Frau Wiese und die Angst vor Konflikten

In Mariana Lekys Kolumne geht es diesmal um die Zuckerfrage – und um den neuen Mieter.

Die Illustration zeigt eine konfliktscheue Frau, die ihr Gesicht zur Hälfte verbirgt, dahinter zwei Personen, die sie ansprechen möchten
Der neue Mieter hört Starship. Dagegen allein ist eigentlich nichts zu sagen. © Elke Ehninger

Seit einer Woche ist ein neuer Mieter im Haus, er ist ganz oben eingezogen, im Dachgeschoss. „Haben Sie schon den neuen Mieter gesehen?“, antwortet meine Nachbarin Frau Wiese mit einer Gegenfrage, als ich bei ihr klingele und sie bitte, mir mit etwas Zucker auszuhelfen. „Nein“, sage ich, „Sie?“

Frau Wiese sagt nichts. Auch nicht zu meiner Zuckerfrage. Sie lehnt sich an den Türrahmen und sieht müde aus. „Der Mieter“, sagt sie schließlich, „ich kann an nichts anderes mehr denken.“ Kurz glaube ich, dass Frau Wiese sich heillos in den neuen Mieter verliebt und sich die letzten Nächte in ungestilltem Verlangen gewälzt hat. Was man eben so glaubt, wenn man am Abend zuvor Schnulzen auf Netflix geschaut hat. Leider ist es ganz anders. Es wurde sich tatsächlich gewälzt, aber nicht in unstillbarem Verlangen, sondern in einer unstillbaren Konfliktangst.

Die kennen Frau Wiese und ich beide gut. Wir haben uns neulich darüber ausgetauscht, als ich sie das letzte Mal um Zucker gebeten hatte. „Ja“, sagen wir, wenn wir im Restaurant gefragt werden, ob uns die vollkommen versalzene Suppe geschmeckt hat. „Sehr schön“, sagen wir, wenn ein Friseur uns stolz und von allen Seiten einen schrecklichen Haarschnitt präsentiert, den er uns gerade verpasst hat.

Der neue Mieter ist sehr umtriebig

Im Fall des Mieters zeigt sich, dass Frau Wieses Konfliktangst es noch ein bisschen doller treibt als meine. Frau Wiese hat den neuen Mieter noch nie gesehen, aber gehört. Sie wohnt direkt unter ihm. Unser Haus ist sehr hellhörig. Ich wohne direkt...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2019: Bin ich gut genug?
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