Der Tod und die Liebe

​Marilyn und Irvin Yalom dokumentieren die letzte Phase ihrer 65-jährigen Ehe in einem gemeinsamen Buch über Abschied und Vergänglichkeit. ​

Was für ein Buch! Marilyn Yalom, die Frau des weltbekannten Psychotherapeuten Irvin Yalom, sagt im Angesicht ihres Todes ihrem Mann, er solle mit seinem derzeitigen Buchprojekt aufhören und erstmals mit ihr gemeinsam ein Buch schreiben. Eines, in dem sie die schwere Zeit, die ihnen bleibt, dokumentieren und anderen helfen, mit dem Ende des Lebens zurechtzukommen. In dem sie etwas tun, das Yalom in seiner existenziellen Psychotherapie vertritt: dem Leben einen Sinn geben, selbst als ihnen gewiss wird, sich verlassen zu müssen.

Seit sie 15 und er 16 war, haben sie ihr Leben geteilt. Das drehte sich von Anfang an um Bücher, die sie lasen und die sie schrieben, Marilyn als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin.

2019 bekommt sie einen Krebs der Plasmazellen. Dann Che­motherapie, einen Schlaganfall, schwer erträgliche Schmerzen. Getrennt schreiben sie auf, wie es ihnen damit geht, bis zu ihrem Tod. Dabei schauen sie auf ein reiches langes Leben zurück: wie sie sich verliebten, wie sie lebten und wie oft sie sich in ihrem Leben die Hand hielten. Bis jetzt. Ein machtvoller Trost.

Wir erfahren, wie Marilyn darüber nachdenkt, ob sie Sterbehilfe möchte. Er möchte, dass sie bei ihm bleibt, sie, dass er ihren Wunsch nach Erlösung vom Leid akzeptiert. Wir erfahren, wie verzweifelt er ist, ohne sie leben zu müssen. Wie schwer es ihm fällt, sich selbst den Trost zu geben, den er so vielen sterbenden und trauernden Patientinnen und Patienten gegeben hat.

Er kann sich nachher an nichts erinnern

Das anrührende Buch ist hochreflektiert und verströmt dennoch eine geradezu kindliche Leichtigkeit. Offen schildert Irvin Yalom, wie seine Frau sich entscheidet, den Schmerzen ein Ende zu bereiten, wie ein Arzt ihr den Becher für die letzten Atemzüge reicht, wie er diese zählt und sie in seinem Arm stirbt. Ihre Beerdigung übersteht er mit einer traumatischen Amnesie. Er kann sich nachher an nichts erinnern, fühlt sich lange Zeit wie taub und wird depressiv.

Mit 88 ist Irvin Yalom zum ersten Mal in seinem Leben allein, auch wenn ihm seine Kinder beistehen. Oft ertappt er sich dabei, dass er seiner Frau etwas erzählen will. Dass er selbst nicht mehr leben möchte. Dass er nun die Angst vor dem Tod bekommt, die er in Therapien und Büchern anderen zu nehmen versuchte. In seinen eigenen Büchern sucht er Trost, liest sie noch einmal, da er sich nicht mehr an die Inhalte erinnern kann.

Die Monate nach dem Tod seiner Frau sind für ihn die schlimmsten seines Lebens. Er übersteht sie auf seine Art: durch Schreiben. Seine tiefe Trauer bannt er durch weitere Arbeit an diesem Buch.

Damit hat er nicht nur sich selbst geholfen. Er hilft auch uns, die wir es lesen. Denn dieses Buch über die Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod atmet nicht nur Trauer und Verzweiflung. Es ist auch eine Liebeserklärung an das Leben und an ein Leben voller Liebe, die Marilyn und Irvin miteinander geteilt haben.

Irvin D. Yalom, Marilyn Yalom: Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben. Aus dem Amerikanischen von Regina Kammerer. Btb, München 2021, 320 S., € 22,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2021: Erfüllter leben
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