Genuss durch Verzicht

Askese hat einen abschreckenden Ruf, denn sie wird oft genug als Selbstkasteiung missverstanden. Dabei ist sie eine Übung in Sinnlichkeit.

Der Genuß der Muße ist nach einer Zeit der Unmuße am größten – in seinen Gegensätzen spüren wir das Leben. © Alice Wellinger

Genuss durch Verzicht

Askese hat einen abschreckenden Ruf, denn sie wird oft als strenge Selbstkasteiung missverstanden. Tatsächlich aber ist Askese ein Training der Sinne, eine Übung in Sinnlichkeit

Genießen? Wird nicht schon zu viel davon geredet? Um Missverständnisse zu vermeiden: Nicht ständig muss ein Mensch genießen, nicht unentwegt „gut drauf sein“. Genießen ist wunderbar, es ist auch wiederholbar, aber es ist nicht ständig möglich, es braucht Erholung. Ihm bereitwillig Pausen zu gewähren bereitet den Boden für künftige Genüsse. Die Pausen zu verweigern, führt zur Suche nach stärkeren Reizen, deren Genuss dennoch bald schal ausfällt.

Ein erfülltes Leben besteht darin, nicht immer nur zu genießen, sondern auch genussfreie Zeiten gut zu bewältigen. Selbst die schönsten Schaumkronenerlebnisse können unschöne Erfahrungen nicht ausschließen. Umgekehrt ist es wichtig, bei unschönen Erfahrungen das Schöne wieder zu suchen, das viel Kraft verleiht. Genussmomente rüsten Menschen außerdem bestens dafür, Herausforderungen zu bestehen, die auch bei einem genussreichen Leben nicht ausbleiben, darüber soll hier nicht hinweggetäuscht werden.

Zur Kunst, das Leben zu genießen, verhilft Askese. Sie hat keinen guten Ruf, daher nun der Versuch zu ihrer Ehrenrettung. Übung, das ist Askese, dem alten griechischen Ausdruck askesis entsprechend. Übung besteht im wiederholten Vollzug einer Verhaltensweise, um Fähigkeiten zu verbessern und Abläufe zur Gewohnheit zu machen. Im Sport ist die Bedeutung von Übungen bestens bekannt, und damit ist nicht unbedingt die Übung der Enthaltsamkeit gemeint, die in den Köpfen vieler für Askese steht. Obwohl eine solche beispielsweise beim Gebrauch von Techniken gelegentlich ratsam sein könnte.

Der Wolkenzug am Himmel

Genuss hat zu einem guten Teil mit Sinnlichkeit zu tun, die sinnliche Fülle trägt sehr viel zur Sinnerfülltheit des Lebens bei. Übungen zur besseren Nutzung der Sinne dienen dazu, die Genussfähigkeit zu steigern. Dem Sinn des Sehens etwa tut es gut, sich des Blicks auf Displays und Bildschirme immer wieder für einen Moment oder eine Weile zu enthalten und stattdessen sich darin zu üben, in den Gesichtern von Menschen zu lesen, die Fassaden von Häusern zu studieren, die Bilder einer Ausstellung auf sich wirken zu lassen, die Formen und Farben von Landschaften in sich aufzunehmen und den unentwegt sich verändernden Wolkenzug am Himmel zu bewundern, ein altes romantisches Projekt, das als Cloudspotting in neuerer Zeit erneut an Reiz gewinnt.

Am leichtesten fällt es, den Sinn des Hörens mit Übungen zu stimulieren, denn die Lieblingsmusik der Playlist durchpulst über die Knöpfe im Ohr ohnehin den gesamten Körper. Sorge wäre nur dafür zu tragen, nicht die Gehörgänge damit zu verstopfen und welt- und selbstvergessen etwa die freundliche Kontaktaufnahme eines Mitmenschen oder das gefährliche Heranna­hen eines Fahrzeugs zu überhören. Von allen Seiten dringen Geräusche, Töne, Stimmen, manchmal Stille und, ja, auch Krach an unser Ohr. Die Welt und alles, was in ihr ist, spricht auf diese Weise. Es bedarf lediglich einer Entscheidung für die Übung, hier und da genauer hinzuhören.

Und wer nannte den Geruchssinn unnütz? Leider Aristoteles. Kleiner Irrtum eines großen Geistes. Nützlich sind Gerüche als Andockstellen für Erinnerungen, die einen Menschen lebenslang begleiten und mit ihrer Beständigkeit Lebenssinn begründen. Und als Warnsignale vor Gefahren wie etwa verdorbenen Lebensmitteln. Um die Sensoren der Nase ausreichend zu üben, genügt es, die Umgebung als „Geruchsorgel“ zu begreifen, die sehr unterschiedliche Reize zu bieten hat: Meeresbrise mit Möwengeschrei, den Muff einer alten Kirche, frischgebackenes Brot, nasse Socken nach Regengeprassel. Wenig überraschend, dass beißende Reize den Sinn für Wohlgerüche schärfen.

Kein Mensch braucht Kaviar

Den Sinn des Schmeckens übt, wer isst und trinkt, aber es ist nicht egal, worum es sich dabei handelt. Manche lieben den Geschmack von Kaviar oder auch nur den Luxus, ihn sich leisten zu können, aber Fragen stellen sich: Wo kommt der her? Unter welchen Bedingungen wird er gewonnen? Muss ich den unbedingt haben, oder kann ich Askese üben, hier wieder im Sinne des Verzichts? Zum Beispiel weil es sich wohl eher nicht um einen fairen Genuss handeln kann, fair im Sinne von sozial und ökologisch verträglich. Es gibt ja jede Menge alternative Genüsse, kein Mensch braucht Kaviar, um das Leben genießen zu können.

Eine großartige Sinnlichkeit ermöglicht die Übung des Tastsinns, dessen Sensoren über die gesamte Hautoberfläche verteilt sind. Vor allem die Berührungen, die mit anderen ausgetauscht werden, bestärken die Vertrautheit miteinander und das Gefühl der Existenz: Ich berühre, also bin ich, tango ergo sum. Damit es an Berührung nicht mangelt, hat Gott oder die Natur sie mit so großer Verführungskraft ausgestattet, dass sie zum bevorzugten Medium der Erotik geworden ist. Umso bedauerlicher, dass Menschen es dennoch an ihr fehlen lassen. Selbst innerhalb einer Beziehung finden sich allzu häufig die Hände nicht, und Umarmungen entfallen, die unbedingt zur Kunst, das Leben zu genießen, gehören. Die Grundversorgung mit Berührung ist ein Menschenrecht.

Ergänzend zu den fünf Sinnen hat die Neurobiologie einen sechsten zum Vorschein gebracht, dessen Übung manchen Menschen freilich Mühe macht: Der Bewegungssinn übernimmt bei jeder noch so einfach erscheinenden Bewegung die Koordination aller Teile des Körpers, die so komplex ist, dass dafür zahllose Neuronen und Synapsen aktiviert werden müssen, die sodann auch für andere Operationen des Gehirns zur Verfügung stehen. Die tiefere Atmung, die Gehirn und Organe mit mehr Sauerstoff versorgt, geschieht durch mehr Bewegung ganz von selbst. Problematisch ist nur, dass moderne Menschen sich anders als in früheren Zeiten kaum noch von selbst bewegen. Bildschirme, Aufzüge, Rolltreppen, Autos, Segways verführen auf Schritt und Tritt zum Verzicht darauf, der hier keine sinnvolle Askese ist.

Freundesübungen: miteinander Musik hören und einander toll finden

Selbst für einen siebten Sinn ist eine Referenz in Hirnstrukturen gefunden worden: Der Sinn des Spürens nimmt Spuren aus dem Körperinneren und der Umgebung auf, die wertvolle Informationen über Innen- und Außenwelt vermitteln. Insbesondere im Bauchraum erheben Tausende von biologischen Antennen des Sonnengeflechts in jedem Moment Abertausende von Messdaten und leiten sie zur Verrechnung ans Gehirn weiter. Das berühmte „Bauchgefühl“ ist keine Erfindung, in ihm artikuliert sich vielmehr das Wissen des Körpers und gelangt in Form von Ahnungen ins Bewusstsein, das mit der Deutung der Signale befasst ist. Sich in der Sensibilität für diese Sprache zu üben erscheint sinnvoller, als sie als belanglos abzutun.

Sollte nun der Eindruck entstanden sein, dass einsame Selbstgenüsse vorherrschend sind, ist er falsch. Die meisten Genüsse sind dadurch zu steigern, dass sie gemeinsam genossen werden. Das Privileg der Freundschaft sind die vielen großartigen Stunden, die Freunde miteinander verbringen und ihr Wohlfühlglück in solchen Momenten ausmachen, oft einhergehend mit sinnlichen Erfahrungen. Freundesfreuden und die entsprechenden Freundesübungen bestehen darin, miteinander Musik zu hören, etwas zu trinken, auch Trinkgelage zu feiern, gemeinsam zu essen, Ausflüge und Reisen zu unternehmen, einander toll zu finden, lange Gespräche zu führen und sich in der Vertrautheit miteinander zu entspannen. In der Erinnerung können die schönen Erfahrungen lange nachklingen, viele davon ein ganzes Leben lang. Im Rückblick ist es reizvoll, sich daran zu erinnern, „was wir schon alles miteinander erlebt haben“, auch problematische Episoden will dann keiner mehr missen.

Und der höchste Lebensgenuss ist anerkanntermaßen die Liebe, wiederum verbunden mit vielen sinnlichen Erfahrungen, so sehr, dass es kaum vorstellbar ist, dass ein Leben ohne den anderen noch ein sinnvolles, genussreiches Leben sein könnte. Den Liebesfreuden dienen gemeinsame Liebesübungen, Unternehmungen, Gespräche, erotische Spiele. Die Liebe gewährt die Möglichkeit, pansensuelle Erfahrungen zu machen. Alle Sinne können dabei zur vollen Entfaltung mit außerordentlichen Genüssen kommen. Und nicht nur die Sinnlichkeit wird hellwach, sondern auch miteinander geteilte Gefühlsgenüsse und Gedankenreichtum machen die Energie des Lebens intensiv erfahrbar. Es gibt keinen kürzeren Weg zum Sinn des Lebens.

Askese bereitet die Ekstase vor

Und der kürzeste ist die Erotik mit ihren Zuspitzungen und Übungen, Sex im weiteren und engeren Sinne. Die einzige Voraussetzung dafür ist, sich sehr weit auf den jeweils anderen einzulassen. Askese bereitet immer von Neuem die Ekstase vor. Jede und jeder kennt die Erfahrung, dass auf eine Weile der Abstinenz, freiwillig oder unfreiwillig, eine ekstatische Intensität folgt, die ihresgleichen sucht. Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Gerücht ist die Askese also keineswegs lustfeindlich, ganz im Gegenteil: Wer zur Askese in der Lage ist, hat den größeren Genuss.

Das ist der große Vorteil jeder Askese, einerseits im Wortsinn der askesis, weil das stetige Üben des Genießens das Genießenkönnen steigert. Andererseits aber auch im anderen Sinne, weil schon die Übung der Zurückhaltung, erst recht der zeitweiligen Enthaltung die unvermeidliche Abstumpfung durch Gewohnheit reduziert und die Empfindsamkeit für den Genuss steigert. In manchen Fällen kann es sogar um die Fähigkeit zum dauerhaften Verzicht gehen, etwa dann, wenn es keine Möglichkeit zu bestimmten Genüssen mehr gibt oder wenn Genüsse das eigene Selbst oder andere gefährden würden.

Askese ist bei allen Genüssen die Übung des richtigen Maßes. Das richtige Maß pendelt sich im Hin und Her zwischen Zuviel und Zuwenig ein, so kommt eine Balance zustande. Nicht das Maximum eines Genusses, sondern das Optimum steht infrage, das aber nicht allgemein bestimmt werden kann, sondern von der Verfassung des Einzelnen abhängt, ja sogar von seiner Tagesverfassung. Was heute schmeckt, ist morgen reizlos. In wohldosierter Form bringt der Genuss eine willkommene Abwechslung in den Alltag. Wer zur Dosierung nicht in der Lage ist, läuft Gefahr, dass aus Genuss Überdruss wird. Überfluss erzeugt Überdruss. Den eigentlichen Genuss macht ohnehin nicht die Quantität, sondern die Qualität, sei es beim Sex, Essen, Wein, Kaffee oder bei Schokolade. Wird aber die Dosierung nicht beachtet, kann aus Genuss außerdem Sucht werden, die mittel- und langfristig zerstörerisch wirkt.

Die Polarität des Lebens

Wenn es an Gelegenheiten zum Genuss fehlt und ein Mensch Verzicht leisten will oder muss, machen asketische Fähigkeiten es leichter, Auszeiten gut zu überstehen, etwa was die Liebesfreuden betrifft. Sollte ein Verzicht auf Sex unvermeidlich sein, ist er besser zu verkraften, wenn ein volles Maß an Berührung und Sinnlichkeit auch ohne Sex möglich ist. Und wenn noch andere Genüsse zur Verfügung stehen, etwa geistige Genüsse. Was Sublimation genannt wird, ist der Verzicht auf Körperlichkeit, um alle Energien auf andere Projekte, Objekte, Arbeiten und Aufgaben zu lenken. Der Genuss von geistigem Kaviar ist weitgehend unbedenklich, eine Zurückhaltung oder Enthaltung ist hier kaum nötig, alle Askese kann der Steigerung und Verfeinerung des Genusses gewidmet werden.

Bei allen Genüssen kann freilich das Grundgesetz der Polarität des Lebens nicht ausgehebelt werden. Der Genuss eines Hobbys, eines Sports ist besonders entspannend, wenn er als Ausgleich zu einer privaten oder beruflichen Anspannung erlebt wird. Der Genuss der Muße ist nach einer Unmuße am größten. Der Genuss von Sex ist umwerfend, wenn er auf die Erfahrung eines Sexout folgt. Der Genuss eines Spiels wird am stärksten empfunden als Kontrast zum Ernst des Lebens.

Wenn Unfreiheit erfahren wird, kommt der Genuss der Freiheit erst zu Bewusstsein. Er bedeutet am meisten den Menschen, die aus politischen und gesellschaftlichen Gründen nicht frei ihre Meinung sagen und sich nicht frei bewegen können oder nicht über die materiellen Mittel verfügen, die mehr Freiheit gewähren würden. Erst recht wird der Genuss des Lebens durch die Konfrontation mit Krankheit, Leid und Tod vertieft. Auch die Normalität wird zum Genuss, wenn die Unnormalität ins Leben hereinbricht. Die Askese aber in ihren diversen Formen ist bei der Gestaltung und Bewältigung aller Lebenssituationen hilfreich.

Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin. 2018 erschien sein Buch Selbstfreundschaft. Wie das Leben leichter wird im Insel-Verlag. Website: www.lebenskunstphilosophie.de

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2018: Der Ex-Faktor
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