Nicht impfen? Es könnte mir leidtun

Eine Psychologin fragte Teilnehmende, warum sie sich impfen lassen wollten. Die meisten gaben Angst vor Reue als wichtigsten Grund an.

Menschen lassen sich impfen, um ihre Gesundheit zu schützen. Aber es gibt noch zwei andere Motive, dies zeigt eine Studie mit rund 1000 Befragten zur Covid19-Impfung, die vor der Verfügbarkeit der Impfstoffe gegen Covid-19 befragt worden waren. Das Ergebnis: Diejenigen, die sich impfen lassen wollten (knapp 62 Prozent), äußerten am stärksten die Sorge, es zu bereuen, wenn sie es nicht täten. Diese Angst überwog bei den Impfwilligen die gegenteilige Befürchtung, eine Impfung im Nachhinein zu bereuen.

Die Autorin, die Psychologin Katharina Wolff von der norwegischen University of Bergen, nennt diese Abwägung „Netto-Reue“. Ausschlaggebend für unsere Absicht sei dann die Entscheidung, die weniger Reue nach sich ziehen werde. Der zweite wichtige Grund: Impfwillige Teilnehmende gaben an, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Familien und Freundeskreise dem Thema positiv gegenüberstünden.

Diese Ergebnisse bestätigen aus Sicht der Forscherin die sozialpsychologische „Theorie des überlegten Handelns“, wonach unsere Haltungen, Überzeugungen, Bewertungen, und subjektiven Normen unsere Verhaltens-Absichten formen und somit darüber entscheiden, was wir später tun oder wie wir uns verhalten. Diese Theorie, entwickelt vor Jahrzehnten von den Psychologen Martin Fishbein und Icek Ajzen, gilt für bestimmte Bereiche, etwa Konsum- oder Gesundheitsverhalten als vielfach bestätigt, kann aber aus Sicht von forschenden Psychologinnen und Psychologen impulsives, emotionales oder unbewusstes Verhalten nicht erklären.  

Andere schützen ist wichtig

Weiterhin berichteten Impfbefürworterinnen und -befürworter, dass sie von einer ausreichenden Impfkapazität ausgingen und sie sich sicher fühlten, eine Impfung zu bekommen würden. Diese Zuversicht spielte jedoch offenbar bei ihrer Impfbereitschaft insgesamt die geringste Rolle. Wolff ließ die Teilnehmenden zunächst mit dem so genannten semantischen Differential eine mögliche Covid-Impfung bewerten. Sie wurden also gefragt, wie „gut“ oder „schlecht“ sie sie fanden, wie „verantwortlich“ oder „unverantwortlich“, wie „erfreulich“ oder „unerfreulich“ oder „beruhigend“ und „beunruhigend“ oder „nützlich“ und „unnütz“ sie die Impfung bewerteten. Darüber hinaus fragte die Psychologin auch, für wie wahrscheinlich die Teilnehmenden es im Vergleich zu anderen hielten, dass sie sich einmal selbst anstecken würden. Diese Sorge war unter den Befragten nicht sehr verbreitet und unabhängig vom Alter schätzten sie diese Wahrscheinlichkeit gleich hoch ein.

Die Schwere der Erkrankung hatte ebenfalls keinen Einfluss. Offenbar ging es den impfwilligen Befragten eher darum, andere zu schützen als sich selbst, meint die Autorin. Bei der Bewertung dieses Befundes ist zu berücksichtigen, dass die Daten im Dezember 2020 erhoben worden, bevor die gefährlicheren Virusvarianten auftauchten.

Katharina Wolff: COVID-19 vaccination intentions: The theory of planned behavior, optimistic bias, and anticipated regret. Frontiers in Psychology, 2021. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.648289

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