Moment mal!

Der Alltag ist stressig, Probleme müssen bewältigt, Aufgaben erfüllt werden. Das Gute geht dabei oft unter. Erfolge werden schnell abgehakt, schöne Erlebnisse kaum registriert. Die Folge: Unser Seelenhaushalt gerät ins Ungleichgewicht. Die „Psychologie des Auskostens“ lehrt uns Wertschätzung für die in jedem Leben vorhandenen Momente der Freude

Moment mal!

Der Alltag ist stressig, Probleme müssen bewältigt, Aufgaben erfüllt werden. Das Gute geht dabei oft unter. Erfolge werden schnell abgehakt, schöne Erlebnisse kaum registriert. Die Folge: Unser Seelenhaushalt gerät ins Ungleichgewicht. Die „Psychologie des Auskostens“ lehrt uns Wertschätzung für die in jedem Leben vorhandenen Momente der Freude

Den Sonnenuntergang in allen Farben nuanciert wahrnehmen, die blühenden Rosen wirklich riechen, die frisch gefallenen Kastanien fühlen und spüren, den duftenden Espresso schmecken – wie schön.

Sich an solchen und anderen schönen Momenten wirklich zu erfreuen fällt allerdings vielen schwer: „Wir gehen so selbstverständlich davon aus, dass die Menschen das Gute, was sie erfahren, auch genießen“, sagt der Sozialpsychologe Fred Bryant von der Loyola-Universität in Chicago, „die Wirklichkeit sieht allerdings etwas anders aus.“ So belegen alle neueren repräsentativen Befindlichkeitsstudien in Deutschland, Europa und den USA, dass wir zum Augenblick nicht allzu oft sagen: Verweile doch, wie bist du schön!

Fred Bryant versteht die Fähigkeit, Freude genießen zu können, als direkten Gegenspieler zu Stress und Stressverarbeitung. Er begann seine Genussforschung Ende der 1980er Jahre und begründete die Psychologie des Savoring – des Auskostens. Inhaltlich integriert Savoring die auch hierzulande praktizierte Genussschule – bei der es wesentlich um eine Schulung der Sinne geht. Doch Bryants Ansatz geht deutlich darüber hinaus: Das Forschungskonzept des Auskostens umfasst den komplexen kognitiven und verhaltensbezogenen Gesamtprozess, der unsere positiven Erfahrungen sowohl emotional vertieft als auch zeitlich verlängert und erweitert – in Richtung Vergangenheit und Zukunft. Bedingung des Auskostens ist das aufmerksame, achtsame Wahrnehmen und bewusste Reflektieren dessen, was um mich herum und in mir selbst geschieht. Der Blick richtet sich sowohl nach außen, auf die Situation, als auch nach innen, auf das positive Glückserleben.

Savoring führte überraschend lange ein Schattendasein. So findet sich noch 2006 im Standardwerk Handbook of Positive Psychology weder ein Verweis auf Bryants Forschung noch ein eigener Eintrag zu Savoring. Dies hat sich zwar geändert, in der deutschsprachigen Psychologie sind die Arbeiten...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2015: Moment mal!
Psychologie Heute Compact 63: Loslassen
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