„Neue Diagnosen entstehen, andere verschwinden“

Warum Computerspielsucht im neuen Klassifikationssystem ICD-11 nun als Krankheit gilt, akuter Stress aber nicht mehr.

Die Illustration zeigt ein blaues Gesicht auf dem Boden, darauf sind Menschen zu sehen, die einer Tätigkeit nachgehen, wie zum Beispiel am Bildschirm sitzen
Internationale Arbeitsgruppen fragten sich: Was sagt die Forschung über die Störung, wie häufig kommt sie eigentlich vor? Und unter welchen Umständen? Hat die Störung überhaupt einen Krankheitswert? © Daniel Stolle

Herr Gaebel, die Weltgesundheitsorganisation hat die International Statistical Classification of Diseases überarbeitet. Seit Januar gilt die Version 11, deren deutsche Fassung noch in Arbeit ist. Wozu brauchen wir so ein System überhaupt?

Die ICD ist relevant für viele Bereiche im Gesundheitswesen, wie zum Beispiel Krankenversicherungen, und für alle Berufsgruppen, die in der Krankenversorgung tätig sind. Denn die Diagnose mit entsprechender Codenummer ist wichtig, wenn es etwa um die Leistungsvergütung therapeutischer Maßnahmen geht.

Zudem lassen sich damit epidemiologische Erhebungen weltweit durchführen, zum Beispiel wie oft welche Erkrankungen in der Bevölkerung vorkommen. Immerhin hat die WHO 194 Mitgliedsstaaten, in denen die ICD angewandt wird. Sie kann also Datenanalysen dazu vornehmen, woran wie viele Menschen erkrankt oder auch gestorben sind, sowie Entwicklungen über die Jahre betrachten – international oder in einzelnen Ländern und Regionen.

Sie haben an der neuen Klassifikation im Bereich der psychischen Störungen mitgearbeitet. Welche Veränderung bringt das neue Klassifikationssystem hier im Vergleich zur ICD-10?

Als 2007 mit der Überarbeitung begonnen wurde, bestand die Erwartung, dass man eine viel stärker neurobiologisch fundierte Klassifikation psychischer Erkrankungen zuwege bringen würde. Das heißt zum Beispiel, dass man Biomarker und ähnliche körperliche Merkmale dafür heranziehen kann, um psychische Erkrankungen diagnostisch zu klassifizieren. Es gibt sehr viele wissenschaftliche Publikationen zur Bildgebung, Genetik und anderen biologischen Befunden, deren diagnostische Trennschärfe aber noch nicht so weit gediehen ist, dass man sie bereits praktisch nutzen könnte. Ein erhoffter Paradigmenwechsel ist daher ausgeblieben.

Eine andere Diskussion unter Fachleuten läuft ebenfalls schon länger: Muss eine diagnostische Klassifikation kategorial aufgebaut sein, das heißt nach Ja-oder-nein-Kriterien erfolgen? Also nach diesem Prinzip: Liegt eine Störung vor, ja oder nein? Oder sollten wir eher dimensional denken?…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2022: Was treibt mich an?
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