Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Ein geliebter Mensch ist gestorben. Wo ist er jetzt? Welche Beziehung zu ihm ist noch möglich? Wilhelm Schmid über Fragen ohne letzte Antworten.

Wilhelm Schmid versucht, nach dem Tod eines Freundes tröstliche Gedanken zu finden © Marianna Gefen

Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Ein geliebter Mensch ist gestorben. Wohin ist er gegangen? Was geschieht jetzt mit ihm? Welche Beziehung zu ihm ist noch möglich? Letzte Antworten gibt es nicht, aber tröstende Deutungen

Für Volker Caysa (1957–2017)

Einer meiner Freunde ist gestorben. Ein Jahr nach der ersten, noch hoffnungsvollen Diagnose ist er tot, 60 Jahre alt, Speiseröhrenkrebs. Aberwitzig, dass er nicht mehr da ist, sicher wird er gleich zur Tür hereinkommen, mit blitzenden Augen und seinem leicht spöttischen Lächeln. Wie in alten Zeiten werden wir atemlos alles Mögliche bequatschen, Tiefsinniges ebenso wie albernen Klatsch. Aber es wird nie wieder so sein. Unwiderruflich.

Das Mysterium des Lebens tritt mit dem Tod schlagartig hervor. Die Menschheitsgeschichte wiederholt sich in diesem Moment, denn das gesamte Werden des Menschen ging mit einem Erstaunen und Erschrecken über den Tod einher und mit der Unruhe darüber, was danach kommt. Daher die Grabbeigaben schon in grauer Vorzeit, die den Verstorbenen für das Leben nach dem Tod rüsten sollten, denn er konnte sich doch nicht in nichts auflösen! Aber wohin entschwindet er? Was ist mit dem Menschen, der „gegangen“ ist? Was geschieht mit ihm? Welche Beziehung zu ihm ist noch möglich? Kann ein Toter wirklich tot sein?

Das Wesentliche eines Verstorbenen lebt weiter

Das sind jetzt meine Fragen. Wenn ich zu überlegen beginne, was den Toten vom Lebenden unterscheidet, finde ich vor allem dies: Die Energien sind nicht mehr in ihm. Nicht etwa geheimnisvolle, sondern gut bekannte Energieformen wie Wärme, messbar durch bloße Berührung, und Elektrizität, messbar durch ein EKG, das die Herzstromkurven wiedergibt, und ein EEG, das die Spannungsschwankungen der Hirnströme aufzeichnet. Bis da nichts mehr ist. Wenn aber das Wesentliche eines Menschen (und jeden Wesens) die Energien sind, die den Körper beleben, dann gilt: Energie kann in andere Energieformen umgewandelt, aber nicht vernichtet werden.

Das besagt der Energieerhaltungssatz (1. Hauptsatz der Thermodynamik), den Hermann von Helmholtz 1847 nach Vorarbeit des Heilbronner Forschers Robert Mayer für die Physik formulierte. Als Physiologe bezog er diesen Satz auch auf Lebewesen. Was Energien für das Leben und das persönliche Befinden bedeuten, weiß jeder Mensch, der im Februar die Frühlingssonne herbeisehnt.

Das Schwinden der Energien aus dem Menschen beendet das Leben. Sobald sie den Körper verlassen, hört er in der gegebenen Form zu existieren auf, seine Bestandteile erleben jedoch eine Verwandlung in andere Formen. Alle Atome und Moleküle gehen früher oder später in andere Zusammenhänge über, nichts geht verloren. Bei einer Einäscherung wird die biochemisch in jeder Körperzelle gespeicherte Energie in Wärme verwandelt, die in die Atmosphäre übergeht.

Es erfasst mich mit Wucht, als der Körper meines Freundes im Sarg in den Ofen einfährt, in dem er zwei Stunden lang bei bis zu 1200 Grad verbrennt. Die Grablegung der Urne hingegen berührt mich nicht, aus der erkalteten Asche ist kein Funke mehr zu schlagen. Würde der tote Körper nicht verbrannt, sondern begraben, würde die Verwesung einsetzen, eine andere Art der Umwandlung, bei der Moleküle umgruppiert und von vielerlei Lebewesen in biochemischen Prozessen weiterverarbeitet werden.

Die Energie eines Menschen bleibt

In welcher Form auch immer: Die Energie stirbt nicht. Nachdem sie einen Menschen belebt hat, ist sie nach seinem Tod weiterhin da, ohne genau lokalisierbar zu sein. Sie bleibt im Raum, unsichtbar und doch spürbar. Allmählich zerstreut sie sich, aber kein Quantum geht verloren. Das Gefühl, dass mein Freund noch da ist, kann also reale Gründe haben. Viele berichten von diesem Gefühl nach dem Tod eines nahestehenden Menschen.

Es ist so, als schenke ein Mensch die Zuwendung, die er vor dem Tod erfahren hat, danach den Lebenden. Wenn diese den Tod nicht fliehen, können sie seine Energie wahrnehmen, aufnehmen und mit ihr nach der großen Irritation ins Leben zurückkehren. Der neue Mut, der sie überkommt, verdankt sich der Energie, die der Tote nicht mehr für sich braucht, sondern dem überlässt, der in Beziehung zu ihm bleibt. So lebt das Wesentliche eines Menschen weiter in den Lebenden und trägt zu ihrem inneren Reichtum bei.

Selbstverständlich: Das ist keine letzte Wahrheit, aber eine mögliche Deutung, die nicht auf Willkür beruht, sondern auf Überlegungen zur Plausibilität, zur Nachvollziehbarkeit der Zusammenhänge. Auch die Beobachtung, dass die Abwesenheit des Freundes nach seinem Tod unwirklich erscheint, ergibt Sinn, denn er lebt nicht mehr in dieser Wirklichkeit, sehr wohl jedoch in einer anderen. Etwa „im Himmel“, wie es den Kindern nach dem Tod von Oma und Opa gesagt wird? Ja, wenn unter Himmel die Unendlichkeit der Möglichkeiten verstanden wird. Die Energie, die vom Verstorbenen übrigbleibt, ist im Grunde bloße Möglichkeit, reine Potenz wie alle Energie: Je mehr Energie, desto mehr Möglichkeiten, mit denen eine Wirklichkeit herbeigeführt werden kann, so dass die Potenz zum Akt wird.

Bewohnen Lebende und Tote dieselbe Welt?

Aller zeitlichen Wirklichkeit liegen überzeitliche Möglichkeiten zugrunde, denn woher sonst sollte eine Wirklichkeit kommen? Sollte auch diese Deutung plausibel sein, folgt daraus, dass die Lebenden und die Toten ein und dieselbe Welt bewohnen, nur auf unterschiedlichen Ebenen: Ebene der Materie und ihrer begrenzten, endlichen Wirklichkeit, Ebene der Energie und ihrer unbegrenzten, unendlichen Möglichkeiten. Die reale Gestalt stirbt, nicht jedoch die Energie, die sie belebt hat.

Inmitten der Endlichkeit tut sich ein Fenster zur Unendlichkeit auf, in der selbst dann, wenn der Freund „nicht mehr da ist“, eine Gemeinschaft mit ihm möglich erscheint, nämlich in der energetischen Verbundenheit in intensiven Momenten des Denkens und Fühlens. Es wäre auch nicht mehr unsinnig, sich vor dem Tod für eine Weile adieu zu sagen bis zur künftigen Wiederbegegnung im Kontinuum der Energie, ganz ohne störende Ichs und sterbliche Körper, leider jedoch wohl auch ohne Bewusstsein.

Im Leben selbst sind dies die intensivsten Momente: sich voller Energie zu fühlen und sich in diesem Vollgefühl alles Mögliche und Unmögliche zuzutrauen. Typisch ist das für die Erfahrung der Liebe. Auch für die des Todes? Aus der Binnensicht des Menschen, der den Tod erfährt, fühlt sich dieser äußerste Moment womöglich ganz anders an als von außen. Er könnte der Erfahrung ähneln, nach der die Liebenden sich sehnen und die sie in manchen Augenblicken auch erlangen: eine Rückkehr zum energetischen Zustand, um auf dieser Ebene miteinander und mit allem zu verschmelzen.

Kann ich mit dem toten Freund sprechen?

Was beim Einswerden mit einem anderen erfahrbar ist, könnte im Moment des Todes zur unio mystica mit dieser anderen Dimension über das reale Leben hinaus werden. Der „kleine Tod“ der Liebesekstase könnte eine Vorahnung des großen Aktes sein, der der Tod selbst ist, der gewaltigste Moment des Lebens mit einem Hinausströmen des Selbst aus sich, einer rauschhaften Auflösung des Lebens in dieser Gestalt. Diese ultimative Ekstase würde nicht mehr nur ein „Außenstehen" (ekstasis im Griechischen), sondern ein völliges Hinausgehen aus sich und diesem Leben zur Folge haben.

Aber kann es über den Tod hinaus wirklich noch eine Beziehung zur Person des Verstorbenen geben? Niemand kann definitiv wissen, in welchem Status ein Toter lebt. Wohl eher nicht im Status einer Person, die ein Bewusstsein haben müsste und „ich“ sagen könnte. Das sind nach gegenwärtigem Stand des Wissens Leistungen des Gehirns, die bioelektrische Prozesse voraussetzen. Tot ist ein Mensch in Bezug auf das Leben, das er gelebt hat. Vergangen ist die einmalige Zusammensetzung der Bestandteile, die ihn als Person charakterisierte. Die Person in dieser Komposition, die ihre begrenzte Zeit hat, löst sich auf.

Kann ich dennoch mit dem toten Freund sprechen? In jedem Fall kann der Tote als imaginärer Gesprächspartner eine Bereicherung für das Leben sein: Mit dem Blick von außen, der ihm zugeschrieben werden kann, trägt er zur Orientierung der Lebenden bei, jedenfalls dann, wenn sie bereit sind, diesen Blick von ihm zu übernehmen, als wäre es der Blick einer Person. Was dem im Weg steht, ist die Überzeugung der modernen Kultur, dass der Tote tot ist, absolut tot. Dann ist kein wie auch immer gearteter Austausch mehr vorstellbar, so dass alles, was noch zu sagen wäre, für immer im kosmischen Nichts verhallt. Was ungesagt und ungelebt bleibt, kann jedoch zur Last werden, die nicht aufhört, einen Menschen zu bedrücken.

Jeder hinterlässt Spuren

Das wird anders mit der Annahme, dass das Leben weit umfassender ist als das individuelle Leben hier und jetzt, ja dass es sogar seinen Gegensatz noch mit umgreift, den Tod, der selbst eine Art von Leben ist, wenngleich er nicht die Form eines Daseins annimmt. Es gibt keinen Tod außer dem Tod der Person. Auch von der Wirklichkeit, die durch diesen Menschen geprägt worden ist, verschwindet nichts, außer auf längere Sicht der Name, der für die Prägung steht, und das Wissen anderer davon.

Jeder Mensch, der aus der energetischen Möglichkeit kommt und in sie zurückkehrt, hinterlässt eine Spur in der materiellen Wirklichkeit, mag es sich auch nur um eine Winzigkeit handeln. Sein Ich wird verwischt und ausgelöscht, aber einige Atome, Moleküle, Gefühle und Gedanken haben sich durch sein Dasein anders bewegt, als sie sich ohne ihn bewegt hätten. Daher kann der, der zurückbleibt, sich hin- und hergerissen fühlen zwischen dem unendlichen Schmerz über den Verlust, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, und der unendlichen Euphorie über das Sein, in dem das gemeinsame Leben geborgen ist.

Nach dem realen Leben könnte der Aufenthalt in der surrealen Dimension des körperlosen Seins als eine Art von Schlaf verstanden werden, der dem allnächtlichen Schlaf ähnelt, diesem Übergang aus der alltäglichen Wirklichkeit in die Traumwelt der Nacht. Auch für den Schlaf des gesamten Seins, den Seinsschlaf, könnte Erholung ein Grund sein, aber anders als beim gewöhnlichen Schlaf würde die Erholung nicht nur der momentanen Verfassung von Körper, Seele und Geist, sondern der gesamten Existenz des Menschen zuteil werden. Mit der Auflösung seiner Gebundenheit an eine feste Gestalt erholt und verjüngt er sich und kehrt vermutlich nicht als derselbe ins wirkliche Leben zurück.

Gibt es so etwas wie Wiedergeburt?

Kann es sich um eine Wiedergeburt handeln? Ja, aber in veränderter Gestalt. Eine identische Wiederkehr ist noch nie beobachtet worden. Plausibel erscheint, dass von der frei gewordenen Energie nach dem Tod früher oder später andere Formen des Lebens, andere Menschen, Wesen und Dinge durchpulst werden und der Tote auf diese Weise weiterlebt. Zumindest ist es denkbar, dass aus seinem Energiefeld heraus eine Gestalt reinkarniert, also wieder zu Fleisch (carnis im Lateinischen) wird. Insofern aus der Energie immer wieder neues Leben hervorgeht, kann von einem ewigen Leben gesprochen werden.

Ähnlich wie beim Erwachen aus einem Traum könnten dabei bruchstückhafte Erinnerungen an ein früheres Leben wach werden, wovon manche Menschen berichten, die glauben, zu anderer Zeit „schon einmal da gewesen zu sein“. Erklärbar wäre auch die gelegentliche Empfindung im Leben, sich zwar in dieser Wirklichkeit aufzuhalten, aber fremd in ihr zu sein, da die eigentliche Heimat anderswo ist, nicht in der Bestimmtheit dieser wirklichen Welt, sondern in der Unbestimmtheit einer anderen. Das wäre dann kein Spuk, der wieder vergeht. Ein Spuk wäre eher das Hier und Jetzt, dem viel Bedeutung zugemessen wird, obwohl es morgen schon von gestern ist.

Dass manche Menschen sich ein anderes Leben über das gegebene hinaus nicht vorstellen können, ist kein Beweis dafür, dass es dieses Leben nicht gibt. Aber auch die, die es sich vorstellen können, können es nicht beweisen, nur annehmen. Wird ein anderes Leben jenseits des Todes angenommen, kann der Tod als ein Hinübergehen von einer Lebensform zur anderen verstanden werden. Es lässt sich sogar von einem „Heimgehen“ sprechen, wie es angesichts des Todes auf der Zunge liegt, und dies nicht nur aus religiösen Gründen: Wenn Menschen heimgehen, so kann das heißen, dass sie zurück zur ewigen Welt der Möglichkeiten gehen, aus der sie mit ihrer Zeugung und Geburt gekommen sind.

Kreislauf von Werden und Vergehen

Der Einzelne geht zugrunde, aber im vollen Sinne des Wortes, denn das Wesentliche an ihm, das ihn leben ließ, kehrt zum Grund des großen Potenzials zurück. Vom energiegeladenen Pol, aus dem jedes Leben anfänglich hervorgeht, wandert es zum entgegengesetzten Pol der Energiezerstreuung, bevor mit dem Tod der Zustand reiner, ungebundener Energie wiederhergestellt wird, die ein neues Werden ermöglicht. So kreist das Leben zwischen Materialisierung, Entmaterialisierung und neuerlicher Materialisierung. Es vollendet sich immer wieder dort, wo alle Möglichkeiten schlummern, bevor die Wirklichkeit eines anderen Lebens daraus hervorgehen kann.

In der gesamten Natur ist dieser Kreislauf von Werden und Vergehen zu sehen, es kann sich damit also beim Menschen, der doch Teil der Natur ist, wohl kaum anders verhalten. Was für einen Moment die Lebensenergie eines menschlichen Selbst war, geht dieser Deutung zufolge über endlose Transformationsprozesse wieder in die kosmische Energie über, die alles erfüllt und allem zugrunde liegt.

Das ist nicht metaphorisch gemeint: Alles, was auf der Erde lebt, bezieht letztlich alle Energie aus dem Kosmos, insbesondere von der Sonne, ohne die es keinerlei Leben auf der Erde gäbe, keine Pflanzen, die mit dieser Energie Sauerstoff produzieren, den Menschen atmen. Bis irgendwann auch die Sonne ihre Energie an den Kosmos zurückgibt und neue Sonnen daraus entstehen. Energie kann nicht vernichtet werden in diesem geschlossenen System, das der Kosmos wahrscheinlich ist, denn wohin sollte er offen sein?

Glauben, was man glauben will

Der Tod kann als ein Detail des Lebens in der übergeordneten Natur des Kosmos gesehen werden. Der kosmische Horizont führt die begrenzte Bedeutung des Irdischen vor Augen und macht eine Dimension sichtbar, in deren unendlicher Weite sich alles verliert, was im Leben jetzt schmerzt. Tröstet das auch mich? Ja, auch wenn es traurig bleibt, dass der Freund nicht mehr zur Tür hereinkommt.

Aber das sind nur Anregungen und Überlegungen. Jeder einzelne Mensch selbst entscheidet, was er glauben oder nicht glauben will, mit oder ohne Plausibilität. Sicher ist lediglich, dass es auch in der modernen Zeit, die so viel zu wissen glaubt, kein Wissen über die letzten Dinge gibt. Und dass dennoch viele vom Nachdenken darüber umgetrieben werden. Um diesem Nachdenken neuen Raum zu geben, erscheint es sinnvoll, den Horizont eines möglichen Lebens nach dem Tod, den die moderne Kultur mutwillig verschlossen hat, wieder zu öffnen.

Wilhelm Schmid lebt als Philosoph in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter: Das Leben verstehen. Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers. Suhrkamp, Berlin 2016

Illustration zeigt einen Mann mit Brille, der den Betrachter anschaut
Wilhelm Schmid versucht, nach dem Tod eines Freundes tröstliche Gedanken zu finden

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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