Die Angst von vorgestern

Die diffuse Furcht, im Fahrstuhl stecken zu bleiben, wird für Mariana Leky dieses Mal sehr real.

Die Illustration zeigt eine Frau, die von einer anderen Frau zum Fahrstuhl begleitet wird, dabei reiten beide auf einer Hand, die auf einen Knopf drückt
Mariana Leky ist mit einer älteren Dame in einem Aufzug, als dieser plötzlich stecken bleibt. © Elke Ehninger

Vorgestern bin ich in einem Aufzug steckengeblieben. Sollte das jemals passieren, hatte ich geglaubt, werde ich aus dem Stand in Panik geraten. Tatsächlich war es für mich viel weniger schlimm, als ich dachte – und das lag daran, dass die ältere Dame, die mit mir feststeckte, in Panik geriet. Aus dem Stand begann sie zu zittern und zu weinen, deshalb hielten wir nur kurz den Abstand, den man eigentlich hält, wenn man sich fremd ist.

Schnell hatte ich die Dame im Arm, sie roch nach Veilchenpastillen, sie weinte in meinen Mantel, und ich versuchte, beruhigend auf sie einzureden, so wie man auf ein fiebriges Kind oder ein altes Pferd einredet. Als die Dame mich unter Tränen bat, ihr etwas vorzusingen, stimmte ich Der Mond ist aufgegangen an, und noch bevor ich den steigenden wunderbaren weißen Nebel besingen konnte, fuhr der Aufzug weiter. Ich hatte das ganze Steckenbleiben über buch­stäblich alle Hände voll damit zu tun, die Angst der älteren Dame in Schach zu halten, so dass meine eigene Angst kein bisschen zum Zuge kam.

Jetzt, zwei Tage später, stehe ich erneut vor einem Aufzug, vor einer ganzen Reihe von Aufzügen. Ich befinde mich in einem Ärztehaus und habe einen Ohrenarzttermin im sechsten Stock. Es ist viel los. Die Aufzüge rauschen hoch und runter, die Aufzugtüren gleiten auf und zu, Menschen steigen ein und aus. Nur ich bleibe stehen, und zwar im Weg, und zwar all den Menschen, die keine plötzliche Angst vor Aufzügen haben. Ich weiß nicht, ob die Angst, die ich plötzlich habe, die Angst der älteren Dame von vorgestern ist (die Ärmel meines Mantels riechen noch nach Veilchenpastillen) oder ob es meine eigene Angst vor dem Steckenbleiben ist, die vorgestern nicht zum Zuge kam, weil die ältere Dame sie freundlicherweise übernommen hatte. Ich stehe da und stecke nicht in, sondern vor einem Aufzug fest.

Der innere Verhaltenstherapeut

Und dann drehe ich mich um, weg von den Aufzugtüren, und beschließe, eine Treppe zu suchen. Ich weiß genau, dass dieses Abwenden, dieses „Lieber doch nicht“ verheerend sein kann – denn aus unerfindlichen Gründen ist mit der plötzlichen Angst auch ein...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2020: Mein wunder Punkt
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