Allzeit bereit? Von wegen!

Wenn nicht sie, sondern er keinen Sex will: Michele Weiner Davis und ihr Buch „Lustlos“

Allzeit bereit? Von wegen ...

Über Frauen, die keine Lust auf Sex haben, wird viel geschrieben. Doch auch Männer entsprechen keineswegs stets dem „Allzeit bereit“-Klischee. Auch sie ringen mit ihrem Begehren, mit ihrer Potenz, mit ihrer Erektion. Mit ihrem Ratgeber spricht Michele Weiner Davis beherzt das Phänomen der sexuellen Lustlosigkeit des Mannes an. Sie wendet sich allerdings nicht an die betroffenen Männer selbst, sondern an Frauen, die unter der mangelnden Lust ihres Partners leiden und ihre Situation verbessern möchten.

Auf sehr direkte Weise klärt sie über mögliche Hintergründe der männlichen Unlust auf und wirbt dafür um Verständnis. Sie appelliert an die Eigenverantwortung der Frau und ihre Möglichkeiten, selbst freundlich, geduldig und konkret Zugang zu ihrem Partner zu suchen und ihn einzuladen, sich erstens besser um sich selbst zu kümmern und zweitens in kleinen Schritten auf ihre sexuellen Bedürfnisse einzugehen. Weiner Davis greift dabei auf bewährte Kommunikationsstrategien wie Ich-Botschaften, Anknüpfen an Positives und Ressourcen, freundliches Dranbleiben, die Würdigung kleiner Schritte und möglichst konkrete Zielformulierungen zurück. Für nicht bewältigbare Situationen empfiehlt sie weiterführende Beratungs- und Therapiemöglichkeiten.

Dem Buch merkt man seinen amerikanischen Ursprung in der Sprache und im Stil an: Es ist ultrapragmatisch gehalten und spricht die Leserin direkt motivierend an, nach dem Motto: „Ich weiß genau, wie es Ihnen geht, und ich weiß auch, was Ihnen garantiert helfen wird.“ Dieser Ton kann sicher sehr ermutigen. Der Ratgeber lohnt sich als Initialzündung für Frauen, die Mut fassen möchten, um aus einer sexuell trostlosen Situation herauszukommen. An einigen Stellen wird das Buch jedoch durch seine Vereinfachung auch ungenau und suggeriert Machbarkeit an Stellen, an denen die Realität vielleicht komplexer ist.

Michele Weiner Davis: Lustlos. Was Frauen tun können, wenn er nicht mehr will. Aus dem Amerikanischen von Susanne Nagel. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, 347 S., € 18,95

Artikel zum Thema
Beziehung
„Sieh dir die Frau an, und du kennst ihren Mann.“ Stimmt dieses spanische Sprichwort, und werden Partner einander über die Jahre immer ähnlicher?…
Beziehung
Sexualtherapeutin Angelika Eck erklärt, warum man sich für die Lust kein Drehbuch aufzwingen sollte und wie sich der erotische Raum erkunden lässt.
Familie
Fehlgeburten sind tabuisiert, beeinflussen aber Psyche und Beziehung der Paare nachhaltig – Anette Kersting im Gespräch über eine lange Trauer.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2018: Die Stärke der Stillen
Anzeige
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Leben
Sorgenschleifen können sich verselbstständigen und großen Einfluss auf unser Leben haben.
Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Leben
Warum sind wir so gehetzt? Wir haben ein Gespür für den Geldwert, nicht aber für den Zeitwert unseres Tuns. Wie wir unseren Zeitwohlstand mehren.