gegen sich selbst. Das ist die typische Abwehrform bei Depression. In der Depression werden aggressive Impulse nicht nach außen getragen, sondern gegen das Selbst gerichtet. Und...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2019: Werden, wer ich bin
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