Diktat der Fitness

Im Interview thematisiert der Historiker Jürgen Martschukat die Ursprünge des heutigen Fitnessbooms und die Auswirkungen auf uns.

Menschen joggen in der Dämmerung mit Stirnlampe auf dem Kopf und fügen sich damit dem Zeitalter der Fitness
Im Dämmerlicht, vor oder nach der Arbeit, zu joggen ist für uns heute normal – aber eine relativ neue Entwicklung © SolStock/Getty Images

Herr Martschukat, es ist Januar, der Monat der guten Vorsätze. Viele wollen im neuen Jahr mehr Sport treiben. Ist das ein Zeichen unserer Zeit?

Ja, das würde ich sagen. Wir nehmen Sport und Bewegung heute oft als selbstverständlich an oder als ein natürliches Bedürfnis, als Wunsch, der aus uns herauskommt. Tatsächlich ist dies aber Teil einer historischen Formation. Wir leben in einem Zeitalter der Fitness.

Woran machen Sie das fest?

Unter anderem an den vielen sporttreibenden Menschen und dem Ideal, körperlich leistungsfähig zu sein. Nehmen wir zum Beispiel das Laufen. Heute hat jede mittelgroße Stadt ein Lauf-Event wie einen Halbmarathon, bei dem zehntausende Menschen starten. Das war noch in den 1970er Jahren anders. In New York beispielsweise sind damals zum Marathon ungefähr 100 Leute gestartet, mehr nicht. Auch die Gewohnheit, dass man abends noch mal im Park eine Runde laufen geht, ist für viele heute selbstverständlich, hat aber noch vor 50 Jahren keiner gemacht.

Es gibt noch weitere Hinweise: Überall können Leute Fitnessriegel und Fitnessgetränke kaufen. Es hat sich sogar ein bestimmter Look etabliert. Leggings und Jogginghosen sind beliebte Kleidungsstücke. Ich persönlich sitze heute hier in einem Kapuzenpullover, als Historiker vor 50 Jahren hätte ich das nicht gemacht. Sportstudios sind die Kathedralen der Moderne. Vor wenigen Jahrzehnten waren das muffige Hinterhofbuden, wo ein paar krude Typen an selbstgeschweißten Geräten ihre Muskeln stählten. Das war eine Subkultur, heute sind Fitnessstudios Mainstream.

Aber haben Menschen nicht schon immer Sport getrieben?

Nein – der moderne Sport ist eine Erfindung des 19.Jahrhunderts. Das heißt nicht, dass die Menschen sich früher nicht bewegt oder keine Spiele gespielt haben. Aber der heutige Sport, der in Ligen und Wettbewerben stattfindet, ist ganz...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Leben
Bodybuilding hilft, Kraft zu erleben. Schon Franz Kafka war am Muskelaufbau interessiert. Über eine besondere Art des Umgangs mit sich selbst.
Gesellschaft
Was als Spielerei begann, erobert zunehmend unseren Alltag: In 3D-Animationen kann man nicht nur Achterbahn fahren oder mit Walen tauchen, sondern auch unter...
Gesellschaft
Was tun Menschen, die sich von Ungewissheit bedroht fühlen? Sie igeln sich ein, versuchen einen Schuldigen zu finden oder ­radikalisieren sich, sagt der...
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2020: Wer bin ich noch?
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Gesellschaft
Selbsttötungen und Suizidgedanken sind weiter verbreitet, als man meint. Doch niemand spricht darüber. Dabei könnte genau das Leben retten.
Beziehung
Die Liebe zu begreifen ein schwieriges Unterfangen. Sie ist weder rein körperlich noch rein geistig. Was hat es mit ihr auf sich?