Stressige Anfahrt, schlechteres Arbeiten

Stau oder Verspätungen am Morgen schwächen die Motivation und das Engagement bei der Arbeit, legt eine Studie nahe.

Nach und nach werden wieder mehr Menschen mit dem Pkw oder der Bahn zur Arbeit pendeln. Dann stehen sie wieder vermehrt im Stau, Züge verspäten sich öfter. Stress beim Pendeln erhöht die innere Anspannung und kann dazu führen, dass man schon erschöpft ist, bevor die Arbeit überhaupt begonnen hat. Dies zeigen jetzt Forscherinnen und Forscher erstmals in einer Studie, bei der Teilnehmende über zehn Arbeitstage hinweg direkt Auskunft über ihre Erlebnisse bei der Anfahrt zur Arbeit gaben. Der negative Effekt fand sich umso stärker, je mehr an einem Arbeitstag fordernde Kunden oder unhöfliche Kolleginnen und Kollegen die Befragten zwangen, sich zusammenzureißen, also Selbst- oder Impulskontrolle auszuüben, wie es in der Psychologie genannt wird.

In zwei Studien antworteten 140 Angestellte über zehn Tage hinweg drei Mal täglich die Fragen zu Erlebnissen beim Pendeln und zu ihrer Motivation und ihrem Engagement bei der Arbeit. Gab es Stress bei der morgendlichen Anfahrt, verschlechterten sich die Abläufe bei der Arbeit und das Engagement litt. Sie kamen nicht so gut wie sonst in das so genannte „Flow-Erleben“, einen Zustand, in dem man so vertieft ist in die Tätigkeit, dass man sehr fokussiert ist und alles andere vergisst. Flow hilft auch, die eigenen „Batterien“ wieder aufzuladen. Die Energie, die man braucht, um überhaupt in dieses Flowerleben zu kommen, fehlte den Befragten jedoch nach einer stressigen Anfahrt. Dann lasse sich ein anstrengender Arbeitstag von vornherein schlechter bewältigen, schreiben die Forschenden.

Was können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tun, wenn die Anfahrt ihnen schon vor der Arbeit die Energie geraubt hat? Die Forscherinnen und Forscher schlagen vor, dass man eine kurze Achtsamkeitsübung machen kann oder einen kleinen Small-Talk mit Kolleginnen und Kollegen hält. Als erstes sollte man außerdem eine Aufgabe angehen, die schnellen Erfolg verspricht. Wenn möglich, helfe auch, außerhalb der Stoßzeiten zu fahren. Wer grundsätzlich bei seiner Arbeit etwas Entscheidungsspielraum hat, auch das zeigten die Antworten der Befragten, ist besser dran – selbst entscheiden zu dürfen motiviert.

Fabiola H. Gerpott u. a.: Stop and go, where is my flow? How and when daily aversive morning commutes are negatively related to employees` motivational states and behavior at work. Journal of Applied Psychology, 2021. DOI: 10.1037/apl0000899

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