Erzählkunst der Psychotherapie

Wie therapeutisch ist Erzählen? Und wie literarisch darf Psychoanalyse sein? Zwei Bücher über Irvin D. Yalom und das therapeutische Erzählen.

Ein Bücherstapel mit den Büchern, die in Ausgabe 6/2024 vorgestellt werden
Das ist der Bücherstapel der Rezesionen aus der Juniausgabe 2024. © Psychologie Heute

Nur wenige Therapeuten sind in den vergangenen fünfzig Jahren so bekannt geworden wie Irvin D. Yalom. Und zwar nicht als Analytiker, sondern als Erzähler und Bestsellerautor. Besonders im deutschsprachigen Raum dürfte kaum ein Psychotherapeut bei Laien bekannter sein als der 1931 geborene US-Amerikaner, der seit 65 Jahren in Kalifornien lebt, an der Stanford University lehrte und die Romane Und Nietzsche weinte, Die Schopenhauer-Kur und Das Spinoza-Problem schrieb.

Mehr über Trauer und Verlust

Nun legt der Literaturprofessor Jeffrey Berman die erste Monografie über Yalom als Autor vor. Im Original heißt das Buch Writing the Talking Cure. Der Titel verweist auf die literarisch durchgeformte Fallgeschichte, die der Psychoanalyse von Freud von Anfang an buchstäblich eingeschrieben war.

Jeffrey Berman, Jahrgang 1945 und seit mehr als einem halben Jahrhundert Universitätsdozent, ist als Literaturwissenschaftler von merkwürdiger Naivität. In den 1970er Jahren kam an US-Hochschulen das close reading auf und in Mode, die penible Ausdeutung von Textpassagen. Dabei werden soziale, sozial-, kultur- und mentalitätshistorische Hintergründe bei der Interpretation eines Textes ausgeblendet. Ebendiese close reading-Methode praktiziert Berman.

Auch hat er in den vergangenen Jahren immer weniger klassisch Literaturwissenschaftliches publiziert, sondern persönliche Essays über Trauer, Verlust, Tod. So kommt er bei seiner freundschaftlichen Promenade durch das literarische Werk Yaloms ganz ohne literatur- oder psychoanalytisches Besteck aus.

Todkrank aber unzertrennlich

Berman beschreibt in dreizehn Kapiteln dreizehn Buchveröffentlichungen Yaloms, beginnend mit dem Fachbuch Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie, endend mit Unzertrennlich, das Yalom mit seiner da schon todkranken Frau Marilyn geschrieben hatte. Es sind ausgreifende, detaillierte Inhaltsnacherzählungen, die als Einführung für jene Leserinnen und Leser hilfreich sind, die das eine oder andere Yalom-Buch nicht kennen.

Was Berman scheut, sind Abstraktionen, sind bei den drei historischen Epen „alternative Historien“, sind Überlegungen zur postmodernen Literatur und besonders zum Genre des historischen Romans. Spät werden Namen wie Philip Roth und Saul Bellow erwähnt, viel später erst taucht Oliver Sacks auf, der britisch-amerikanische Autor von Fallgeschichten, der weltweit ähnlich populär wie Yalom ist.

Blinde Flecken des Erzählens

Abgesehen von Schnitzern, die die Übersetzerin und der Verlag zu verantworten haben, ist auch von einer populärwissenschaftlichen Darstellung wie der Bermans zu erwarten, dass sie – wenn schon nicht funkensprühend – so doch frei von gröberen Fehlern ist. Doch das ist leider nicht der Fall. So behauptet Berman in dem Kapitel über Yaloms Das Spinoza-Problem, in dem Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg eine raumgreifende Rolle einnimmt, etwa, es gebe – Skandal! – keine biografische Darstellung Rosenbergs. Angesichts der zwei Biografien von Ernst Piper und Volker Koop ist das falsch.

Wie erklären sich Bermans Lapsus, die nicht wenige sind? Durch einen Blick auf seine Literaturliste. Denn er führt ausschließlich englischsprachige Bücher auf. Schreibt man über einen intellektuell so umfassend interessierten Menschen wie Irvin D. Yalom, ist einfacher Monolingualismus fatal.

Vor allem was die literarische Qualität des Schriftstellers Yalom angeht, ist Berman herausfordernd einseitig. In deutschen Rezensionen hieß es etwa über Das Spinoza-Problem, das Buch sei kein sehr guter Roman, doch eingängig und gut lesbar, dabei aber ein mehr als strittiges Opus, das Diskussionen über Judentum, Religionskritik, Sexismus, Antisemitismus sowie Psychoanalyse anstoßen könne. Vieles davon lässt Berman links liegen. Auch dass Berman Yalom oft als „genial“ bezeichnet, tut seinem Buch nicht gut. Eine solche Perspektive von unten nach oben führt zu einer Art Hagiografie und zu blinden Flecken des Erzählens.

Geschichten sind Heilmittel

Kann man therapeutisches Erzählen à la Yalom lernen? Das ist die Einstiegsfrage Stefan Hammels. Er ist tätig am Institut für Hypno-Systemische Beratung in Kaiserslautern und Autor eines Handbuchs der hypnosystemischen Therapie. Für seine konzise Einführung in therapeutisches Erzählen wählt er aber einen anderen Fokus als Yalom.

Klug gerafft behandelt Hammel den Konnex von Geschichtenerzählen und Therapie, wann Erzählen therapeutisch ist oder sein kann, welche Struktur eine therapeutische Geschichte auszeichnet, was guter Stil ist, welche Rolle Erzählen in Ausbildung und Supervision spielt oder wie eine Fallgeschichte zu redigieren sei. Löblicherweise geht er von der Erwachsenentherapie zu der von Kindern und Jugendlichen über. Das ist durchweg eingängig und offeriert gute Beispiele aus der Praxis, die umweglos anwendbar sind. Merkwürdig aber, dass er den profunden Band Erzählen des Stuttgarter Germanisten Volker Klotz ignoriert hat.

Geschichten sind Heilmittel, die sich die Menschen seit jeher erzählen, Heilmittel für eine Menschheit, „die sich in zerstörerischen Mustern verfangen hat“. Das betont Hammel im Finale, wie auch die Dreiheit Mut, Hoffnung und Respekt der Menschen unter- und zueinander, geäußert durch Worte, im Erzählen.

Jeffrey Berman: Der Therapeut als Erzähler. Irvin D. Yalom und die Psychotherapie. Aus dem Amerikanischen von Liselotte Prugger. Btb 2024, 512 S., € 18,–

Stefan Hammel: Therapeutisches Erzählen lernen. Das Wichtigste im Überblick. Springer 2023, 168 S., € 29,99

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2024: Im Erzählen finde ich mich selbst
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