Vorwärts leben - Enttäuschungen und Kränkungen überwinden – frei werden für Neues

„Wie konnte er mir das antun?“ „Was habe ich nur falsch gemacht?“ Wenn wir von anderen enttäuscht, betrogen und gekränkt werden, kommen wir oftmals nicht darüber hinweg. Vorwürfe und Selbstanklagen halten die Erinnerung an das Geschehene lebendig und legen einen Schatten auf die Gegenwart. Wie können wir uns befreien?

Vorwärts leben - Enttäuschungen und Kränkungen überwinden – frei werden für Neues

„Wie konnte er mir das antun?“ „Was habe ich nur falsch gemacht?“ Wenn wir von anderen enttäuscht, betrogen und gekränkt werden, kommen wir oftmals nicht darüber hinweg. Vorwürfe und Selbstanklagen halten die Erinnerung an das Geschehene lebendig und legen einen Schatten auf die Gegenwart. Wie können wir uns befreien?

Die Scheidung war schrecklich! Eine gute Freundin hat sich als bittere Enttäuschung herausgestellt! Ein begangener Fehler erfüllt einen mit quälender Scham. – Schlimme Erfahrungen wie diese sind unvermeidlich. „Wir kommen nicht unverletzt durchs Leben“, schreibt die Theologin und Philosophin Melanie Wolfers. Manches Erlebte können wir relativ schnell abhaken, über andere Geschehnisse wächst mit der Zeit das Gras. Doch dann gibt es Handlungen und Worte von anderen, die uns nachhaltig beschäftigen und einen langen Schatten auf unser Leben werfen. Die Erinnerung daran werden wir nicht los. Immer wieder grübeln wir über das, was passiert ist; immer wieder hadern wir mit dem Menschen, der uns verletzt, gekränkt, betrogen hat. Wellen der Wut schwappen dann über uns hinweg, wir entwerfen wie ein Staatsanwalt regelrechte Anklageschriften und ergehen uns in Rachefantasien. Die Erinnerungen an Verletzungen, Demütigungen oder unerledigte Konflikte dringen immer wieder in unsere Tagträume ein, in Endlosschleifen durchleben wir längst zurückliegende Ungerechtigkeiten und Niederlagen. „Die Schatten der Vergangenheit trüben den Blick für die Gegenwart. Stück für Stück verlieren wir innere Leichtigkeit, Lebensfreude und Liebesfähigkeit“, beschreibt Melanie Wolfers die Folgen.

Warum quälen wir uns so? Warum können wir die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen? Es ist der starke Wunsch, vergangenes Unglück irgendwie wiedergutzumachen, der uns Kränkungserlebnisse immer wieder ins Bewusstsein bringt. Dieser Wunsch zwingt uns, über Versäumtes oder Erlittenes zu grübeln und bestimmte Situationen immer wieder zu analysieren – meist ohne Erfolg. „Wenn wir nichts tun, außer unsere Wunden zu lecken und in Selbstmitleid zu zerfließen, ändern wir gar nichts, außer dass diese Haltung am Ende wieder Hassgefühle und Rachegedanken auf die produziert, die uns das angetan haben“, schreibt die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki. „Wir bleiben in Unfrieden mit den anderen und dadurch auch mit uns selbst.“ Im Extremfall „droht die Gefahr der Verbitterung“, warnt Melanie Wolfers. „Das Leidvolle verfolgt uns und wird zu einer Quelle der Bitterkeit. Und wo immer diese hinfließt, wird das Leben vergällt, und nichts kann mehr blühen.“

Wie aber sollen wir mit den Verletzungen der Vergangenheit umgehen? Was können wir tun, wenn uns Fragen wie „Warum hast du mir das angetan?“ oder „Was bin ich jetzt noch wert?“ zermürben? „Eigentlich sollten wir gar nicht mit den Verletzungen der Vergangenheit umgehen“, antwortete einmal der US-amerikanische Benediktinermönch David Steindl-Rast auf eine entsprechende Frage des österreichischen Autors Andreas Salcher. „Je weniger man sich damit identifiziert, desto besser.“ Und diese Entidentifizierung kann gelingen, wenn wir uns entscheiden, gründlich unsere Seele und unsere Umgebung zu entrümpeln und das Geschehen aus einer neuen Perspektive zu betrachten. „Wenn wir unsere Einstellung ändern, so wandelt sich auch der Blick auf den Verlust, das Zerbrochene“, verspricht Melanie Wolfers.

Gelingt uns dieser Perspektivenwechsel, können wir irgendwann die Ereignisse emotional neu bewerten und erleichtert feststellen: Vorbei ist vorbei!

Was uns blockiert

Wenn man bestimmte Geschehnisse in der Vergangenheit bewältigen will, muss man lernen, anders darüber zu denken und anders zu handeln. Denn es sind Dinge, die wir tun, ebenso wie Dinge, an die wir denken, die uns unbemerkt in einem Dauerschmerz festhalten. Es bedeutet, liebgewonnene Meinungen und Glaubenssätze über Bord zu werfen, zum Beispiel, dass man glücklicher sein könnte, wenn die Vergangenheit rosiger gewesen wäre. Es bedeutet, sich von einer ganzen Gedankenwelt voller falscher Ideen zu verabschieden, Ideen, die das Festhalten am eigentlich längst Vergangenen und Schädlichen als vernünftig und richtig erscheinen lassen. So neigen wir manchmal zu magischem Denken: „Wenn ich einen besseren Job kriege, wird sie zu mir zurückkommen.“ Oder zu Selbsttäuschungen: „Ich muss noch mehr Beweise sammeln, dass ich recht hatte, dann kann ich mich reinwaschen. “ Und wir stolpern auch über ganz simple logische Denkfehler: „Weil mich dieser eine Mensch so hintergangen hat, kann ich niemandem mehr trauen.“

Jede dieser Ideen muss überprüft werden, bevor wir den Ballast abwerfen und in eine bessere Zukunft gehen können. Doch die Aussicht auf diese Zukunft eröffnet sich uns nur dann, wenn wir die starken emotionalen Kräfte aushebeln können, die uns gefangen halten.

Dass Wut uns blockiert, ist noch am leichtesten zu verstehen. Sie lässt uns hoffen, doch noch Gerechtigkeit und Kompensation zu erlangen – oder wenigstens den Übeltäter vor der Welt bloßzustellen: den Bruder, der uns unterdrückt hat, den betrügerischen Geschäftspartner, den falschen Freund, der uns verraten hat. Es kostet viel Kraft, diese ewige Flamme der Wut zu löschen. Aber wenn uns das nicht gelingt, hat der Übeltäter gewonnen – jedes Mal wieder.

Auch Liebe kann uns daran hindern, endlich loszulassen. Selbst wenn eine Beziehung unwiederbringlich beendet ist – Jahre nach der Trennung, der Scheidung, selbst nach dem Tod –, ist manchmal immer noch so viel Bindung an den verlorenen Menschen vorhanden, dass wir für andere Beziehungen nicht frei sind. Loslassen bedeutet, diese innere Bindung endlich zu lösen und diese Liebe noch einmal – und endgültig –aufzugeben. Sie soll kein Felsbrocken mehr sein, der uns auf die Seele drückt, sondern ein Kieselstein, den wir in die Tasche stecken – und der uns zwar erinnert, aber nicht mehr belastet.

Auch Furcht vor dem Unbekannten, Furcht vor erneutem Verlust und erneutem Schmerz lässt uns häufig an der Vergangenheit festhalten. Das Leid, das wir kennen, erscheint uns dann erträglicher, als das eventuell unbekannte Leid, das in der Zukunft auf uns warten könnte.

Die Vergangenheit loszulassen bedeutet also vor allem, unsichtbare emotionale Fesseln zu kappen: Irrationale und unproduktive Gedanken müssen infrage gestellt, unbewusste Ängste aufgedeckt und die Verstrickungen an vergangene Beziehungen gelöst werden.

Allerdings: Selbst bei besten Absichten ist es nicht einfach, die Vergangenheit abzuschütteln – es bedarf ganz konkreter Schritte, es bedarf der Taten, um dem Schatten der Vergangenheit zu entkommen.

Ballast abwerfen

Die emotionale Gefangenschaft im Gestern zeigt sich manchmal in ganz banalen Äußerlichkeiten: Unsere Wohnung ist mit negativen Erinnerungsstücken zugemüllt. Überall gibt es Andenken an eine schlimme Zeit. Das Gemälde im Wohnzimmer stammt aus dem Elternhaus, mit dem wir keine guten Gefühle verbinden. Die Uhr am Handgelenk hat uns der Expartner geschenkt, und die rote Schachtel im Kleiderschrank verwahrt die Briefe einer verlorenen Liebe. Der Vergangenheit entkommen wir nur, wenn wir all das emotionale Gepäck abwerfen, das uns passiv und träge macht.

Wie sehr uns die Dinge der Vergangenheit die Zukunft verbauen, zeigt die Erfahrung einer Frau, die über eine Onlineagentur endlich einen passenden Partner kennenlernte. „Wir haben uns sehr gut verstanden“, erzählt sie, „aber in seiner Wohnung fand ich ein eingefrorenes Szenario: In den Schränken hingen noch die Kleider der Exfrau, im Bad standen ihre Toilettenartikel herum, ihre Bücher und Zeitschriften stapelten sich in den Ecken. Das Ganze wirkte wie ein Museum der vergangenen Beziehung. Zusammen machten wir uns dann daran, das Zeug auszuräumen, ich wollte buchstäblich Platz für mich schaffen. Das ging so lange gut, bis ich ein gerahmtes Foto der Verflossenen in eine der Entrümpelungskisten stopfte. ,Was machst du da?‘, rief er empört. ,Du kannst doch Marianne nicht einfach so wegwerfen! – Marianne‘ blieb, ich ging.“

Dieses Beispiel zeigt überdeutlich: An unserer eigenen Umgebung können wir ablesen, ob wir wirklich bereit sind für einen neuen Aufbruch oder ob wir noch an der Vergangenheit kleben. Unerschrockenes, vielleicht sogar rücksichtsloses Entrümpeln ist eine notwendige Voraussetzung, um aus bestimmten Lebenssituationen auszubrechen. Wer endlich in die Zukunft vordringen will, sollte belastende Spuren des alten Lebens verwischen: Niemand braucht diesen abgewetzten Ohrensessel, auf dem es sich die Expartnerin immer gerne gemütlich gemacht hat

Dinge können uns im Gestern festhalten, sie erinnern uns immer wieder an längst vergangene Zeiten. Das ist kein Problem, solange es uns damit gutgeht. Wenn wir aber leiden, wenn wir über Vergangenes grübeln, wenn uns alte Wunden schmerzen, sollten wir die Erinnerungsstücke am besten wegpacken: In eine „Teufelskiste“ kommen all die Fotos verflossenen Glücks, die papierenen Zeugen eines gescheiterten Geschäftsplanes, die Briefe des untreuen Freundes. Trennen wir uns von den materiellen Erinnerungsstücken, auch wenn uns das traurig macht.

Sogar Jahrestage oder Familienfeste können sehr zweischneidige Traditionen sein: So schön und sinnvoll manche Rituale sind – sie werden oft maßlos überbewertet. Und wie viele Menschen quälen sich durch die berühmten Familienfeiertage, ohne den Mut aufzubringen, damit wirklich zu brechen und frei zu werden für neuere Rituale und Traditionen in einem weniger belasteten Umfeld.

Die Geschichte umschreiben

Warum musste mir das passieren? Warum hatte ich keine bessere Kindheit? Wieso hat er / sie mich betrogen? „Eine Kette, die an die Vergangenheit schmiedet, ist die Frage nach dem Warum“, erklärt Melanie Wolfers. Dieses Warum lässt uns den Scheinwerfer auf die Vergangenheit richten, wir suchen nach Erklärungen für unsere gegenwärtige Situation und verlieren darüber die Gegenwart aus den Augen. Deshalb sollten wir die Blickrichtung ändern und uns fragen, ob das, was wir erlebt haben, nur eine Katastrophe ist oder ob es nicht doch auch positive Seiten für uns hat. Es geht darum, das Drehbuch des Geschehenen umzuschreiben.

Eine solche „Überarbeitung“ hat das Ziel, uns aus der Opferrolle zu befreien, auch in dem Sinne, dass wir weniger verletzt, hilflos und im Gestern gefangen sind, als es zum Zeitpunkt des Ereignisses selbst der Fall war. Durch die Überarbeitung kann unsere Geschichte einen neuen „Ton“ bekommen, können die Wut, der Schmerz, die Furcht und der Verlust abgemildert werden. „Sich gekränkt fühlen ist kein unabwendbares Schicksal. Vielmehr liegt es auch an unserer Sicht auf die Dinge, ob, wodurch und wie tief wir uns verletzt fühlen“, sagt Wolfers. Zwei Beispiele illustrieren, wie dieses Umschreiben funktionieren kann:

„Ich war verbittert und tief getroffen, als ich entdeckte, dass mein Mann eine Affäre hatte; wir haben uns scheiden lassen. Aber ich war schon vorher unglücklich in unserer Ehe. Ich muss zugeben, dass mein Zorn schlagartig nachließ, als ich erkannte: Die Affäre hat uns beiden einen Ausweg geboten. Ich habe meine Integrität bewahrt und konnte ihn verlassen – ein Geschenk!“

Oder: „Mein Schwager hat unsere gemeinsame Firma verlassen und mich auf einem Haufen Schulden sitzenlassen. Ich habe ihn damals für einen selbstsüchtigen und feigen Kerl gehalten, der mich nur ausgenutzt hatte. Zehn Jahre lang habe ich kein Wort mehr mit ihm gesprochen, unsere Familien verkehrten nicht mehr miteinander. Heute sehe ich das etwas anders: Ich weiß, dass es für ihn wichtig war, einen eigenen Weg zu versuchen. Es hatte nichts mit mir zu tun. Wir waren einfach nur sehr unterschiedlich in unserer Auffassung. Nachdem ich das akzeptieren konnte, haben wir uns zusammengesetzt, und heute feiern unsere Familien wieder zusammen Weihnachten.“

Überarbeitungen der Lebensgeschichte sollen nicht die Fakten in der Erzählung verdrehen oder fälschen. Es geht vielmehr darum, diese Fakten von einer reiferen, verständnisvolleren, distanzierteren Perspektive aus zu sehen und neu zu bewerten. Es ist die emotionale Neubewertung der Tatsachen, die uns befreit.

Durch die Wunden, die das Leben schlägt, kann sich auch unser Selbstbild verändern. Erst im Schmerz entdecken wir Kompetenzen, von denen wir noch gar nichts wussten. Erst die Mobbingerfahrung am Arbeitsplatz hat uns gelehrt, rechtzeitig nein zu sagen. Erst die unehrliche Freundin hat uns deutlich gemacht, dass wir anderen zu schnell vertrauen. „Es gibt Enttäuschungen, die heilsam sind, weil sie zu einer vertieften Selbsterkenntnis führen“, bestätigt Wolfers. „Die Verletzung kann mich auf meine Grenzen aufmerksam machen oder auf überzogene Erwartungen mir und anderen gegenüber. Sie kann mir sensible Empfindlichkeiten und schlecht verheilte alte Wunden ins Bewusstein rufen. Sie entlarvt meine idealisierten Selbstbilder.“

Gute Argumente für Vergebung

Die überarbeitete Lebenserzählung ist ein Schritt auf einem steinigen Pfad, der zur Vergebung führt. Aber ist es überhaupt möglich, dem Übeltäter zu vergeben, der uns tief verletzt, ungerecht behandelt und gedemütigt hat? Wenn uns schweres Unrecht widerfahren ist, ist es in gewisser Weise eine Genugtuung, ärgerlich, wütend und nachtragend sein zu dürfen. Würde Vergebung nicht bedeuten, dass man den anderen vom Haken lässt, ihn vielleicht sogar noch belohnt? Das erscheint eine nahezu unerträgliche Vorstellung.

Man findet immer gute Gründe, die eigenen negativen Gefühle aufrechtzuerhalten. Aber wie gut sind sie wirklich? Bekommen wir Genugtuung, indem wir unsere Wut, unsere Rachegelüste immer weiter nähren? Melanie Wolfers weist auf eine schwerwiegende Konsequenz von Unversöhnlichkeit hin: „Solange ich jemandem noch etwas nachtrage, gehe ich nicht meinen eigenen Weg. Vielmehr laufe ich ihm in Gedanken hinterher und bin … an die Vergangenheit gebunden.“ Irgendwann sollten wir erkennen, dass wir mehr zu gewinnen haben, wenn wir diese Gefühle aufgeben – wenn wir vergeben.

„Sprachgeschichtlich bedeutet Vergeben: durch Geben beseitigen. Vergebung ist im Grunde ein Geschenk an dich selbst, nicht an die Personen, die dir Verletzungen zugefügt haben“, schreibt der Psychotherapeut Steven Hayes. Wenn wir uns entschließen, den Menschen zu vergeben, die uns geschadet haben, bedeutet das: Wir fangen endlich an, an uns selbst zu denken und alles zu tun, damit es uns besser geht. Denn wenn wir nicht vergeben wollen, müssen wir einen hohen Preis dafür bezahlen. Wir bleiben dann in der ohnmächtigen Rolle des Opfers.

Zahlreiche psychologische Studien bestätigen die seelisch stabilisierende Wirkung des Vergebens. Wer vergeben kann, stärkt seine Gesundheit, wie beispielsweise diese Untersuchung belegen konnte: Die Teilnehmer wurden gebeten, sich an eine Kränkung oder Verletzung, zugefügt durch einen wichtigen Menschen, zu erinnern. Dann wurde die Hälfte der Probanden aufgefordert, die Motive des Kränkenden zu verstehen, sich in seine Situation einzufühlen und ihm seine Tat zu vergeben. Die andere Hälfte sollte nach Rache sinnen und weiter ihre Hassgefühle pflegen. Das Ergebnis: Herzschlagrate, Blutdruck und andere Stresszeichen stiegen deutlich an, wenn die Teilnehmer Rachegedanken schmiedeten. Die Werte verbesserten sich jedoch deutlich, wenn sie dem Verletzenden verzeihen konnten. Die Psychologen, die diese Studie durchführten, warnen daher: Auf Dauer gekränkt zu sein, dem anderen seine Tat nachzutragen schwächt das Immunsystem und kann körperlich oder seelisch krank machen.

Es gibt also gute Argumente für das Vergeben. Allerdings: Vergebung ist ein Prozess, der viel Energie und Geduld kostet. Vergebung ist wahrscheinlich eines der schwierigsten Vorhaben in unserem Leben. Es ist ein Willensakt, zu dem wir uns entscheiden, weil wir wissen und einsehen, dass es gut und richtig für uns ist, wenn wir loslassen. Wenn wir vergeben, weisen wir dem Geschehen in der Vergangenheit den Platz zu, den es verdient: Es ist ein Teil unserer Geschichte, aber eben nur ein Teil. Unsere Identität ist nicht dadurch definiert.

Erleichtern können wir diesen Prozess, wenn wir auch hier einen wichtigen Perspektivenwechsel vornehmen und versuchen, die Person, die uns Schlimmes angetan hat, „ganzheitlicher“ zu sehen. Meist handelt es sich ja um einen Menschen, der uns einst wichtig war (sonst hätte er uns gar nicht so tief kränken können). Wenn wir bereit sind zu vergeben, dann entdecken wir mit der Zeit, „dass die guten gemeinsamen Stunden mit der anderen Person nicht einfach durchgestrichen sind“, so Melanie Wolfers. „Und selbst wenn die Beziehung unwiderruflich zerbrochen sein sollte, so sind die guten Erfahrungen zwar vergangen, aber nicht ausradiert. Vielleicht blitzt dann sogar ein Gefühl von Dankbarkeit auf.“

Wenn das gelingt, dann können wir die offenen Rechnungen, die wir mit dem anderen Menschen haben, ad acta legen. Wir verzichten auf Wiedergutmachung. Was geschehen ist, ist geschehen. Nun ist der Weg in die Zukunft befreit von den Schatten der Vergangenheit.

Literatur

  • Andreas Salcher: Der verletzte Mensch. Ecowin, Salzburg 2009
  • Bärbel Wardetzki: Nimm’s bitte nicht persönlich. Der gelassene Umgang mit Kränkungen. Kösel, München 2012
  • Bärbel Wardetzki: Ohrfeige für die Seele. Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können. Kösel, München 2000
  • Melanie Wolfers: Die Kraft des Vergebens. Wie wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden. Herder, Freiburg 2013

Es tut mir so leid!

Ist Wiedergutmachung möglich, wenn wir anderen Verletzungen zugefügt haben?

Komisch, wenn es um Kränkungen und zurückliegende Verletzungen geht, betrachten wir das Thema meist automatisch aus der Opferperspektive: Jemand hat uns oder anderen etwas angetan, jemand muss Abbitte leisten, seine Schuld wiedergutmachen. „Die Rolle des Kränkenden ist uns oft weniger bewusst als die des Gekränkten“, bestätigt die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki. Möglicherweise liegt das daran, so meint sie, „weil wir als Kränkende einen größeren emotionalen Abstand zum Geschehen herstellen können, als wenn wir diejenigen sind, die verletzt werden“. Realisieren wir aber, dass wir einem anderen Menschen durch unser Verhalten Unrecht getan haben, ist der Aufruhr der Gefühle oft ebenso groß, wie wenn uns die Verletzung zugefügt worden wäre. Schuldgefühle können uns quälen: Wir machen uns Vorwürfe, dass wir die Schwester jahrelang gedemütigt, einen Freund im Stich gelassen und uns nicht ausreichend um die alten Eltern gekümmert haben. Oder wir leiden unter einer anhaltenden Wut auf uns selbst, weil wir nichts gegen die Mobbingattacken auf die Kollegin unternommen oder uns durch eine kleine Intrige einen Karrierevorsprung verschafft haben.

Es ist möglich, aus dieser emotionalen Selbstkasteiung herauszufinden und sich selbst zu vergeben. Das setzt allerdings voraus, dass wir versuchen, den Fehler ausbügeln: die Steuern nachzahlen, die Lüge aufklären, den Schaden nach Kräften wiedergutmachen, den Geschädigten um Verzeihung bitten,

In manchen Fällen ist vielleicht sogar aktive Wiedergutmachung möglich. So wie in diesem Beispiel: Ein älterer Mann erhielt einen Brief ohne Absender­adresse. Darin waren 700 Euro und ein handgeschriebener Zettel: „Lieber Robert, ich habe vor elf Jahren für einige Monate in Deinem Buchladen gearbeitet. Du hast mir diese Stelle angeboten, nachdem ich arbeitslos geworden war. Und Du warst immer fair und anständig zu mir. Aber ich habe es Dir schlecht gedankt – ich habe immer wieder Beträge aus der Kasse genommen. Ich glaube, Du hast es niemals bemerkt. Hier ist das Geld zurück, mit Zinsen. Es tut mir sehr, sehr leid, und ich bitte Dich um Verzeihung.“

Manchmal gelingt eine Befreiung gerade dann, wenn wir unseren Anteil an einem Zerwürfnis zugeben, an einer Trennung, einem Scheitern. Wenn wir einsehen können, dass wir gedankenlos, ungerecht, grausam, gleichgültig oder einfach unfähig waren. Wir haben vielleicht nicht gestohlen, wie der Absender des zitierten Briefes. Aber wir haben ein Geschwister herablassend behandelt, einen Freund im Stich gelassen, ein Elternteil vor den Kopf gestoßen, unseren Partner betrogen. Wir haben diese Schuld verdrängt, so gut es ging, wir haben rationalisiert, indem wir die Verantwortung des anderen betonten, aber unsere Schuldgefühle sind wir damit nicht wirklich losgeworden. Es ist befreiend und entlastend, wenn wir die Hand ausstrecken und aktive Wiedergutmachung betreiben – ein offenes Gespräch, ein Brief, in dem wir uns erklären und unser Bedauern glaubwürdig ausdrücken, eine versöhnende Geste.

Ein solches Bekenntnis, eine solche Geste sollte drei wesentliche Bestandteile haben: Wir erklären, dass wir einsehen, gemein oder unfair gehandelt zu haben („Ich war ein richtiges Ekel damals, ich habe dich grundlos getriezt und aufgezogen“). Zweitens sollten wir dem anderen die Gelegenheit geben, seine Sicht der Dinge auszudrücken, den alten Schmerz, seine Wut, seine Enttäuschung zu zeigen – und diese Stellungnahme zu validieren („Ich sehe ein, dass du jedes Recht hast nachtragend und sauer auf mich zu sein“). Und drittens der ehrliche Ausdruck der Reue und des Bedauerns („Ich will, dass du weißt, wie leid mir das tut, ich habe dich verletzt / gekränkt / betrogen – das war nicht richtig, und es tut mir sehr leid“).

Die Anerkenntnis und Wiedergutmachung alter Schuld müssen nicht unbedingt zum Ziel haben, eine alte Beziehung wiederherzustellen. Schön, wenn es gelingt, aber es geht vor allem darum, einen Teil der Vergangenheit abzuschließen, der uns auf die ein oder andere Weise bedrückt und einen Schatten auf unser Leben geworfen hat.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2015: Vorwärts Leben
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