Wie kann man als Paar eine Depression bewältigen?

Cornelia Faulde erklärt im Interview, wie man in der Partnerschaft lernen kann, eine Depression gemeinsam zu bewältigen.

Cornelia Faulde ist Diplompsychologin sowie unter anderem Ehe-, Familien- und Lebensberaterin. © Die Illustration zeigt die Diplompsychologin Cornelia Faulde

Frau Faulde, nach einer Umfrage der Stiftung Depressionshilfe fühlen sich 85 Prozent der Erkrankten von ihren Partnerinnen und Partnern unverstanden, bei 45 Prozent kommt es zu Trennungen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Paarkonflikten und Depressionen?

Es ist ein wechselseitiger Zusammenhang: Paarkonflikte können eine Depression auslösen, wenn eine biologische oder lebensgeschichtliche Anfälligkeit für die Erkrankung besteht. Umgekehrt sind schon die Hauptsymptome der Depression, die Energielosigkeit und die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, mit vielen Belastungen für die Partnerschaft verbunden.

Leider geht mit einer Depression oft auch ein schwieriges Kommunikationsverhalten einher. Sehr typisch ist zum Beispiel, dass jemand kein Lob annehmen kann und jedes Kompliment abwertet mit „Das sagst du jetzt nur so, in Wirklichkeit denkst du ...“

„Liebe allein heilt nicht“, schreiben Sie im Vorwort Ihres Buches. Was bedeutet das für den Umgang mit Depression in einer Paarbeziehung?

Wer als Angehöriger glaubt, dass Liebe allein heilen könnte, wird sich überfordern und versuchen, zu viel Verantwortung zu übernehmen. Er oder sie wird möglicherweise Ratschläge und Unterstützung geben, die nicht angemessen oder sogar schädlich sind. Ohne eine Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der Erkrankung laufen viele Formen der Zuwendung ins Leere:

Es ist beispielsweise nicht hilfreich, der erkrankten Person alles abnehmen zu wollen. Sie wird sich dadurch nur umso nutz- und hilfloser vorkommen. Die Paare müssen sorgsam prüfen, welcher Grad an Aktivität der erkrankten Person guttut. Das gilt auch bei der Ermunterung zu Freizeitaktivitäten, da diese nicht nur erholsam, sondern auch überfordernd sein können – das richtige Maß ist entscheidend.

Sie kommen in Ihrem Buch auf Methoden zu sprechen, auf die auch Charlie Chaplin und Winston Churchill in ihren depressiven Episoden zurückgegriffen haben. Können Sie diese kurz erläutern?

Charlie Chaplin und Winston Churchill sind Beispiele dafür, wie groß die Kreativität und die Schaffenskraft von Menschen sein kann, die mit wiederkehrenden depressiven Phasen zu kämpfen haben. Sie nehmen die Depression als ein Gegenüber wahr, dem sie sich mit ihren gesunden Persönlichkeitsanteilen entgegenstellen. Indem sie die Depression als „schwarzen Hund“ bezeichnen, gehen sie zu der Krankheit auf Distanz.

Das Bild kann auch Paaren helfen, die Krankheit als etwas bedrohliches Drittes zu verstehen, das zwischen sie beide getreten ist und ihnen das Leben schwer macht. Der Erkrankte kann sich mit seinen gesunden Persönlichkeitsanteilen mit der Partnerin verbünden, um den ungebetenen Eindringling aus dem Haus zu schaffen.

Was kann ein Paar noch tun, um ein „Bündnis gegen die Depression zu schmieden“? Gibt es eine Übung, die Sie als besonders hilfreich erlebt haben?

Sehr wichtig finde ich eine verlässliche Paarzeit, wenigstens einmal pro Woche, in der die erkrankte Person mit ungeteilter Aufmerksamkeit rechnen kann. Sie soll bestimmen dürfen, was in dieser Zeit geschieht. Vielleicht reicht die Energie nur, um gemeinsam auf dem Sofa zu sitzen und Musik zu hören. Vielleicht kann das Paar ein paar Schritte spazieren gehen, ein Beet bepflanzen oder ins Kino gehen.

Die Regelmäßigkeit und die Verbindlichkeit helfen, auch in den Zeiten der Depression ein Gefühl für die partnerschaftliche Verbundenheit zu erhalten.

Dr. theol. Cornelia Faulde ist Diplompsychologin, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, Systemische Familientherapeutin (DGSF) und Mediatorin. Sie leitet die Katholische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebens­fragen Brakel/Höxter/Warburg

Cornelias Fauldes Buch Lernen, im Regen zu tanzen. Wie Sie als Paar eine Depression bewältigen ist im Beltz-Verlag erschienen (209 S., € 24,95).

Artikel zum Thema
Beziehung
Wenn ein Mensch an Depression erkrankt, belastet das die Beziehung sehr. Doch in der Therapie kann die Partnerschaft eine Brücke zur Genesung sein.
Familie
Wenn Vater oder Mutter psychisch krank werden, leiden auch die Kinder – oftmals ein Leben lang. Therapiert wurde meist nur der betroffene Elternteil, nun…
Gesellschaft
Psychische Probleme häufen sich bei Kindern. Welche Rolle spielt dabei die Mediennutzung? Darüber sprechen wir mit Dr. Anna Felnhofer am 30. November.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2023: Du manipulierst mich nicht
Anzeige
Psychologie Heute Compact 71: Familienbande
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Leben
Die Persönlichkeitsstörung ist in aller Munde – überall lauern scheinbar selbstverliebte Egomanen. ► Doch wie tickt ein Narzisst wirklich?
Beruf
Viele Menschen fühlen sich erschöpft: zu viele Pflichten, zu viel Druck. Über den Zustand kurz vorm Burn-out – und wie wir uns daraus befreien.