Freiwillige Selbst­aus­beutung

Viele Arbeitnehmer arbeiten heute wie Selbständige: engagiert, eigenverantwortlich, autonom. Eine positive Ent­wicklung mit Pferdefuß, meint der Psychologe Andreas Krause. Er sieht neben Chancen für den Einzelnen auch die Gefahr der „interessierten Selbstgefährdung“

Herr Professor Krause, Sie haben beobachtet, dass Arbeitnehmer heute scheinbar freiwillig übermotiviert arbeiten und dabei ihre Gesundheit gefährden. Sind das Einzelfälle?

Nein. Das ist ein neues Phänomen, wir nennen es „interessierte Selbstgefährdung“. In unseren Befragungsstudien haben wir gehäuft festgestellt, dass mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer zur Arbeit gehen, auch wenn sie sich krank fühlen. Oder an den Wochenenden und abends arbeiten, obwohl das auf Dauer die Gesundheit gefährdet. Das Überraschende: Dieser Einsatz wurde von Firmenseite nicht gefordert. Manchmal vertuschen Mitarbeiter ihr immenses Arbeitspensum sogar.

Wie kann es sein, dass Arbeitnehmer mehr arbeiten, als sie offiziell müssten? Sind diese Menschen zu ehrgeizig?

Das hat vor allem mit der Art zu tun, wie Unternehmen heute organisiert sind. Die alten Hierarchien, in denen ein Chef die Mitarbeiter direkt steuert, haben vielfach ausgedient. Stattdessen wird eine „indirekte Steuerung“ etabliert: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekommen mehr Autonomie, können sich etwa ihre Arbeitszeit frei einteilen. Führungskräfte interessieren sich dann oft nicht mehr für den Arbeitsprozess. Ihre Haltung: „Mir wurscht, wie ihr es macht. Mich interessiert nur das Ergebnis.“ Das klingt locker, aber letztlich verschiebt sich die Verantwortung. Die Mitarbeiter müssen selbst schauen, wie und in welcher Zeit sie ihre Aufgaben schaffen. Entstehen Engpässe,...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2015: Ich steh dazu!
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