Googelst du schon oder denkst du noch?

Smartphone und soziale Medien verändern unser Denken und Verhalten grundlegend. Sind wir von „digitaler Demenz“ bedroht?

Googelst du schon oder denkst du noch?

Smartphone und soziale Medien verändern unser Denken und Verhalten grundlegend. Sind wir von „digitaler Demenz“ bedroht?

Gretchen hat ein Problem. Weil die Collegestudentin mit dem Exfreund ihrer Mitbewohnerin flirtet, ist diese sauer. Gretchen belastet das. Sie kann sich nicht mehr konzentrieren, ihre Studienleistungen sinken. Sie weiß, dass sie sich bei ihrer Mitbewohnerin entschuldigen sollte und will das auch tun, aber nur per Chat. Ein persönliches Gespräch kommt für sie nicht infrage. Das ist viel zu emotional. Der Fall, den die amerikanische Soziologieprofessorin Sherry Turkle in ihrem Buch Reclaiming Conversation beschreibt, ist symptomatisch. Immer mehr Menschen meiden das persönliche Gespräch und erklären sich schriftlich – per WhatsApp, Facebook-Chat, SMS oder E-Mail. „Die Kommunikationswissenschaft ist gerade erst dabei, die neue Welt zu analysieren“, erklärt Peter Vorderer, Professor am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim. Dank Internet könne man nicht nur ­vieles mobil erledigen, es fänden auch in nahezu ­allen Situationen – ob in der Familie, in der Ausbildung, im Beruf oder in privaten Beziehungen – fundamentale Umbrüche statt.

Vor allem ungeteilte Aufmerksamkeit ist zum raren Gut geworden. Wenn heute fünf Menschen gemeinsam ein Restaurant besuchen, liegen meist auch mindestens fünf Smartphones auf dem Tisch. Wir sind immer und überall mit der Welt verbunden und informiert. Wir lagern unseren Orientierungssinn ans Navigationsgerät aus, unsere Merkfähigkeit an Google. Doch zu welchem Preis? Verlieren wir damit auch wichtige Fähigkeiten und Kompetenzen?

Als der Psychiater Manfred Spitzer in seinem 2012 erschienenen Buch Digitale Demenz plakativ postulierte, dass digitale Medien uns dick, dumm, einsam und unglücklich machen, gab es heftigen Gegenwind. Vieles sei wissenschaftlich nicht seriös, Studienergebnisse seien aus dem Zusammenhang gerissen, andere unterschlagen worden, lautete die Kritik.

Bis heute ist der Erkenntnisstand unübersichtlich. Viele Studien basieren auf kleinen Stichproben, Langzeitstudien fehlen noch. Dennoch sollten uns manche Ergebnisse nachdenklich machen.

Eines ist wohl unbestritten: Smartphone und soziale Medien beeinflussen unsere Aufmerksamkeit, weil sie uns ständig neue Informationen liefern. Oder wie es Internetkritiker Manfred Spitzer formuliert: „Wir trainieren uns Aufmerksamkeitsstörungen an.“ Smartphones gleichen einem Glücksspielautomaten. Mal kommt eine neue Nachricht, mal nicht. „Sie funktionieren nach dem Lernprinzip der intermittierenden Verstärkung“, erklärt Christian Montag, Heisenberg-Professor für molekulare Psychologie an der Universität Ulm. „Das ist genau das, worauf wir als Menschen voll abfahren und gegen das wir uns nur schwer wehren können.“

Zusammen mit Alexander Markowetz, Professor für Informatik an der Universität Bonn, hat der Psychologe das Menthal-Projekt gegründet und eine App entwickelt, die über längere Zeit aufzeichnet, was ein Nutzer mit seinem Smartphone tut. Die Auswertung von mehr als 60 00 Handybesitzern zeigte, dass die Smartphones durchschnittlich 88-mal am Tag eingeschaltet werden. 35-mal, um die Uhrzeit zu sehen oder nachzuschauen, ob eine neue Nachricht eingegangen ist. Doch 53mal wurde tatsächlich agiert, also eine E-Mail geschrieben, eine App genutzt oder im Internet gesurft. „Geht man von acht Stunden Schlaf aus, unterbrechen wir unsere aktuelle Tätigkeit alle 18 Minuten, um uns mit dem Smartphone zu befassen“, sagt Markowetz, Autor des Buches Digitaler Burnout. Der durchschnittliche Nutzer verbringt – quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten – zweieinhalb Stunden am Handy, wobei er nur sieben Minuten pro Tag fürs Telefonieren nutzt.

Einmal innehalten, einfach mal warten – das können heute viele nicht mehr

„Durch die häufigen Unterbrechungen können wir komplexe Sachverhalte nicht mehr effizient erarbeiten“, sagt Christian Montag. Und Multitasking funktioniere nun mal nicht. „Wir können unsere Aufmerksamkeit nicht teilen“, erklärt der Psychologe. „Unser Gehirn ist auf serielle Prozesse ausgelegt.“ Zwar seien viele gut darin, schnell zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln. Doch das verschlechtere ihre Leistungen. Und es verhindert, dass wir in den Flow kommen, jenen Zustand, in dem wir völlig in einer Aufgabe oder Aktivität aufgehen und alles um uns herum vergessen. „Flow ist auch ein Akt der Konzentration, für den wir uns abschirmen müssen“, erklärt Montag.

Einmal innehalten, den Moment wahrnehmen oder einfach nur warten – all das können viele heute nicht mehr. „Statt an der Bushaltestelle die Natur, die Gerüche, die Geräusche und die anderen Menschen wahrzunehmen, transzendieren wir ständig in andere Situationen“, sagt der Medienpsychologe Peter Vorderer. Erfolgte bisher ein natürlicher Wechsel von Aktivität und Kontemplation, gebe es jetzt nur noch Aktivität. Doch das tut dem Hirn nicht gut. Denn es braucht Zeit, um sich zu erholen und Informationen im Langzeitgedächtnis zu speichern.

So haben Forscher am KTH Royal Institute of Technology in Stockholm herausgefunden, dass die Informationsüberflutung das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigen kann. Schon wer auf Facebook Informationen wie Sprache oder ein Video zu verarbeiten versuche, benötige dazu teils dasselbe Arbeitsgedächtnis und reduziere damit seine Gedächtnisleistung. „Wenn man versucht, viele Dinge im Arbeitsgedächtnis zu speichern, wird man schlechter bei der Verarbeitung der Informationen“, erklärt Erik Fransén, Professor in Computer Science am KTH.

Gleichzeitig verführen uns Smartphones dazu, immer mehr Gedächtnisleistungen an die Technik auszulagern. Kopfrechnen, Telefonnummern oder Namen merken – all das brauchen wir heute nicht mehr. Dabei kamen Psychologen der kanadischen University of Waterloo in ihren im Februar 2015 im Fachmagazin Computers in Human Behavior veröffentlichten Studien zu dem Ergebnis, dass wir das Smartphone als Instanz des erweiterten Verstands nutzen, um uns das Nachdenken zu ersparen. Die Forscher untersuchten die verbalen und mathematischen Fähigkeiten von 660 Personen sowie ihren Denkstil (intuitiv oder analytisch) und fragten sie nach ihren Smartphonegewohnheiten. Das Ergebnis: Intuitive Denker, die mehr aus dem Bauch heraus handeln, nutzen ihr Smartphone öfter, um Fragen zu beantworten oder Probleme zu lösen. Damit, so die Forscher, würden sie noch fauler. Sie suchen sogar nach Informationen, die sie eigentlich kennen oder einfach lernen könnten.

„Unser Hirn ist ein fauler Sack“, sagt Martin Meyer, Professor an der Universität Zürich. „Smart­phones nehmen uns undankbare Sachen ab, verhindern aber auch, dass wir uns mit dankbaren Sachen beschäftigen.“ Am gravierendsten sind für den Psychologen die Auswirkungen auf die Kommunikation. „Weil die Menschen weniger lesen, verkümmern Wortschatz, Wortflüssigkeit und Ausdrucksweise“, sagt der Professor. Das könne dazu führen, dass man nicht mehr zwischen den Zeilen lesen, Ironie einsetzen oder Metaphern verstehen kann. Was auf dem Messenger WhatsApp ablaufe, sei keine menschliche Kommunikation mehr, sondern nur noch ein Signalaustausch. „Sogar die syntaktische Struktur des Gesangs von Singvögeln ist komplexer als der dort verwendete Satzbau“, sagt Meyer.

Unbestritten ist: Wer nicht übt, vergisst. „Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unser Gehirn eine Art Muskel darstellt, den wir trainieren müssen, um Höchstleistungen erzielen zu können“, erklärt Christian Montag. „Wenn wir uns nicht mehr die Zeit nehmen, hin und wieder komplexe Texte durchzuarbeiten, könnten wir diese mühsam erlernten Fähigkeiten wieder verlernen.“ Aber natürlich könne man das erneut trainieren. Das koste allerdings Mühe und sei anstrengend – ähnlich wie im Sport. „Wer lange nicht mehr zehn Kilometer gelaufen ist, den wird es einiges an Überwindung kosten, wieder mit dem Laufen anzufangen“, so der Psychologe.

Verlieren wir die Kontrolle über unser Leben, wenn wir Fähigkeiten an die digitalen Medien abgeben?

Gilt das auch für den Orientierungssinn, den viele inzwischen an das Navi auslagern? Verlernen wir, uns in einer fremden Umgebung zurechtzufinden? Stefan Münzer glaubt das nicht und sieht das Problem eher in der fehlenden Kompetenz bei der Nutzung der Geräte. „Wer sich nur auf sein Navigationsgerät verlässt, ist verloren“, sagt der Professor an der Universität Mannheim, der sich intensiv mit der Nutzung der elektronischen Wegweiser beschäftigt hat. Man brauche immer eine zweite Informationsquelle wie einen Routenplaner oder den Blick auf die Landkarte, bevor man losfahre. „Navis verstärken Tendenzen, die immer schon vorhanden waren“, ergänzt Martin Meyer. „Wer noch nie Interesse an der Orientierung hatte, der verlässt sich auf die Technik und verliert damit auch noch seine letzte Restkompetenz.“

Doch es geht nicht nur um das Finden eines Zieles. Wer ohne Navi unterwegs ist, erstellt so etwas wie eine mentale Karte und merkt sich Straßen, Kreuzungen oder markante Gebäude. Véronique Bohbot glaubt, dass diese Fähigkeit auch bei anderen Aktivitäten eine Rolle spielt. Wenn ein Kellner sechs Gerichte aus der Küche bringe, nutze er eine ­mentale Karte der Tische dazu, um sich zu erinnern, wer was bestellt hat, so die Neurowissenschaftlerin an der kanadischen McGill University. Mentale Landkarten ermöglichen uns auch, flexibler und spontaner zu reagieren, wenn wir von der bisherigen Route abweichen müssen oder Abkürzungen nehmen wollen.

Je mehr Fähigkeiten wir an die digitalen Medien auslagern, desto mehr Kontrolle über unser Leben scheinen wir abzugeben. „Was wir verlernen, ist Autonomie und Selbstverantwortung“, warnt Meyer. Dabei sei das Zurechtfinden in der Umwelt Teil des menschlichen Reifungsprozesses.

Dazu gehört für Sherry Turkle die Fähigkeit, allein sein zu können (siehe unser Titelthema in Heft 12/2015). Erst das Alleinsein ermögliche uns, uns selbst zu finden, und gebe uns ein sicheres Selbstwertgefühl. Das wiederum sei die Voraussetzung ­dafür, überhaupt Bindungen zu anderen eingehen und Empathie entwickeln zu können. Die MIT-Professorin sieht in der Nutzung der digitalen Medien daher eine wesentliche Ursache, warum immer weniger Menschen Mitgefühl zeigen, und verweist auf Studien, die belegen, dass das Einfühlungsvermögen bei amerikanischen Collegestudenten in den vergangenen 20 Jahren um 40 Prozent abgenommen habe.

Auch soziales Verhalten muss geübt werden, und zwar von klein auf. Wie wichtig persönliche Kontakte sind, um die Emotionen anderer Menschen zu verstehen, zeigt eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie bei Schulkindern. Eine Gruppe verbrachte fünf Tage in einem Camp, in dem elektronische Geräte verboten waren. Die andere nahm normal am Unterricht teil und nutzte ihre Geräte. Am Anfang und am Ende wurden die Gruppen danach bewertet, wie gut sie Emotionen von anderen Menschen in Videos und auf Fotos erkannten. Die Kinder in dem Camp hatten in den fünf Tagen ihre Fähigkeiten, Gesichtsausdrücke und andere nonverbale Signale zu erkennen, signifikant verbessert im Vergleich zu den Kindern, die ihre Geräte weiter wie bisher nützten. ­„Viele schauen nur auf die Vorteile der digitalen Medien, aber nur wenige auf die Kosten“, erklärte die Autorin der Studie, Patricia M. Greenfield von der University of California, Los Angeles. Die Erosion der Fähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen, sei eine dieser Kosten.

Dabei scheint es so etwas wie einen Teufelskreis zu geben. So kamen Psychologen der Universität von Connecticut zu dem Ergebnis: Je mehr wir unser Smartphone nutzen, desto weniger kommen wir mit anderen Menschen zurecht. Umgekehrt zeigt eine Studie bei 640 deutschen und chinesischen Studenten, die im Juli 2015 im Asian Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde: Je schlechter sich Studenten in andere einfühlen können, desto häufiger bleiben sie im Internet hängen, schieben andere Aufgaben auf, vernachlässigen ihre Ernährung und treffen sich seltener mit Freunden.

Das erklärt, warum sich die Frage, ob Facebook einsam macht, nicht so eindeutig beantworten lässt. Bei ihrer Metaanalyse kam Hayeon Song, Professorin für Kommunikation an der Universität von Wisconsin-Milwaukee, 2014 zu dem Schluss: Facebook macht nicht einsam, aber einsame Menschen neigen dazu, Facebook öfter zu nutzen, und versuchen so, ihr Defizit an echten Kontakten zu kompensieren. Doch das mache sie noch einsamer, wenn reale Begegnungen durch Onlinekontakte ersetzt werden. „Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer“, resümiert die Forscherin. Wie wichtig persönliche Kontakte sogar für unsere Gesundheit sind, beschreibt die kanadische Psychologin Susan Pinker in ihrem Buch The Village Effect.

Darin führt sie auch aus, warum Onlinepartnerbörsen so selten funktionieren. Denn die drehen den Prozess des Kennenlernens um. Man sieht ein – oft dank Photoshop geschöntes – Bild und hakt die wichtigsten Informationen ab. „Wenn man sich dann trifft, passiert oft etwas Merkwürdiges, was manchmal zu einer extremen Irritation führt“, erklärt Medienpsychologe Peter Vorderer. „Man weiß unheimlich viel über den anderen, aber das passt nicht zusammen mit dem, was man gerade erlebt.“ Was fehle, seien die langsame Annäherung und der nonverbale Rapport. Beim persönlichen Kontakt sieht man den anderen, beobachtet seine Gestik und hört seine Stimme. Erst wenn die Chemie stimmt, entsteht so etwas wie ein Flirtverhalten und schließlich vielleicht Verliebtheit. Ein Flirt ist stets ein zweideutiges Spiel aus subtilen – meist nonverbalen – Signalen. Man schaut sich an, spricht miteinander, berührt sich scheinbar zufällig und hat dabei immer auch Angst, vom anderen zurückgewiesen zu werden. Heute muss keiner mehr das diffizile Spiel beherrschen. Warum sich um einen Kontakt bemühen und vielleicht sogar eine Abfuhr erleiden? Das Handy liefert ja ständig neue Kandidaten, vielleicht sogar noch passendere.

Mit der ständigen Verfügbarkeit von Informationen und Kontakten verändern die digitalen Technologien unser Leben und Zusammenleben dramatisch – mit vielen negativen Auswirkungen für den Einzelnen und die Gesellschaft.

Die beiden nächsten Themen unserer kleinen Serie zur Digitalisierung und ihren Folgen:

  • Heft 4/2016: Der Soziologe Stefan Selke setzt sich kritisch mit einer Technik auseinander, welche die komplette Vermessung des Menschen möglich macht: Lifelogging
  • Heft 5/2016: Kein Grund zur Kulturkritik: Die positiven Effekte der Digitalisierung auf die kognitive und emotionale Entwicklung

„Empathie muss man üben“

Beziehungen ohne realen Kontakt gehen nach gewisser Zeit ein. „Wie Pflanzen, die nicht gegossen werden“, sagt die Psychologin Susan Pinker

Frau Pinker, warum lassen sich reale nicht durch virtuelle Kontakte ersetzen?

Wenn wir persönlich kommunizieren, löst das eine Kaskade von Neurotransmittern und Hormonen aus, die Stress reduzieren, unsere Immunität erhöhen und ein Gefühl des Wohlbefindens erzeugen. Das ist ein Grund dafür, warum Menschen mit wenigen echten Kontakten laut einer neuen Studie ein 30 Prozent höheres Sterberisiko haben. Dabei ist es nicht nur wichtig, die engsten Bezugspersonen regelmäßig zu treffen, sondern auch die lockeren Kontakte in seinem Netzwerk persönlich zu pflegen. Unser Hirn hat nur eine begrenzte Kapazität für echte menschliche Beziehungen. 500 bis 800 Facebook-Freunde sind Kontakte, die man etwas fragen kann. Aber nur sehr wenige können einem das Zugehörigkeitsgefühl geben, das wir so dringend brauchen. Wie viele nehmen dich auf, bringen dir Essen oder leihen dir Geld, wenn du Hilfe brauchst? Das sind die ­echten Freunde. Die Forschung zeigt, dass diese Beziehungen ohne echte Kontakte nach rund 18 Monaten in unserem sozialen Netzwerk verschwinden. Sie gehen einfach ein, so wie Pflanzen, die nicht gegossen werden.

Wie verändern die digitalen Medien und neuen Kommunikationsformen unsere Beziehungen?

Neue Freunde oder Partner online zu finden ist eine wundervolle Idee, solange nach den ersten Kontakten eine echte Beziehung entsteht. Den effizientesten und sensitivsten Algorithmus für menschliche Beziehungen liefert unser Gehirn. Aber oft ersetzt die Onlinekommunikation die arbeitsintensivere, aber auch viel belohnendere persönliche Interaktion, in der man die Reaktionen und Gefühle der anderen in Echtzeit analysieren muss. Empathie ist eine Fähigkeit, die man üben muss. Leider ziehen gerade diejenigen, die kein gutes Einfühlungsvermögen haben, die Onlinekommunikation vor, weil das eine gestraffte Form des Informationsaustauschs ist. Was dabei verlorengeht, ist oft der reichhaltigste Teil des Austauschs – der Blick, der Ironie signalisiert, der warme Tonfall, die Fähigkeit, die Gefühle und Körpersprache des anderen zu spiegeln. Psychologen nennen das die echten Signale.

Was geht uns durch das Simsen, Chatten und Posten von Nachrichten verloren?

Die wenigen dazu vorhandenen Studien zeigen, dass das Versenden von Kurznachrichten als reduzierte Form der Kommunikation so was wie ein Busfahrplan ist. Sie ist gut, um Daten zu vermitteln, aber schlecht, wenn es darum geht, komplexe Gefühle oder Empathie auszudrücken. Eine Studie, bei der Mädchen einen stressigen Test absolvieren mussten, zeigte, dass eine ermutigende Textnachricht der Mutter nach dem Test im Vergleich zu einem Telefonat oder dem Treffen mit der Mutter keinen Einfluss auf die Kortisolwerte im Speichel – ein Maß für Stress– hatte. Im Klartext: Wenn Sie jemandem zeigen wollen, dass Sie ihn gern haben oder ihn trösten wollen, können sie sich eine Kurznachricht sparen. Wenn Sie Einfühlungsvermögen zeigen wollen, müssen Sie etwas investieren – am besten da sein, den anderen umarmen, ihm auf den Rücken klopfen, gemeinsam über einen Witz lachen, ihn zum Arzt bringen.

Schwächt Onlinekommunikation unsere Widerstandskraft?

Bisherige Ergebnisse zeigen, dass der persönliche Kontakt die einzige Kommunikationsform ist, die zu messbaren Vorteilen bei Gesundheit, Lebensdauer und psychischem Empfinden führt. Im Alter ist der Abbau der kognitiven Fähigkeiten bei Menschen mit sehr intensiven echten Kontakten nur halb so groß wie bei den sehr wenig sozial Aktiven. Das sind schockierende und wichtige Erkenntnisse, über die kaum jemand redet. Einsamkeit und soziale Isolation sind heute ein größeres Tabu als Sex. Und es gibt die Tendenz, virtuelle Kontakte mit echten Kontakten zu verschmelzen – sei es beim Unterricht, beim Ausdruck von Liebe und Intimität oder beim simplen Austausch von Informationen. Das ist ungefähr so, als ob man behauptet, dass das Herunterschlingen von Fast Food im Auto dasselbe ist wie das gemeinsame Essen einer selbst gekochten Mahlzeit mit Freunden oder der Familie. Beide Male nehmen wir vielleicht 2000 Kilokalorien zu uns. Aber unser Körper und unser Gehirn erkennen den Unterschied, und der lagert sich in jeder Zelle unseres Körpers ab.

Interview: Bärbel Schwertfeger

Die Psychologin Susan Pinker beschreibt in ihrem Buch The Village Effect (Spiegel & Grau, New York 2014), wie elementar wichtig persönliche Kontakte für unser Leben sind

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

file_download print

News

Leben
Menschen, die glauben, sie hätten etwas Besseres verdient als andere, bezahlen ihre Einstellung unter Umständen mit bestimmten psychologischen Risiken.
Leben
Wie können wir uns den Start in einen neuen Lebensabschnitt erleichtern? Indem wir das, was bald hinter uns liegen wird, auf eine gute Art verabschieden.
Gesundheit
Wenn Patienten ihre Krankheit zeichnen.