„Alles ist schon da und war immer da“

Raphaela Edelbauers Roman spielt an einem Ort, an dem das Vergangene gegenwärtig ist. Ein Gespräch über die Illusion der Zeit.

Die Autorin Raphaela Edelbauer steht zwischen Felsen vor einem Höhleneingang
Raphaela Edelbauer in Niederösterreich, September 2020. © Mafalda Rakos

Wer Raphaela Edelbauers Website besucht, den empfängt die Zeichnung eines riesigen, finster dreinblickenden Tintenfisches – doch dann, auf ihrem Porträtfoto, lächelt sie freundlich. Wer ihr auf Twitter folgt, liest Heiteres, Persönliches, aber bisweilen kann man ihr auch zusehen, wie sie eine Art Essenz aus Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft zur Melodie von Boney M.s Gassenhauer Ma Baker intoniert („Kakakakant, synthetisch ist Mathematik“). Slapstick, Philosophie, harte Naturwissenschaft, Kunst: Für Raphaela Edelbauer sind das keine Gegensätze. In ihrer Literatur ist das alles vereint.

Zum Interview erwarte ich sie in der Lobby eines Hotels im 10. Wiener Bezirk, nicht weit von ihrer Woh­nung. Es erscheint eine unauffällig in Freizeitbluse und Sommerhose gekleidete Frau von 30 Jahren, zugewandt, freundlich und eloquent. Sie singt nicht. Sie spricht klar, nicht in Rätseln, mit leichtem Wiener Zungenschlag. Wir reden bei einem Glas Soda Zitron, später bei einem Bier, und als der Kellner das Essen serviert – für sie einen Burger –, reden wir weiter. Wir reden über ihren vielbeachteten ersten Roman Das flüssige Land.

Frau Edelbauer, Ihr Roman spielt in einer fiktiven Kleinstadt namens Groß-Einland, einer seltsamen, abgekapselten Welt. Was ist das für ein Ort, der in keinem Atlas, keinem Telefonbuch verzeich­net ist?

Es ist ein Ort, an dem sich verschiedene Epochen Ös­terreichs in größter Dichte sedimentiert haben, wo Monarchie mit der Neuzeit, mittelalterliche Mythen mit dem modernen Leben koexistieren. Meine Ich-Erzählerin, die Physikerin Ruth Schwarz, muss nach dem Tod ihrer Eltern hier an deren...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2020: So gelingt Entspannung
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