Planung in strukturlosen Zeiten

​Ein „verkorkstes“ Semester und viele psychische Probleme bei Studierenden. Stefan Hatz von der Studienberatung der Uni Greifswald im Gespräch.

Die Illustration zeigt eine völlig überforderte Studentin.
Tag für Tag allein vor Online-Seminaren. Gerade Studienanfänger haben damit zu kämpfen. © Alina Kvaratskhelia // Getty Images

In der jetzigen Situation gibt es unzählige Umbrüche und Veränderungen – auch am Arbeitsplatz. Von wo arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite wieder in meinem Büro in der Zentralen Studienberatung – und das schon seit Juni. Die ZSB ist seitdem wieder für den Publikumsverkehr geöffnet. Mit der Öffnung habe ich mich aber zunächst sehr unwohl gefühlt. Wer kommt da zu uns in die Beratung, habe ich mich gefragt. Es ist schwierig, die Räume so einzurichten, dass man sich sicher fühlt.

Wie sehen die Maßnahmen bei Ihnen konkret aus?

An dem Tisch, an dem ich Beratungsgespräche führe, sind jetzt Plexiglaswände zur Abtrennung installiert. Zusammen mit meiner Kollegin halte ich mich streng an die Hygienemaßnahmen: Wann immer ich meinen Schreibtisch verlasse, setze ich eine Maske auf. Ich will mich keinesfalls anstecken, denn wenn nur einer von uns beiden krank wird, müssen wir den Service einstellen.

Wir hoffen natürlich – für Sie und die Studierenden –, dass dieser Fall nicht eintritt. Haben Sie zur Zeit eine große Nachfrage nach Beratung?

Da das Semester bei uns schon im Oktober begonnen hat [Anm. d. Red.: An den meisten deutschen Universitäten begann das Wintersemester in diesem Jahr aufgrund der Covid-19-Situation erst am 2. November], haben wir den ersten Höhepunkt schon hinter uns. Am Semesterbeginn kommen natürlich verstärkt Anfragen auf uns zu. Aktuell ist aber Saure-Gurken-Zeit: Die Studierenden waren schon da, die Schülerinnen und Schüler, die sich für ein Studium interessieren, sind dagegen in ihrer Planung noch nicht so weit. Nach Weihnachten erwarten wir allerdings wieder eine Zunahme an Beratungsanfragen. Wenn die Eltern an den Feiertagen beim Nachwuchs nachfragen, wie es denn so laufe und keine befriedigende Antwort erhalten, sind wir wieder sehr gefragt.

Sie sagten, dass Sie seit Juni wieder im Büro arbeiten. Wie sah es in der Zeit davor aus? Welche Probleme und Herausforderungen brachte Ihre Arbeit im Home Office mit sich? Diese Erfahrung könnte sich bei potenziell erneut schärferen Verordnungen wiederholen.

Am Telefon ist es oft schwierig, zu seinem Gegenüber durchzudringen. Gerade bei Studierenden mit gesundheitlichen Problemen ist dann schon mal der Punkt erreicht, an dem ich meinem Gesprächspartner tief in die Augen schauen möchte: Reagiert er oder sie überhaupt auf das, was ich sage? Zum Glück können wir uns derzeit wieder zur persönlichen Beratung treffen. Das lässt sich auch recht flexibel organisieren. Bei akutem Beratungsbedarf finde ich meist eine Möglichkeit, einen kurzfristigen Termin zu realisieren.

Die von Ihnen angesprochene Distanz trifft doch sicherlich nicht nur die Studierenden. Wie gehen Sie denn mit der erhöhten Isolierung – auch am Arbeitsplatz – um?

Auch wenn ich mit meinen Kollegen und Kolleginnen über eine Whatsapp-Gruppe im Austausch stehe, hatte ich während des Lockdowns im Mai schon wieder einmal das Bedürfnis, vor Ort miteinander zu sprechen. Wir haben uns dann in meinem großen Büro unter Einhaltung der Hygieneregeln getroffen. Insgesamt war ich erstaunt, dass alles so gut geklappt hat. Dabei hatten wir auch Glück: Die Phase, in der wir keine Beratung vor Ort anbieten konnten, fiel auf den Zeitraum, in dem ohnehin nicht viele Anfragen von Studierenden mit psychischen Problemen kommen. Und jetzt finden diese ja wieder statt.

Aber ist die persönliche Beratung für alle Studierenden so ohne Weiteres möglich?

Studierende können aktuell wieder in die persönliche Beratung vor Ort kommen. Ich bitte sie aber, zu entscheiden, ob das wirklich nötig ist. Vielleicht lässt sich die Frage ja auch telefonisch oder per E-Mail beantworten. Es wird jedoch niemand abgewiesen.

Haben sich die Inhalte der Anfragen, die Sie erhalten, während Corona verändert? Wie reagieren Studierende auf die aktuelle Situation?

Ich bin seit 20 Jahren in der Studienberatung tätig und habe auch schon vor der derzeitigen Pandemie festgestellt, dass häufiger Studierende mit psychischen Problemen bei uns auftauchen. Doch im Zuge der Coronakrise hat sich die Lage noch einmal deutlich verschärft: Gerade zwischen Juli und September führten der Psychologe der Universität und ich sehr viele Beratungsgespräche mit Studierenden, die an Depressionen litten und denen der Kontaktentzug schwer zu schaffen machte, berieten aber auch Studierende mit Asperger-Syndrom und schwerwiegenderen Varianten des Autismus. Sie sind durch das völlig verkorkste Sommersemester aus der Bahn geraten. Im April wurden Vorlesungen und Seminare von heute auf morgen von Präsenz- auf Onlineveranstaltungen umgestellt. Dabei gab es häufig technische Probleme: Die eine Software funktionierte bei dem einen nicht, die anderen nicht beim zweiten. Das war frustrierend. Jetzt, im Wintersemester, ist man darauf schon besser eingestellt.

Der Kontaktentzug ist für uns alle sehr nachfühlbar. Aber das Studium ist für viele der erste Kontakt mit Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit. Wenn dann noch der übrig gebliebene Rhythmus (Vorlesungen besuchen, gemeinsames Essen in der Mensa und Lernen in der Bibliothek) fehlt, kann man schnell aus dem Takt geraten. Was raten Sie den Studierenden, die dadurch aus der Bahn geworfen wurden?

Mach dir einen Plan und arbeite ihn ab! Trage ein, wann deine Vorlesungen stattfinden, wann du lernen willst, aber auch, wann du Sport machen oder anderen Hobbys nachgehen willst. Setze dich abends hin und gehe in dich: Warum ist der Plan aufgegangen - oder warum nicht? Das hilft dabei, eine Struktur zu finden, die dich hält und durch diese strukturlose Zeit bringt, in der äußere strukturgebende Faktoren wegfallen.

Das Quälende daran ist ja, dass wir nicht wissen, wie lange diese Zeit noch andauern wird – auch über die kommenden Feiertage hinaus. Wie blicken Sie in die Zukunft?

Wir schaffen das irgendwie. Die Lage wird sich bessern, denn es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Bei euphorischen Meldungen zur Impfstoffentwicklung bin ich zurückhaltend. Ich gehe davon aus, dass wir noch über ein Jahr so leben werden. Aber das Gute ist: Man kann sich darauf einstellen. Auch wenn es jetzt erstmal heißt, die Zähne zusammenzubeißen, kommen nach der Pandemie sicher noch ein paar nette Jahre.

Brauchen Sie Hilfe?

Kreisen Ihre Gedanken um Suizid? Sprechen Sie mit jemandem darüber: Die Telefonseelsorge bietet eine anonyme Beratung, telefonisch, online oder persönlich. Sie erreichen sie unter den kostenlosen Telefonnummern 0800/1110111 und 0800/1110222 sowie online unter telefonseelsorge.de.

Speziell für Studierende gibt telefonische Angebote (nightline-Telefonberatung), Studienberatungen und psychologische Beratungsstellen der jeweiligen Universitäten.

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