Wütend auf den Tod

Rezension: Wir sollten uns mit unserer Sterblichkeit versöhnen, meint Barbara Ehrenreich in ihrem Buch

Wütend auf den Tod

Wir sollten uns mit unserer Sterblichkeit versöhnen, meint ­Barbara Ehrenreich

Gevatter Tod rennt auf dem Laufband. Mit coolen Sneakers. Auch er also im Fitnessraum! Lachreflex. Doch schon wird man hinterrücks von der Boshaftigkeit des Cartoons niedergestreckt. Wenn nicht nur wir ins Studio eilen, um so lange wie möglich fit zu bleiben, sondern auch der Tod – das kann nur böse enden.

Der Cartoon ziert das neue Buch der amerikanischen Bestsellerautorin Barbara Ehrenreich. Schon im Titel stellt sie die existenzielle Frage Wollen wir ewig leben? und gibt eine einfache Antwort aus überraschenden Gründen.

Zunächst lohnt sich ein Blick in das Silicon Valley. Dort, so die Autorin, leben besonders viele, meist männliche Milliardäre, die wütend sind auf den Tod. Einige von ihnen haben sich zum Ziel gesetzt, zumindest das Altern aufzuhalten. Zukunftsforscher, Start-ups und ganze Konzernabteilungen arbeiten daran, den menschlichen Körper baldmöglichst wie einen Computer behandeln zu können, und versuchen unsere Biochemie mit dem Ziel der Unsterblichkeit umzuprogrammieren. Ehrenreich erzählt von einem Biohacker, der täglich 250 Tabletten mit Nahrungsergänzungsmitteln schluckt, sich zusätzlich in einer Klinik intravenös Nährstoffe spritzen lässt und regelmäßig Tests macht, um zu checken, ob sein Körper alles zur Verfügung hat, damit er pannenfrei funktionieren kann.

Selbst wem diese Computerisierung seines Ichs zuwider ist, der kennt die Versuchung, Alter und Krankheiten ein Schnippchen schlagen zu wollen. Wir gehen emsig zu Vorsorgeuntersuchungen, messen mit Pulsuhren den Blutdruck, strengen uns an, das Richtige zu essen und auf das Falsche zu verzichten. Weil auch Stress ungesund ist, machen wir Achtsamkeitsübungen, denen Ehrenreich ein Kapitel widmet. Der Leser erfährt, dass der Buddhismus mittlerweile durch über 500 Apps vermarktet wird, sie heißen Buddhify oder Simply being.

Die Feuerwehr als Brandstifter

Auch unser Gesundheitswesen, jene milliardenschwere „Großindustrie“, mit der die Autorin hart ins Gericht geht, verspricht ein langes Leben und Kontrolle über unseren Körper, Hauptsache, wir eilen von Vorsorgeuntersuchung zu Vorsorgeuntersuchung. Wären da nicht die Makrophagen! Dass Ehrenreich diesen Fresszellen eine Hauptrolle gibt, ist erstaunlich. Zunächst berichtet sie von Studien, die belegen, dass die Immunzellen nicht nur vor Krankheiten und Erregern schützen, sondern das Wachstum von Tumoren fördern können. Diese paradoxe Verhaltensweise war für sie Anstoß, neu über Krankheit und Tod nachzudenken, denn wenn die Feuerwehr zum Brandstifter wird, kann man sich auf nichts mehr verlassen.

Unser Wunsch nach Körperkontrolle wird torpediert von Wesen, die ihren eigenen Dickkopf haben: „Trotz unserer vielgepriesenen Intelligenz und Komplexität sind wir nicht die alleinigen Urheber unserer Geschicke … Auch schlank und beispielhaft fit kann man einen Makrophagen in sich tragen, der beschließt, mit einem heranwachsenden Tumor gemeinsame Sache zu machen.“ Bei verstopften Herzkranzgefäßen oder Alzheimer haben die Makrophagen ebenfalls ihr böses Händchen im Spiel. Für Ehrenreich sind sie der Inbegriff perfider biologischer Waffen, und weil die Evolution es nun mal so eingerichtet hat, wäre es klug und hilfreich, dass wir uns ergeben. Doch wie sollen wir das mit mehr Gelassenheit schaffen? Indem wir uns „den Tod nicht voller Bitterkeit und Resignation als tragische Unterbrechung unseres Lebens vorstellen“, sondern „das Leben als Unterbrechung einer Ewigkeit individueller Nicht­existenz“.

Der 76-jährigen Autorin scheint das zu gelingen. Sie genießt, macht moderat Sport, weil sie sich dann besser fühlt, isst, was ihr guttut, und lässt nicht mehr nach Problemen suchen, von denen sie sich nicht beeinträchtigt fühlt.

Dieses Buch ist eine eigenwillige Mischung aus philosophischen Erwägungen, manchmal zu lang geratenen zellbiologisch-medizinischen Analysen, es ist amerikalastig, manchmal etwas feministisch, nicht immer stringent und dennoch voller Wahrheit. Die Gedanken, die Ehrenreich freisetzt, sind faszinierend – und erlösend. Einmal mehr wird uns bewusst, dass wir zwar Kontrolle wollen, egal ob aus Angst vor dem Tod oder aus Wut, von ihm besiegt zu werden – und sie mitnichten haben.

Barbara Ehrenreich: Wollen wir ewig leben? Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere ­Illusion von Kontrolle. Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann. Kunstmann, München 2018, 240 S., € 22,–

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2018: Diese Wohnung tut mir gut!
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