Flick mich!

Man schont den Besitz, aber es hilft ja nichts: Irgendwann ist der Lack ab oder ein Sprung drin und etwas Neues muss her, oder?

Man schont den Besitz, aber es hilft ja nichts: Irgendwann ist der Lack ab oder ein Sprung drin und etwas Neues muss her. Ganz falsch. Denn klar: Konsumieren belastet die Umwelt. Der Psychoanalytiker und Schriftsteller Wolfgang Schmidbauer empfiehlt darum drei Fragen, die man sich vor dem Kauf eines jeden Produkts stellen sollte: Brauche ich das wirklich? Kann ich es reparieren? Und wo bleibt der Müll? Nun ist an Ratschlägen zur Müllvermeidung eigentlich kein Mangel.

Auch Reparaturcafés haben Konjunktur. Was Schmidbauers Plädoyer fürs Reparieren auszeichnet, ist allerdings weniger sein praktischer Nutzen als die essayistische Leichtigkeit, mit der er das Kleine und das Große, Dahinterliegende verknüpft. Indem er einem kaputten Regenschirm einen selbstgeschnitzten Griff verpasst oder eine Metallzunge aus Kupfer bastelt, die das wirre Gestänge zusammenhält, erkundet der Psychoanalytiker zugleich die „Ex-und-hopp-Mentalität“ als eine Sache der Seele.

Auf dem Spiel steht für ihn beim Wegwerfen nämlich nichts weniger als „die Verlässlichkeit von Bindungen“ – und damit „das Wesen der Humanität“. Das mag manchem eine Spur zu groß sein, wird aber von der liebenswerten Präzision, mit der Schmidbauer von den großen Reparaturen seines Lebens erzählt, in schöner Balance gehalten. So regt das Buch dazu an, nicht nur die geflickte Hose, sondern auch den eigenen Körper, die Beziehung, die Seele und das Leben als das zu sehen, was sie sind: keineswegs perfekt. Aber auf jeden Fall gut genug, um daran festzuhalten.

Wolfgang Schmidbauer: Die Kunst der Reparatur. Ein Essay. Oekom, München 2020, 190 S., € 20,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2020: Die Macht des Selbstbilds
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