Die Ängste der Kinder

Für manche Kinder ist die Welt ein gefährlicher Ort: Sie fürchten sich vor dem Alleinsein, sie haben Angst vor dem Kindergarten, vor Spritzen oder Gleichaltrigen. Oftmals wird ihr Problem nicht erkannt – und auch nicht behandelt. Das ist fatal, denn Kinderängste wachsen sich nicht aus

Die Ängste der Kinder

Für manche Kinder ist die Welt ein gefährlicher Ort: Sie fürchten sich vor dem Alleinsein, sie haben Angst vor dem Kindergarten, vor Spritzen oder Gleichaltrigen. Oftmals wird ihr Problem nicht erkannt – und auch nicht behandelt. Das ist fatal, denn Kinderängste wachsen sich nicht aus

Welche psychische Krankheit quält Kinder in Deutschland am meisten? Man könnte an ADHS denken. Zumindest treibt nichts so viele Eltern und Lehrer zur Verzweiflung wie hyperaktive Kinder. Wer sich besser auskennt, wird vielleicht auf Depression tippen. Viele Berichte haben in den letzten Jahren zu Recht auf dieses lange übersehene Problem aufmerksam gemacht. Tatsächlich aber sind Ängste das häufigste psychische Problem von Heranwachsenden. Zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden aktuell an Ängsten oder haben in den vergangenen sechs Monaten darunter gelitten.

Ängstliche Kinder machen meist keine großen Schwierigkeiten, und ihre Symptome werden – zum Beispiel von Lehrkräften – selten erkannt. Auch Kinderärzte sind häufig nur schlecht über Ängste informiert; und selbst Jugendpsychiater haben Angststörungen viele Jahrzehnte vernachlässigt, in ihren Lehrbüchern fanden sich lange keine Kapitel dazu.

Folgerichtig werden Angstprobleme bei Minderjährigen auch kaum behandelt. Cecilia Essau, heute an der University of Roehampton in London, untersuchte vor knapp zwei Jahrzehnten gut tausend Bremer Jugendliche. Nicht einmal jeder fünfte mit einer Angststörung wurde behandelt. Aktuelle Studien gibt es nicht. Doch auch heute noch erhält nur eine Minderheit therapeutische Hilfe, ist sich Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum sicher. Die Psychologieprofessorin ist auf Ängste bei Heranwachsenden spezialisiert.

Das Problem wird oft auch deshalb nicht weiter beachtet, weil Ängste bei Kindern als normal gelten. Und natürlich gehören sie zur Kindheit. Babys zucken bei lauten Geräuschen zusammen und weinen, wenn die Mutter sie auch nur kurz jemand anderem auf den Arm gibt. Im Kindergarten- und Grundschulalter haben Kinder Angst vor Monstern oder Einbrechern. Später graut ihnen vor schlechten Noten oder dass sie keine Freunde finden.

Doch all diese Ängste können so stark werden, dass sie nicht mehr normal sind. Während bei sehr kleinen Kindern auch größere Dramen im Rahmen des Üblichen liegen, diagnostizieren Fachleute bereits ab etwa vier Jahren krankhafte Ängste. Das tun sie, wenn die Ängste das Kind stark und über längere Zeit beeinträchtigen, seine normale Entwicklung behindern und für Probleme in der Familie, im Kindergarten oder der Schule sorgen.

Frederik beispielsweise kam als Elfjähriger gleich mit mehreren Ängsten in Behandlung. Zum einen hatte er panische Angst vor Hunden, seit ihn einmal ein großer schwarzer auf dem Spielplatz angesprungen und umgeworfen hatte. Andere Kinder zittern vor Stürmen, Spritzen oder Clowns und Weihnachtsmännern. Auch Kontakte zu Gleichaltrigen sind etlichen Kindern nicht geheuer. So richtig zum Problem werden solche sozialen Ängste oft in der Pubertät, wenn Jugendliche sich sorgen, dass sie nicht gut ankommen könnten.

Aber manchmal geht es schon früher los. Frederik wollte nur auf den Spielplatz gehen, wenn er ihn für sich allein hatte. Kamen andere Kinder hinzu, „konnten wir gehen“, erinnert sich seine Mutter. Zu Kindergeburtstagen mochte er nicht, es sei denn, seine Mutter kam mit. Frederik litt an Trennungsangst. Erst in jüngster Zeit hat die Fachwelt realisiert, wie häufig gerade junge Kinder Angst davor haben, von ihrer Mutter getrennt zu sein. Etwa eines von dreißig Kindern verkraftet es schlecht, wenn die engste Bezugsperson nicht da ist. Frederik wollte nicht in den Kindergarten gehen, andere Kinder sträuben sich dagegen, ohne Mama in der Schule zurückzubleiben. Das führt zu Folgeproblemen: So ist es schwer für sie, Freunde zu finden.

Zwingen die Eltern solche Kinder beispielsweise, trotzdem in die Schule zu gehen, protestieren die oft so heftig, dass ihre Angst leicht mit einer aggressiven Verhaltensstörung verwechselt wird. Sie stehen dann so unter Stress, dass sie häufig sogar mit körperlichen Symptomen reagieren. Wenn ein Kind morgens über Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen klagt, sind die Eltern in der Zwickmühle, so die Erfahrung der Bochumer Angstexpertin Silvia Schneider. Sie fragen sich natürlich: „Ist vielleicht wirklich was mit dem Kind? Oder ist es wieder die Trennungsangst?“

Die Probleme treten nicht erst dann auf, wenn die Zeit für den Abschied gekommen ist. Die Kinder wissen, was auf sie zukommt, und leiden daher oft bereits am Tag vorher. Häufig spielen sich auch Dramen ab, wenn die Kinder in ihrem eigenen Bett übernachten sollen. Vor lauter Angst können sie kaum einschlafen. Eine Nacht bei Freunden verbringen geht schon gar nicht.

Obwohl Trennungsangst auch bei Erwachsenen auftreten kann, ist sie doch vor allem eine Erkrankung der Kindheit. Andere Ängste dagegen finden sich bei erwachsenen wie jungen Menschen. So leiden bereits Kinder und Jugendliche nicht selten an einer generalisierten Angststörung. Sie verbringen dann viel Zeit damit, zu grübeln und sich um alles Mögliche zu sorgen. Bin ich gut genug im Sport? Habe ich genügend Freunde? Dabei kauen sie an den Nägeln oder drehen sich die Haare. Sie brauchen viel Anerkennung und ständige Versicherungen, dass alles in Ordnung ist. Das führt häufig zu Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafproblemen.

Gegen Ende der Jugend und als junge Erwachsene entwickeln schließlich viele eine sogenannte Agoraphobie. Wörtlich übersetzt ist dies die Angst vor Plätzen, tatsächlich haben die Betroffenen Angst vor allen Orten, an denen sie nicht schnell genug Hilfe bekommen würden, sollte etwa plötzlich ihr Herz verrückt spielen. Gefürchtet sind daher Züge, Busse, Fahrstühle, Kaufhäuser und alles, was keinen Fluchtweg bietet. Dazu kommen oft Panikattacken. Innerhalb weniger Minuten fängt das Herz an, wie wild zu schlagen, die Luft scheint knapp zu werden, Schweiß fließt, der ganze Körper zittert, und Todesangst macht sich breit.

Doch obwohl die Panikstörung meist erst ausbricht, wenn die Patienten zumindest beinahe erwachsen sind, heißt das nicht, dass die Probleme dann erst beginnen. Häufig haben die Betroffenen schon als Kinder an Trennungsangst gelitten. Sie gilt heute als Vorläufer der Panikstörung und anderer Ängste von Erwachsenen.

Ängstliche Kinder, ängstliche Eltern?

Ängste beginnen generell früh. Bei einer großen US-Studie des Harvard-Epidemiologen Ronald Kessler mit fast zehntausend Befragten kam heraus: Jeder zweite Erwachsene, der an Ängsten leidet, hatte schon welche, als er noch keine elf Jahre alt war. Drei von vieren waren noch keine 21, als ihre Angstprobleme begannen. Das aber heißt umgekehrt: Kindheitsängste wachsen sich keineswegs immer von allein aus. Bei etwa achtzig Prozent der betroffenen Kinder lässt sich zwar zwei Jahre später keine Angststörung mehr diagnostizieren – so das Ergebnis einer großen deutschen Studie aus dem Jahr 2000, die von Hans-Ulrich Wittchen durchgeführt wurde, der heute an der Universität Dresden lehrt. Doch 42 Prozent leiden weiter unter einzelnen Symptomen einer Angststörung.

Silvia Schneider wundert sich nicht, dass Ängste so hartnäckig sind. „Ein Kind, das nicht früh lernt, Unsicherheit und Angst zu bewältigen, wird natürlich immer weniger in der Lage sein, neue Herausforderungen anzunehmen“, sagt die Bochumer Professorin. „Und wenn Ängste dann sehr lange anhalten, kommt eben der sozialen Rückzug, kommt die Isolation.“ Möglicherweise führen frühe Ängste auch zu späteren Depressionen, doch dazu existieren noch keine sicheren Befunde.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum frühe Ängste Kinder lange verfolgen. Manche Menschen sind von Natur aus besonders empfindlich. Als Säuglinge weinen und schreien sie schnell, als Kleinkinder sind sie schüchtern und ängstlich. Der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan nennt solche Kinder verhaltensgehemmt. In einer Studie untersuchte er Zweijährige und verfolgte ihre weitere Entwicklung. Die Verhaltensgehemmten erkrankten wesentlich öfter an Angststörungen. Besonders gefährdet sind Jungen, die keine sichere Bindung zu ihren Eltern haben, wie Erin Lewis-Morrarty von der University of Maryland herausgefunden hat. Umgekehrt sind auch verhaltensgehemmte Kinder relativ geschützt, wenn ihre Eltern mit den Ängsten der Kinder gut umgehen können.

Allerdings haben sie oft Eltern, die selbst schnell ängstlich reagieren. Denn die Neigung zur Ängstlichkeit ist zum Teil erblich. Solche Eltern bestärken die Kinder in ihren Ängsten. Sie lassen sich selbst schnell verunsichern, machen sich sichtbar Sorgen um ihre Kleinen und geben so in bester Absicht ein schlechtes Vorbild ab. Wenn ein Kind oft genug „Sei ja vorsichtig“ oder „Klettere nicht so hoch“ zu hören bekommt, ist es kein Wunder, dass es die Welt für einen gefährlichen Ort hält.

Eine Psychotherapie kann den betroffenen Kindern helfen. Etwa zwei Drittel haben hinterher zumindest weniger Angstsymptome, bei der Hälfte sind sie ganz verschwunden. Der Erfolg ist nachhaltig, und oft geht es auch nach der Therapie noch weiter aufwärts. In einer Studie litten sechs Jahre später 86 Prozent der behandelten Jugendlichen nicht mehr an einer Angststörung. Die meisten Erfolgsstatistiken beziehen sich auf die kognitive Verhaltenstherapie, zu anderen Behandlungsmethoden gibt es wenig Forschung.

Frederik wurde an der Universität Bochum behandelt, und zwar mit dem speziellen „Trennungsangstprogramm für Familien“ (TAFF). Es ist auf 16 Sitzungen angelegt. Die Psychologin Britta Reinke-Kappenstein überlegte mit ihm, was Ängste sind und woher sie kommen. Beim TAFF lernen Kinder, was sie tun können, wenn sie sich vorübergehend von ihren Eltern trennen müssen. Sie können sich zum Beispiel sagen, dass sie Angst haben, aber versuchen wollen, tapfer zu sein. Der Plan ist dann etwa, die Mutter noch einmal zu umarmen und anschließend ohne Zögern wegzugehen.

Frederik machte viele Übungen, die er vorher mit seiner Therapeutin geplant hatte. Dabei kommt es darauf an, mit leichten Aufgaben anzufangen und dann erst zu den schwereren überzugehen. Er sollte zum Beispiel üben, allein zu Hause zu bleiben. „Da war es auch wichtig, dass es tagsüber war, dass es draußen hell war“, erläutert Britta Reinke-Kappenstein. Frederik bekam bei dieser Übung Angst, aber er hielt durch. So merkte er, dass alles gar nicht so schlimm war, und nach einiger Zeit ließ die Angst nach.

Im nächsten Schritt übte Frederik, auch abends allein zu Hause zu bleiben. „Hat er wirklich gut geschafft, hätte ich nicht erwartet“, berichtet seine Mutter. „Und es waren dann gleich zwei, drei Abende nacheinander.“ Nicht ganz so glatt lief es, als Frederik bei seinem getrennt lebenden Vater übernachtete. Sein Handy hatte er extra daheim gelassen, damit er im Fall von Trennungsängsten nicht seine Mutter anrufen konnte. Das tat er aber doch – mit dem Telefon seines Vaters. Ein anderes Mal übernachtete er bei einem Freund und rief die Mutter die ganze Nacht lang an. Für die war das auch schwierig, doch sie blieb bei der harten Linie: „Dass ich eben nicht nachgegeben habe, sondern dass ich bei meiner Einstellung geblieben bin und gesagt habe, ich hole dich morgen früh ab und nicht jetzt mitten in der Nacht.“

Solche Übungen müssen oft absolviert werden und in rascher Folge. Dann tritt ein Gewöhnungseffekt ein, und die Angst lässt nach. Auch Frederik machte schnell Fortschritte. Er kann jetzt zum Beispiel losgehen und mit seinen Freunden Fußball spielen. Das hatte er sich vorher nicht getraut.

Beim TAFF werden die Eltern miteinbezogen, so wie Frederiks Mutter. Es gibt sogar spezielle Therapiesitzungen mit ihnen, ohne Kind. Ob sich dieser zusätzliche Aufwand lohnt, ist nicht sicher. In einigen Studien waren Programme mit Eltern effektiver. Doch etliche Interventionen wirken ohne Eltern genauso gut, etwa gegen Phobien, soziale Ängste und möglicherweise auch gegen Trennungsangst.

Etwas anderes ist es, Eltern als Therapeuten einzusetzen, unterstützt von einem Profi. In einer Studie von Kerstin Thirlwall erhielten britische Eltern neben einem Selbsthilfebuch vier einstündige Einweisungen von einem Therapeuten, der sie auch noch mit vier Telefongesprächen unterstützte. So vorbereitet, spielten die Eltern zu Hause Therapeut, und das mit guten Ergebnissen. Ihre Erfolgsquoten bei verschiedenen Angststörungen entsprachen denen von Fachleuten.

Längst nicht alle Eltern können und wollen als Kotherapeuten arbeiten. Allein werden es die ohnehin schon überlasteten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten aber nicht schaffen, den vielen überängstlichen Heranwachsenden zu helfen. Deshalb versuchen Forscher es immer öfter mit Computerprogrammen. Manche kommen wie ein Computerspiel daher, nur dass keine Monster besiegt werden müssen, sondern die eigenen Ängste. Erste Versuche brachten gute Ergebnisse. Allerdings brauchen die Programme immer noch einigen menschlichen Therapeuteneinsatz, etwa in Form von E-Mails.

Noch besser wäre es natürlich, zu verhindern, dass Ängste von Kindern überhaupt krankhaft werden. Sylvia Eimecke hat dazu an der Universität Marburg ein australisches Präventionsprogramm eingedeutscht. Maximal acht ängstliche Kinder um die zehn Jahre lernen in einer Gruppe, mit ihren Befürchtungen umzugehen.

Clarissa beispielsweise würde im Urlaub gern eine Freundin finden, traut sich aber nicht, andere Mädchen anzusprechen. Unterstützt von einer Therapeutin, überlegen die Kinder, wie Clarissa das Problem stufenweise angehen könnte. Sie könnte das Ansprechen beispielsweise zunächst vor dem Spiegel üben, moralisch unterstützt von einem Kuscheltier. Dann könnte sie vielleicht einen Lehrer ansprechen und später dann ein Kind in der Schule, das sie vom Sehen kennt.

Das aus vielen Übungen bestehende Programm hilft – die Ängste der Kinder gehen deutlich zurück. Das Problem ist nur: Solche Kurse gibt es fast nirgendwo. Es ist noch nicht einmal sicher, ob in Marburg weitere angeboten werden.

Literatur

  • Silvia Schneider, Sabine Seehagen: Angststörungen im Kindes- und Jugendalter. PSYCH up2date, 7/06, 2013, 361–372. DOI: 10.1055/s-0033-1349649
  • Silvia Schneider (Hg.): Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen. Springer, Heidelberg 2012
  • Cornelia Mohr, Silvia Schneider: Intensive Treatments for separation anxiety disorder in children and adolescents. Psychopathology Review, 1/1, 2014. DOI: 10.5127/pr.035013
  • Sylvia Eimecke: Diagnostik, epochale Trends und indizierte Prävention von introversiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen (2010).
  • http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2010/0138/pdf/dsde.pdf
  • Cecilia Essau, Thomas Ollendick (Hg.): The Wiley-Blackwell handbook of the treatment of childhood and adolescent anxiety. Wiley-Blackwell, Hoboken 2013
  • Mary Pennant u. .: Computerised therapies for anxiety and depression in children and young people: A systematic review and meta-analysis. Behaviour Research and Therapy, 67, April 2015. DOI: 10.1016/j.brat.2015.01.009

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