Die Stadt und wir

Viele zieht es in die Städte. Aber bewirkt das urbane Leben Stress und welche Stadtplanung wäre die richtige? Drei Bücher widmen sich diesem Thema.

Die Stadt und wir

Wieso schüchtern Kirchen uns ein? Machen Metropolen uns krank? Drei Bücher beleuchten die Wirkung der Umgebung auf unser Verhalten und Wohlbefinden

„Die Hämmer dröhnen, die Maschinen rasseln. Unaufhörlich läuten zahllose Glocken. Tausend Türen schlagen auf und zu. Tausend hungrige Menschen, rücksichtslos gierig nach Macht, Erfolg, Befriedigung ihrer Eitelkeit oder roher Instinkte, feilschen und schreien, schreien und streiten vor unseren Ohren und erfüllen alle Gassen der Städte. Nun läutet das Telefon. Nun kündet die Hupe ein Automobil. Nun rasselt ein elektrischer Wagen vorüber. Ein Bahnzug fährt über die eiserne Brücke. Quer über unser schmerzendes Haupt, quer durch unsere besten Gedanken.“ So klagte der Philosoph Theodor Lessing über das Leben in Städten anno 1908. Er gründete noch im selben Jahr den Deutschen Lärmschutzverband.

Stress und Stadt sind eins. Und das nicht nur heute oder 1908, sondern bereits viel früher. Auch das antike Rom eines Julius Cäsar war eine unablässig laute Metropole, von morgens bis abends voller Lärm. Eines ist inzwischen verifiziert: „Stadtbewohner reagieren empfindlicher auf sozialen Stress, und dieser Unterschied wird größer, je größer die Stadt ist, in der man lebt, und je länger man in einer Stadt aufgewachsen ist“, so der in Berlin lebende Psychiater Mazda Adli, Chefarzt einer psychotherapeutischen Tagesklinik und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité. In seinem auf vielen Studien fußenden Buch Stress and the City widmet sich Adli diversen Aspekten des Urbanen, wie etwa Verkehr, Zuzug, Aufwachsen in Großstädten, individuelle Gesundheit und kollektive Psychose.

Wenig Überraschendes

Adlis Ansatz erscheint interessant, die Umsetzung hingegen ist teilweise unbefriedigend: Die einzelnen Partien – das Anekdotische und Autobiografische, das Medizinische und Neurologische, Architektur und Urbanistik – wollen sich nicht recht zu einem überzeugenden Ganzen fügen. Zu oberflächlich ist das eine geraten, zu avanciert, mit Fachausdrücken hantierend, dafür das andere. Die Resümees sind fast durchweg überraschungsfrei und bieten kaum Anleitung für die Praxis des Wohnens.

Eine schöne Idee aber ist es, jedes Kapitel mit einem Kurzinterview enden zu lassen, das Adli mit Architekten, Journalisten, deutschen und nordamerikanischen Stadtsoziologen, einem Opernregisseur und einem spanischen Politiker führte. Gar zu gern würde man hiervon mehr lesen.

Ellards Buch ist klar strukturiert, er bewegt sich, beginnend mit der Geschichte der Siedlung, von Orten der Zuneigung, der Lust, der Langeweile zu jenen der Angst und der Ehrfurcht. Deutlich zeigt er auf, dass der Mensch in der Landschaft Schutz sucht, dazu noch Absicherung und zudem Fluchtmöglichkeit. Vor allem bei Räumen, die per se übermächtig wirken und überwältigen sollen, erklärt er einleuchtend, wieso Religionsführer einschüchternde Bauten, etwa riesige Kathedralen, errichtet haben. Räume wirken emotional. Das menschliche Gehirn ist unablässig damit beschäftigt, neue Räume zu kartieren, einzuordnen, zu verarbeiten. Das liest sich überaus angenehm, allerdings führt Ellards Parlandotonfall gelegentlich auch zu persönlichen Abschweifungen, die nicht ganz überzeugen. Zu häufig lässt sich der Technikfan in künstliche Zukunftswelten treiben.

Viel Grün und lokales Engagement

Große inhaltliche Überschneidungen gibt es mit den Erkenntnissen der österreichischen Evolutionsbiologin Elisabeth Oberzaucher, die in Wien und Ulm lehrt. Kein Wunder, stützen sich doch beide auf dieselben Studien und Publikationen. In Oberzauchers Homo urbanus ist die Darstellung knapper und präziser. Sie skizziert gut lesbar die evolutionsbiologische Historie des Menschen als Stadtbewohner und geht auf der Basis eigener Untersuchungen auf Hochhaussiedlungen und Wohnsituationen ein.

Ihre Ratschläge für eine gute Stadtplanung sind aber hinlänglich bekannt: Begrünung, gemeinschaftliche Begegnungsstätten, humane Maßstäbe, Aktivierung lokalen Engagements, etwa Guerilla Gardening und Urban Gardening, um die Eigenverantwortung für das Wohnumfeld zu steigern. Den Anspruch des Untertitels, die Zukunft der Städte zu umreißen, bleibt sie eher schuldig. Wäre es nicht angeraten gewesen, sich Architekturvisionen der Gegenwart darauf hin anzusehen? Dies vermisst man in allen drei Büchern. Aufschlussreich wären etwa Lingang in China, eine vom Hamburger Büro gmp geplante kreisrunde Millionenstadt, die Konzepte der Rotterdamer Architekten MVRDV zu „Green City“ und „Green Skyscrapers“ oder die Projekte von WOHA aus Singapur, in denen monumentaler Modernismus eine Symbiose eingeht mit hängenden Gärten.

Mehrgenerationen-Haus

Oberzaucher hätte auch das Wohnprojekt am Wiener Nordbahnhof-Gelände berücksichtigen können, dem jüngst Barbara Nothegger das instruktive Buch Sieben Stock Dorf widmete. Dabei handelt es sich um ein Projekt von 100 Bewohnern, die sich in einem Verein organisierten. Was heißt: Diese Wohnungen sind der Spekulation entzogen, sie gehören nicht dem Einzelnen, sondern der Mehrgenerationen-Gemeinschaft. Wohnen ist hier basisdemokratisch, und das Gebäude verfügt über Gemeinschaftsräume inklusive einer großen Küche und Musizier- und Freizeiträumen.

Ebenfalls lohnenswert wäre, evolutionsbiologisch-psychologisch einen Trend im hohen Neubaupreissegment zu analysieren, entstehen doch in Großstädten aktuell vermehrt Wohnungen mit fließenden Grundrissen, in denen Küche, Ess- und Wohnbereich ineinander übergehen. Was sagt das nun aus über Wohnen und die geistige Abbildung eines Zuhauses?

Mazda Adli: Stress and the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind. C. Bertelsmann, München 2017, 384 S., € 19,99

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2018: Das erlaube ich mir!
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