„Der Welt einen Rahmen geben“

Mit Smartphones werden im Jahr weit mehr als eine Billion Bilder gemacht. Welche Bedürfnisse wir uns damit erfüllen, erklärt Biologe Kurt Kotrschal.

Die Illustration zeigt eine Hand, die ein blaues Smartphone in der Hand hält, darin sind viele Kopien des Smartphones zu sehen
© Matthias Schütte für Psychologie Heute

Herr Kotrschal, warum fotografieren wir eigentlich so gerne?

Wir sind sozial orientierte Wesen und wollen uns mit anderen Menschen emotional in Beziehung setzen. Wir müssen einfach wissen, wohin wir gehören und wie wir zueinander stehen. In diesem Zusammenhang stellen Fotos soziale Verbindungen her und stärken sie. Sie sind universell und somit ähnlich bedeutsam wie Sprache, Kochen oder Musik. Mehr noch: Sie ermöglichen, dass wir aus unserer Umwelt Dinge, Ereignisse und Personen in Bildern festhalten und sie uns somit aneignen. Fotografieren passt erstaunlicherweise gut zur Natur der menschlichen Wahrnehmung und der kognitiven Verarbeitung – es passt wie der Schlüssel ins Schloss.

Wie kommt das? Jahrtausende wurde in der Menschheitsgeschichte nicht fotografiert!

Das stimmt. Doch Menschen denken in Bildern und haben sich seit Urzeiten in Bildern mitgeteilt, sie haben bildhaft erzählt, gezeichnet und gemalt. Zeichnen und Malen sind eine viel stärkere und größere Transformation als das Drücken auf einen Knopf, dennoch sind wir alle in der Lage, mit Papier und Farben umzugehen. Zum Pinsel zu greifen liegt nicht jeder und jedem. Fotografieren aber scheint wie von selbst zu gehen, das begreift heutzutage jedes Kind. Die Handkamera eines Smartphones zu bedienen ist eben recht einfach geworden – und ein Bild sagt immer noch mehr als tausend Worte.

Mit dem Fotoapparat umzugehen ist dagegen schwieriger?

Oftmals ja. Eines darf man nicht vergessen: Fotografieren war vor der digitalen Revolution im Wesentlichen auf jene Minderheit der zumeist männlichen Weltbevölkerung beschränkt, die genug Geld hatte, um sich eine Kamera zu kaufen. Das…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2022: Nein sagen lernen
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