Ist Offenheit besser?

Wer seine psychische Erkrankung bei der Bewerbung verschweigt, kommt schneller an einen Job. Warum es sich dennoch lohnt, offen damit umzugehen.

Ist Offenheit besser?

Wenn Menschen mit einer psychischen Erkrankung auf Jobsuche gehen, stehen sie oft vor einer kniffeligen Frage: Sollen sie ihrem möglicherweise künftigen Chef von der Erkrankung erzählen oder lieber nicht? Viele befürchten, dass Vorbehalte ihnen gegenüber sie um den Job bringen. Der Psychiater Nicolas Rüsch ist der Frage nun mit Kollegen von der Universität Ulm und aus den USA nachgegangen.

Die Wissenschaftler interviewten 301 Menschen mit psychischer Erkrankung und ohne Arbeitsplatz. Die Teilnehmer waren zwischen 18 und 64 Jahre alt und manche von ihnen schon seit Jahren auf Arbeitssuche. Die Forscher sprachen mit ihnen über ihre Gesundheit, die Arbeitssituation und ihre Haltung dazu, dem möglichen künftigen Arbeitgeber von der eigenen Erkrankung zu berichten. Ein halbes Jahr nach diesem Gespräch nahmen die Forscher erneut Kontakt zu ihnen auf und erfragten, ob es derweil mit einer Anstellung geklappt habe. Von den 270 erreichten Studienteilnehmern hatten 41 wieder eine Anstellung mit mehr als 15 Stunden pro Woche und einem Verdienst oberhalb von 450 Euro.

Eingestellt wird, wer die Erkrankung verschweigt

Unter den Neuangestellten fanden sich vor allem gut ausgebildete Männer, die zudem nur kürzere Zeit ohne Arbeit gewesen waren und weniger psychische Einschränkungen aufwiesen. Tatsächlich waren vorwiegend diejenigen neu angestellt worden, die zurückhaltender mit der eigenen Krankengeschichte umgingen.

Die Studienautoren vermuten, dass die Verschwiegenheit über die eigene Krankheit vor diskriminierenden Attitüden von Arbeitgebern schützen und damit den Wiedereinstieg in einen Beruf erleichtern könnte. Empfehlen tun sie dieses Vorgehen aber nicht. Auf lange Sicht sehen sie Vorteile in Offenheit. „Sich zu offenbaren kann vielleicht die Chance schmälern, schnell wieder eingestellt zu werden, aber es könnte auch mehr soziale Unterstützung fördern, Zugeständnisse am Arbeitsplatz ermöglichen und deshalb eine langfristige Strategie für eine stabile Anstellung sein“, schreiben sie.

Nicolas Rüsch u. a.: Attitudes toward disclosing a mental health problem and reemployment: A longitudinal study. The Journal of Nervous and Mental Disease, 206, 5, 2018. DOI: 10.1097/NMD.0000000000000810

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2018: Der Ex-Faktor
print

News

Leben
Menschen, die als resilient bezeichnet werden, sind oftmals gar nicht so widerstandsfähig. Forscher plädieren für eine neue Definition des Begriffs.
Beziehung
Erfolg überträgt sich: Sagt man Leuten, sie seien gute Sportler, meinen die, sie seien auch sonst attraktiv.
Gesundheit
Beziehungsstress belastet nicht nur die Psyche. Forscher haben herausgefunden, wie er zu Entzündungen im Körper führen kann.