Hautsache gesund

Der Psychodermatologe Kurt Seikowski über das Wechselspiel von Haut und Seele – und die Parallelen zu einem Radiogerät.

Die Haut ist Spiegel, Grenze und Antenne zugleich. © NATALIA BZDAK

Hautsache gesund

Die Haut ist Spiegel, Grenze und Antenne zugleich: Leidet die Psyche, wird sie krank. Ist sie krank, leidet die Psyche. Der Psychodermatologe Kurt Seikowski über das Wechselspiel von Haut und Seele – und die Parallelen zu einem Radiogerät

Herr Seikowski, die deutsche Sprache ist voller Redewendungen, die Haut und Psyche verknüpfen: Situationen gehen uns unter die Haut, sind zum Aus-der-Haut-Fahren oder jucken uns nicht. Hat der Volksmund recht damit?

An diesen Beispielen ist schon etwas Wahres dran. Aber man muss aufpassen, dass solche Sprichwörter nicht zu simplen Etikettierungen werden. Früher hat man gesagt: Ärger schlägt auf den Magen, oder Menschen mit Herzbeschwerden werden zu wenig geliebt. Diese Denkweise spielt heutzutage zum Glück keine Rolle mehr, denn sie kann Patienten stigmatisieren. Vor allem hierzulande: Wir sind ein sehr rationales Volk, hier möchte niemand psychische Probleme haben.

Wie passend ist dann die Metapher „Die Haut ist der Spiegel der Seele“?

Unsere Haut und unsere Psyche sind eng miteinander verbunden. Emotionale Reaktionen werden auch über die Haut ausgelebt. Man kann erröten oder erblassen, eine Gänsehaut kriegen oder vor Aufregung schwitzen. Schließlich ist die Haut ein Ausdrucksorgan: Jeder kann sehen, ob wir uns in unserer Haut wohlfühlen.

Oder ob wir an einer Hauterkrankung leiden.

Genau. Wer uns sieht, sieht unsere Haut. Man kann sich nicht dafür entscheiden, von niemandem gesehen zu werden. Man kann sich vielleicht verkriechen oder die erkrankten Stellen mit Kleidung bedecken, aber der Leidensdruck ist in jedem Fall da. Die Haut spielt in der heutigen Zeit eine große Rolle. Das sehen Sie daran, dass die Pharmaindustrie mit ihren Kosmetikartikeln unwahrscheinlich viel Geld verdient. Es gibt unzählige Ratgeber und Produkte für die richtige Hautreinigung, Kosmetik und Pflege. Alle wollen schön aussehen und eine glatte, junge Haut haben.

Weil unsere Haut auch eine soziale Funktion hat?

Als äußere und sichtbare Hülle trägt die Haut erheblich dazu bei, wie die Umwelt uns wahrnimmt. Aber sie erfüllt noch weitere Funktionen. Sie ist auch ein Grenzorgan zwischen einer Person und ihrer Umgebung. Die Haut schützt uns, gleichzeitig treten wir über sie in Kontakt mit der Außenwelt. Unser Tastsinn ermöglicht uns, Wärme, Kälte oder Schmerz zu fühlen. Deshalb hat die Haut auch zwischenmenschliche Bedeutung: Sie dient der körperlichen Berührung genauso wie der Abgrenzung. Vom Händedruck über das Streicheln bis hin zur Sexualität ist sie ein entscheidender Teil sozialer Interaktion.

Studien zeigen, dass Patienten mit Hauterkrankungen im täglichen Miteinander keinen leichten Stand haben und unter neugierigen Blicken oder unangebrachten Bemerkungen oft sehr leiden. Gleichzeitig weiß die Forschung mittlerweile, dass psychische Probleme zu Hauterkrankungen führen können. Wie identifiziert man in diesem Wechselspiel, was Henne und was Ei ist?

Man kann fünf verschiedene Typen von psycho­somatischen Hauterkrankungen herausfiltern und klassifizieren – je nach Rolle von psychischen und somatischen Faktoren. Es gibt zum einen Krankheitsbilder, die eine rein psychische Angelegenheit sind. Darunter fallen vor allem hautbezogene Phobien. Zum Beispiel der Dermatozoenwahn, bei dem Betroffene glauben, dass kleine Tierchen unter der Haut wohnen. Die zweite Gruppe bilden Hauterkrankungen, bei denen sich keine organische Ursache finden lässt, die sich aber somatisch äußern, etwa durch starken Juckreiz. Die Symptome werden oft durch psychische Anspannung ausgelöst. Da gibt es etwa die Prurigo simplex subacuta, bei der schubweise juckende Knötchen auftreten. Bei der dritten Gruppe nimmt man an, dass somatische und psychische Einflüsse gleichermaßen eine Rolle spielen.

Körper und Kopf wirken bei diesen Patienten zusammen?

Genau. Da gehört zum Beispiel die Urtikaria hin, im Volksmund Nesselfieber. In einer Studie haben wir herausgefunden, dass nur bei etwa zehn Prozent eine Allergie oder Unverträglichkeit nachweisbar ist. Bei 90 Prozent wird die Krankheit vordergründig von der Psyche angestoßen.

Urtikariapatienten leiden unter roten juckenden Quaddeln auf der Haut, die manchmal sogar die Schleimhäute betreffen und Atemnot verursachen. Welche seelischen Nöte können derartige Schwellungen auslösen?

Die meisten Betroffenen haben gar keine großen psychischen Probleme. Sie haben primär ein Entspannungsdefizit, vor allem die Patienten ab 40 Jahren aufwärts. In dieser Zeit nimmt die Leistungsfähigkeit ab, und der Körper braucht mehr Erholung. Wer das nicht berücksichtigt, bei dem kann sich der Stress auf der Haut widerspiegeln. Der Körper signalisiert dem Kopf, dass er mit der jetzigen Situation nicht einverstanden ist.

Andere kriegen einen nervösen Magen oder Haarausfall. Wie kommt es, dass bei manchen Menschen gerade die Haut protestiert?

Die Forschung weiß noch nicht genau, warum Menschen körperlich auf unterschiedliche Art reagieren. Das sogenannte Diathese-Stress-Modell geht aber davon aus, dass jeder Mensch von Geburt an gewisse Erkrankungen in sich trägt. Jeder hat eine Veranlagung, auf Stress mit ganz bestimmten Beschwerden zu reagieren.

Bei manchen Krankheitsbildern ist aber auch nicht der Stress allein schuld, oder?

Stimmt, bei der Schuppenflechte oder der Neurodermitis spielen zum Beispiel genetische Faktoren eine Rolle. Sie fallen in die vierte Klasse der Hauterkrankungen, bei denen die Psyche nicht die Ursache ist, aber den Verlauf beeinflusst.Bei der fünften Gruppe hat die Psyche überhaupt keinen Einfluss auf die Entstehung oder den Verlauf – aber auf die Krankheitsverarbeitung. Bei Diagnosen wie dem schwarzen Hautkrebs zeigt sich ein Effekt, der als somatopsychisch bezeichnet wird: Somatische Erkrankungen haben psychische Folgen. In der Psychotherapie geht es deshalb darum, wie Patienten besser mit der chronischen Erkrankung leben können.

In der Dermatologie wurden psychische Einflussfaktoren lange nicht ernst genommen. Heute werden manche Krankheitsbilder dagegen schon fast psychologisiert. Besteht die Gefahr, mit Hauterkrankungen schnell in die „Psychoecke“ abgeschoben zu werden?

Absolut, das passiert sehr oft. Deshalb rate ich meinen Patienten immer, wenn sie mit anderen Beschwerden zum Arzt gehen wollen: „Erzählen Sie bloß nicht, dass Sie mal in Therapie waren.“ Gerade bei Haut­erkrankungen findet man häufig keine formelle Ursache. Da wird eine Salbe nach der anderen ausprobiert, und wenn alles nichts hilft, dann können die Beschwerden aus Sicht vieler Ärzte nur psychisch bedingt sein. Aber dieser Schluss ist natürlich Blödsinn. Was glauben Sie, wie viele Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen ich schon herausgefischt habe, bei denen dieser Zusammenhang einfach nicht untersucht wurde?

Wenn die dermatologische Diagnostik tatsächlich keine Ursache finden kann: Wie stellen Sie fest, ob psychische Probleme schuld an den Symptomen sind?

Ich kläre zunächst ab, unter welchen Bedingungen die Beschwerden auftreten. Tritt der Juckreiz zum Beispiel vermehrt abends auf, spielt die Psyche oft eine große Rolle. Der Körper will zur Ruhe kommen und schafft es nicht von allein. Also produziert er Juckreiz, damit das Kratzen für Entspannung sorgen kann. Ich frage auch: Wann gingen denn die Haut­erscheinungen los? Hatten Sie da eine Krise in der Beziehung oder Konflikte am Arbeitsplatz? Was war beim letzten Schub grade so los? Die Besonderheit des psychosomatischen Erstgesprächs liegt ja darin, dass wir 50 Minuten Zeit haben. Die hat der Dermatologe in seiner Sprechstunde nicht.

Wie geht es dann weiter?

Im zweiten Schritt arbeiten wir mit testpsychologischen Verfahren. Patienten bekommen Fragebögen in die Hand, die zum Beispiel messen, wie groß die Belastung durch die Krankheit aktuell ist. Da kommen handfeste Zahlen heraus, mit denen wir gut arbeiten können. Auf deren Basis erstelle ich Stress- und Persönlichkeitsprofile als Kurvendiagramme. Damit sehen die Patienten: Aha, da liege ich noch im Normbereich, und in diesem Punkt bin ich schon drüber. So verstehen sie, dass die Psyche eine Rolle spielt, und lassen sich meistens auf eine Psychotherapie ein. Nach einer oft sehr langen Odyssee haben sie endlich wieder die Hoffnung, dass ihnen geholfen werden kann. In der Therapie wird dann alles, was an Problemen auftaucht, systematisch abgearbeitet.

Gibt es denn typische Probleme, die Ihnen immer wieder begegnen?

Bei Zwei Dritteln geht es um objektiven Stress, vor allem beruflicher Natur. Einerseits um Überlastung, andererseits um Arbeitslosigkeit. Die einen müssen zu viel leisten, die anderen können zu wenig arbeiten. Das restliche Drittel sind Menschen mit Partnerschaftsproblemen.

Sie graben in der Therapie also nicht nach traumatischen Erlebnissen und schweren Schicksalsschlägen?

Nein, da muss man wirklich aufpassen. Als ich vor vielen Jahren in der Psychodermatologie anfing, stürzten sich die Therapeuten auf vermeintlich schwere psychische Probleme. Dabei geht es in vielen Fällen schlicht um Anspannung und Stress. Zu mir kommen Patienten, die schon jahrelang Medikamente eingenommen haben, und dann mache ich mit ihnen eine Technik wie autogenes Training – nach einem Vierteljahr ist die Hauterkrankung weg. Das ist schon erstaunlich.

Für Betroffene ist die Frage nach der Ursache sehr wichtig. Wie gehen Sie in der psychosomatischen Behandlung damit um, wenn sich keine organischen Auslöser finden lassen?

Ich erkläre meinen Klienten immer, dass Beschwerden verschiedene Ursachen haben können, auch wenn sie gleichermaßen unangenehm sind. Dabei hilft ein Beispiel: Wenn ein Radio nicht mehr richtig spielt, dann ist vielleicht irgendein Teil kaputt. Man fummelt daran herum, tauscht es eventuell aus, und danach geht das Radio wieder. Dieses Vorgehen entspricht den somatischen Beschwerden. Es kann aber auch sein, dass das Radio nicht funktioniert, obwohl jedes Teil für sich in Ordnung ist. Wenn nämlich die Stromstärke nicht stimmt. Bei zu viel Strom knallt das Radio durch, mit zu wenig Strom passiert gar nichts mehr. So ist es auch mit dem Nervensystem im Körper: Es verbindet alle Teile im Körper und koordiniert sie. Wenn es nicht richtig funktioniert, kann eine Störung auftreten. Diesen Vergleich verstehen die meisten.

Die Forschung weiß mittlerweile, dass Gefühle wie Stress, Trauer oder Wut immunologische Reaktionen im Körper auslösen und die Aktivität vieler Nervenbotenstoffe in der Haut verändern. Welche Konsequenzen haben diese Erkenntnisse für die praktische Arbeit mit Patienten?

Die Psychoneuroimmunologie will herausfinden, wie das psychische Problem in die Haut kommt. Dieser Forschungstrend geht dahin, die zugrunde liegenden Prozesse stärker zu objektivieren. Damit läuft die Therapie letztlich wiederum auf Medikamente hinaus.

Ist das eine Chance oder eine Gefahr?

Das ist eine gesellschaftspolitische Frage. Es gibt genügend Menschen, die wollen sich nicht mit ihrer Psyche beschäftigen, sondern einfach nur Symptome loswerden. Die greifen gerne zur Pille, um wieder einigermaßen zu funktionieren. Der Markt ist also definitiv da. Und nachdem sich die Forschung vor allem über Gelder der Pharmaindustrie finanziert, wird die Behandlung vor allem auf der pharmakologischen Ebene weiterentwickelt. Das sehen wir ja bei Viagra und Co.

Macht sich diese Entwicklung bei Hauterkrankungen auch schon bemerkbar?

Ja, klar. Nach einem Vortrag von mir sagten die Manager eines großen Pharmaunternehmens, das unter anderem Medikamente für Urtikariapatienten produziert: „Sie wollen wohl unseren Umsatz schmälern.“ Durch Psychotherapie kann man die Betroffenen ruckzuck heilen. Über Medikamente kann man sie jahrelang binden.

Gerne wird der modernen Arbeitswelt bescheinigt, die Menschen permanentem Stress auszusetzen – ein Hauptrisikofaktor nach Ihrer Erfahrung. Beobachten Sie gesellschaftliche Entwicklungen, die Hauterkrankungen begünstigen?

Sicher. Das gilt für Hauterkrankungen wie für alle anderen psychosomatischen Beschwerden. Deutschland ist ein Land, das mit immer weniger Leuten immer mehr Arbeit bewältigen will. Das kann nicht funktionieren und lässt wenig Platz für Erholung. Auch die vielen Negativnachrichten in den Zeitungen und Sendungen gehen nicht spurlos an den Leuten vorbei. Soziale Medien sorgen zusätzlich für eine Informationsüberforderung und Vereinsamung. Jeder sitzt vor seinem eigenen Bildschirm, die Beziehung zueinander bleibt auf der Strecke. In der Folge finden immer weniger Körperkontakt und Sexualität statt, obwohl beides eine wichtige Entspannungsfunktion hat. Diese Entwicklung kann man nicht zurückdrehen – aber man muss einen Umgang damit finden, der nicht unter die Haut geht.

Dr. Kurt Seikowski ist Psychodermatologe am Universitätsklinikum Leipzig. Er ist (Mit-)Herausgeber und Autor zahlreicher Bücher, unter anderem Die Haut und die Sprache der Seele. Hautkrankheiten verstehen und heilen (Fischer & Gann 2015)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2018: Geschwister
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