„Erzählende Literatur heißt, die Welt mit anderen Augen zu sehen“

Daniel Kehlmann spricht im Interview über Aberglaube, Wissenschaft und über die Entbanalisierung der Welt beim Erzählen.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann sitzt vor grauem Hintergrund und schaut in die Kamera
Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. © Beowulf Sheehan

Herr Kehlmann, wie entsteht bei Ihnen ein Roman? Denken Sie sich: Ich schreibe jetzt mal etwas über magisches Denken, wo könnte ich das ansiedeln? Oder ist da zuerst eine Figur wie Tyll Ulenspiegel, und dann versetzen Sie diese Figur in ein Szenario und sie fängt an zu agieren?

Eher Ersteres. Es ist allerdings keine kalte, rationale Entscheidung nach dem Motto: „Darüber müsste ich jetzt auch mal was schreiben.“ Es ist eher so, dass ich merke, dass ich von einem bestimmten Themenfeld, einem dunkel leuchtenden Bereich plötzlich fasziniert und angezogen bin. Allerdings interessieren und beschäftigen mich auch viele andere Themen, bei denen ich aber nie das Gefühl habe, dass ich nun darüber schreiben müsste. Es ist also eine ganz spezielle Art der Anziehung, die am Anfang eines Romans steht, eben der Wunsch, dass ich damit etwas machen will. Zuerst ist da meist noch gar keine Idee einer Geschichte, sondern die Vorstellung von einer Welt.

Bei meinem RomanTyll war das die Ideenwelt von Voraufklärung, Aberglaube und dem Schrecken und Chaos des Dreißigjährigen Kriegs. Dieser Vorgang des Ausbrütens ist auch mir selbst nicht wirklich transparent und läuft eher unbewusst ab: Man trägt so eine Welt lange mit sich herum. Und indem man immer wieder über diese Welt nachdenkt – das Nachdenken ist schon notwendig, von allein geht es nicht –, formen sich allmählich die Charaktere und Handlungsstränge des Romans.

Wenn diese Figuren dann anfangen zu agieren und einem Erzählfaden folgen, dann entsteht für Leser ein Sog. Forscher sprechen vom narrative impact – man versinkt in der Erzählwelt und vergisst ein Stück weit die reale Umgebung um einen herum. Wie ist das beim Autor? Versinken Sie auch beim...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Gesellschaft
Im Interview erklärt die Schriftstellerin Juli Zeh, warum unser Glücksanspruch zu hoch ist und unsere ständige Suche nach Identität unnötig.
Gesellschaft
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Stephan Thome über unseren ambivalenten Umgang mit dem Unbekannten und Unvertrauten.
Familie
Im Schriftsteller-Interview spricht Lucy Fricke über abwesende Väter, die späte Annäherung und darüber, was beim Reisen so alles in Bewegung kommt.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2020: An Krisen wachsen
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Gesundheit
Manche Menschen werden aggressiv, wenn andere essen oder laut atmen. Woher die Geräuschempfindlichkeit kommt und was man dagegen tun kann.
Leben
In bewegten Zeiten wie diesen sind wir dünnhäutiger als sonst. Wie grenzen wir uns von Gefühlsturbulenzen ab – und bleiben gerade dadurch zugewandt?​
Beziehung
Buchbesprechung: Bärbel Wardetzki zeigt Wege aus der narzisstischen Beziehungsfalle.