Der blinde Fleck der Psychologie

Therapeuten übersehenen häufig soziale und politische Gründe für Leid. Im Interview erklärt die Soziologin Sabine Flick, woran das liegt.

Die Illustration zeigt einen Psychotherapeuten im Sessel mit Stift und Block, während sein Klient auf einer Liege ist auf einem langen Korridor, über ihnen eine Lampe
Das Individuum wird in der Therapie häufig beleuchtet, aber das Umfeld bleibt meist dunkel. © Christina Baeriswyl

Sie haben in einer Studie beobachtet, wie sich Männer und Frauen in Therapie begaben, die unter ihrer Arbeit litten. Im Laufe der Behandlung verschwand das Thema aus dem Fokus. Weshalb?

Die Menschen hatten sich wegen – ihrer subjektiven Überzeugung nach – arbeitsbedingter Erkrankungen in eine Klinik einweisen lassen. Doch während der therapeutischen Gespräche ging das Thema Arbeit zunehmend verloren. Die Therapeuten und Therapeutinnen gingen davon aus, dass der Patient eigentlich ein anderes Problem hatte, das in seiner Kindheit verursacht wurde, und dass die Arbeit lediglich der Ort war, an dem das Problem sichtbar, nicht aber an dem es auch verursacht wurde. Die Patientinnen wiederum gaben sich bereits zu Beginn ihres Klinikaufenthalts mehrheitlich selbst die Verantwortlichkeit dafür, dass es ihnen schlechtging. Gegen Ende hatte sich das verstärkt. Das Leiden an der Arbeit wurde so zum Leiden an sich selbst.

Wie haben Sie das untersucht?

Wir haben mit über 20 Patienten und ihren Therapeutinnen zu mehren Zeitpunkten Interviews geführt, haben uns die Krankenakten der Patienten angesehen und die Supervisionsberichte der Therapeutinnen, in denen sie über ihre Arbeit mit diesen Patienten reflektierten. Dabei fiel auf: Wenn Patientinnen von der Arbeit erzählten, haben die Therapeuten das stark hinterfragt, im Stil von „so schlimm kann’s doch gar nicht sein“. Im Gegensatz dazu haben sie in ihren Berichten die Erzählungen über Familienzusammenhänge wie Fakten präsentiert. Meistens kam die Arbeit in den Berichten jedoch gar nicht vor. Wurde sie seitens der Therapeutinnen erwähnt, dann nur, wenn sich dort etwas zeigte, was die Person allgemein nicht konnte. In diesen Fällen wurde zum Beispiel beschrieben, dass auch auf der Arbeit sichtbar werde, wie jemand etwa extrem auf Stress reagiere oder sich nicht abgrenzen könne.

Die Idee der Abgrenzung finden Sie problematisch?

Das ist sie, wenn sie die einzige Sichtweise ist, und tatsächlich gilt Abgrenzung, gerade in der letzten Zeit, überall als der Königsweg: „Man muss sich einfach nur besser abgrenzen.“ Dadurch werden andere, externe Stressoren übersehen und…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2021: Selbstwert wagen
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