„Eigentlich meint es die Angst gut mit uns“

Der Achtsamkeits­therapeut Georg Eifert erklärt, warum der Umgang mit der Angst so viel leichter fällt, sobald man sie als Weggefährtin akzeptiert

„Eigentlich meint es die Angst gut mit uns“

Der Achtsamkeits­therapeut Georg Eifert erklärt, warum der Umgang mit der Angst so viel leichter fällt, sobald man sie als Weggefährtin akzeptiert

Ist es für die Patienten nicht erstmal harter Tobak, wenn Sie ihnen empfehlen, die Angst zu spüren und anzunehmen?

Natürlich kann ich als Therapeut nicht ankommen und sagen: „Nehmen Sie die Angst doch einfach an, statt sie zu kontrollieren.“ Dann würden die Leute nach der ersten Sitzung rausgehen und sagen: „Danke, das war’s.“ Es funktioniert nicht über den Kopf, sondern nur über eine sinnliche, konkrete Erfahrung. Wenn ich nicht nur mental verstehe, sondern physisch erfahre, dass das, was ich bisher versucht habe, um meine Angst zu kontrollieren oder zu beseitigen, nicht funktioniert und mir sogar geschadet hat, bin ich eher bereit, einen neuen Weg zu gehen. Doch erst einmal muss ich im Wortsinn begreifen, dass es furchtbar anstrengend und kontraproduktiv ist, die Angst als Feind zu betrachten, den ich besiegen muss. Es geht nicht darum, Angst zu bewältigen – denn das ist mit Gewalt verbunden. Man muss sie vielmehr mitnehmen auf die Lebensreise.

Sie verwenden die Metapher vom Tauziehen. Wie arbeiten Sie damit?

Am eindrücklichsten ist es, wenn man tatsächlich ein Seil in die Hand nimmt und mit allen Fasern spürt, wie anstrengend und schmerzhaft es ist, immer an einer Seite des Seils zu ziehen, während das Angstmonster auf der anderen Seite dagegenhält. Denn genau das erleben Menschen, die unter starken Ängsten leiden. Sie liefern sich ein Tauziehen mit der Angst. Je mehr sie an einem Ende des Seils ziehen, desto stärker hält das Angstmonster auf der anderen Seite dagegen. Dieser Kampf dauert oft Jahre, manchmal Jahrzehnte und bringt sie an den Rand der Verzweiflung. Die Lösung ist nicht, das Tauziehen mit der Angst mit allen möglichen Tricks oder Brachialgewalt zu gewinnen. Die Lösung ist vielmehr, das Seil fallenzulassen.

Was passiert, wenn Ihre Patienten das Seil fallenlassen?

Sie sind unendlich erleichtert und überrascht, dass die Entspannung, die sie sich immer erhofft haben, plötzlich da ist. Wenn sie körperlich erfahren, dass es sich gut anfühlt, den fruchtlosen Kampf zu beenden und loszulassen, sind sie offen dafür, weiterzugehen und einen sanfteren Umgang mit sich selbst zu lernen. Es wird dann auch leichter zu verstehen, warum der Kampf, den sie bisher gekämpft haben, ihnen keine Besserung beschert hat. Wenn ich die Angst als Erzfeindin betrachte, erkläre ich einen Teil von mir selbst zum Feind. Ich befinde mich dann in einem permanenten Krieg mit mir selbst. Erst wenn ich diesen Krieg beendet habe, kann ich nach vorne gehen. Wir zeigen den Patienten auch, was der Krieg sie gekostet hat. Wer seine Angst jahrelang erfolglos bekämpft, fängt unweigerlich an, Orte, Situationen und Menschen zu meiden, die angstbesetzt sind. Viele gehen nicht mehr ins Kino, meiden Einladungen zu Festen, trauen sich ihre Arbeit nicht mehr zu, verreisen nicht mehr, wagen es nicht, sich zu verlieben aus lauter Angst vor der Angst. Der Lebensraum wird immer kleiner, bis sie sich wie in einem Gefängnis fühlen.

Auch wenn ich gelernt habe, sie nicht mehr bekämpfen zu müssen, ist die Angst immer noch da. Das Herz rast, die Knie zittern, der Mund ist staubtrocken. Was ist dann hilfreich?

Wir bringen unseren Patienten Übungen bei, die ihnen helfen, angstvolle Gedanken zu beobachten und sich davon zu distanzieren. Sie lernen, unangenehme Körperempfindungen wie Schweißausbrüche, Herzklopfen oder Zittern einfach nur wahrzunehmen, ohne sie verändern zu wollen. Der Kern der Achtsamkeitsübungen ist Meditation. Und das Wesen der Meditation ist, alles zuzulassen und nicht auf sein Erleben zu reagieren. Diesen Ansatz kann man nicht erklären, man muss es wirklich ausprobieren und immer wieder üben. Wenn Menschen dann die Erfahrung machen, dass sie genügend Raum in sich haben, alle Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen zuzulassen, erleben sie eine neue Freiheit. Wenn ich spüre, dass ich genügend Raum in mir habe, kann ich die Angst auch zulassen, weil ich weiß, es gibt in mir nicht nur Angst, sondern auch Mut, Freude, Begeisterung.

Sie sprechen explizit von Meditation und bekennen sich dazu, dass Sie selbst meditieren. Dennoch betonen Sie, dass Achtsamkeit nicht an irgendeine spirituelle Praxis gebunden ist. Warum diese Abgrenzung?

Viele Menschen haben eine Abneigung gegen Religion. Bei einem Wort wie Buddhismus oder Hinduismus denken sie gleich an religiöse Praktiken und Glaubenssysteme. Ich will niemanden vor den Kopf stoßen mit spirituellem Vokabular, deshalb spreche ich meist von Achtsamkeitsübungen, das ist ein neutraler Begriff, während Meditation für manche ein Reizwort ist. Das Entscheidende ist die Erfahrung von innerer Ruhe, die uns allen zugänglich ist. Aber ACT geht weit über Achtsamkeit hinaus.

Inwiefern?

Es reicht nicht, seelenruhig dazusitzen und achtsam alles wahrzunehmen. Den Kampf gegen die Angst zu beenden ist nur der erste Schritt der ACT-Therapie. In der zweiten Phase geht es darum, sich zu fragen: Was will ich eigentlich aus meinem Leben machen? Was ist mir wichtig? Was wollte ich immer schon mal tun? Wer seit Jahren unter Ängsten leidet, hat manchmal vollkommen vergessen, was das sein könnte. Ich frage dann beispielsweise: Wenn Sie einen Zauberstab hätten und die Angst mit einem Strich beseitigen könnten, was würden Sie dann gerne tun? Eine andere Übung, die zunächst etwas provokativ klingt, heißt: „Was soll auf meinem Grabstein stehen?“ Ich habe noch niemanden getroffen, der sich auf seinem Grabstein die Inschrift wünscht: „Hier ruht Susanne. Sie hatte ihre Panikattacken gut unter Kontrolle.“ Wer sich ernsthaft fragt, was er sich auf seinem Grabstein wünscht, kommt seinen Lebenszielen auf die Spur.

Wir sprechen bei ACT vom wertorientierten Leben. Damit meinen wir nicht abstrakte moralische Werte, sondern persönliche Lebenswerte und Lebensziele. Die Lebensqualität steigt, wenn Menschen mit zitternden Knien und Schweißperlen auf der Stirn das tun, was sie immer schon tun wollten: weil es ihnen wichtig ist und nicht, weil der Therapeut oder sonst irgendjemand findet, dass sie das machen sollten. Natürlich tauchen die alten Dämonen auf, wenn die Leute nach vorne gehen und sich wieder auf ihre Lebensziele zubewegen. Dann helfen Achtsamkeitsübungen, auf Distanz zu gehen, die Beobachterperspektive einzunehmen und trotzdem ins Flugzeug zu steigen oder jemanden im Café anzusprechen.

Wie hat sich Ihr Erleben als Therapeut durch ACT verändert?

Sie war für mich ausschlaggebend, meine bisherige therapeutische Praxis aufzugeben und einen neuen Weg zu gehen. Ich war viele Jahre lang Verhaltenstherapeut und Ausbilder. Wenn ich beobachtet habe, wie meine Studenten das, was ich ihnen aus Überzeugung beigebracht habe, umgesetzt haben, dachte ich oft: Oh nein, jetzt geht dieser Kampf schon wieder los. Der Patient sagt, ich hab Angst, in den gefährlichen Bus einzusteigen, und der Therapeut macht eine clevere Bemerkung, dass das ein irrationaler Gedanke ist und im Bus bisher doch noch nie etwas Schreckliches passiert ist. Dieser ganze kognitive Krampf. Eigentlich wollte ich „Kampf“ sagen, aber tatsächlich habe ich es als Krampf erlebt. Vor 15 Jahren war ich auf einem Kongress, bei dem Steven Hayes die Metapher vom Tauziehen demonstriert hat. Mir wurde blitzartig klar, dass ich als Therapeut auch jahrelang mit meinen Patienten ein Tauziehen veranstaltet hatte. Nach diesem Schlüsselerlebnis habe auch ich das Seil fallengelassen und aufgehört, mit meinen Patienten zu kämpfen. Danach ging alles viel leichter.

Was ist jetzt anders?

ACT bedeutet Arbeit auf Augenhöhe. Ich gebärde mich nicht als derjenige, der seine Ängste unter Kontrolle hat. Ich kenne Angst nicht nur aus dem Lehrbuch, ich weiß, wie sie sich anfühlt. Als ich etwas bekannter wurde und eingeladen wurde, auf großen Kongressen Vorträge zu halten, hatte ich extreme Angst, mich zu blamieren, und regelmäßig kurz vor meinen Auftritten Panikattacken. ACT hat mir als Methode sehr geholfen, heute habe ich keine Panik mehr, egal wie groß und berühmt das Auditorium ist. Manchmal denken die Leute, es sei ein Trick, wenn ich sie ermuntere, Angst nicht als Feind zu betrachten. Aber tatsächlich verändert das alles, das habe ich selbst erfahren. Eigentlich meint es die Angst gut mit uns, sie will uns schützen. In vielen Situationen hilft sie uns, reale Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Ich habe mittlerweile gelernt, zu unterscheiden, wann die Angst mein Freund ist und wann nicht, wann sie mir einen nützlichen Ratschlag gibt und wann sie mich blockiert. Und genau das vermittele ich auch meinen Patienten.

Dr. Georg H. Eifert ist einer der Mit­begründer der akzeptanz- und achtsamkeitsorientierten Verhaltenstherapie ACT. Er war zehn Jahre lang Professor an der Chapman University in Orange, Kalifornien. Er gibt weltweit Ausbildungsworkshops.

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