Anonyme Bösewichte

Je anonymer wir uns fühlen, desto eher sind wir bereit, Dinge zu tun, die wir normalerweise nicht tun würden. Deindividuation heißt das Phänomen, das nicht nur im Hinblick auf Cybermobbing ein Problem ist, sondern auch für die Entwicklung der Debattenkultur

Anonyme Bösewichte

Je anonymer wir uns fühlen, desto eher sind wir bereit, Dinge zu tun, die wir normalerweise nicht tun würden. Deindividuation heißt das Phänomen, das nicht nur im Hinblick auf Cybermobbing ein Problem ist, sondern auch für die Entwicklung der Debattenkultur

Auf dem New Yorker Times Square spielte sich ein absurdes Schauspiel ab: Da legte sich ein Krümelmonster mit einem Zweijährigen an, keifte Elmo aus der Sesamstraße antisemitische Parolen, Super Mario grapschte nach Busen, und Spider-Man boxte einer Mutter ins Gesicht. Normalerweise posieren die kostümierten Cartoonfiguren mit Touristen, aber da es immer wieder Missverständnisse ums Trinkgeld gibt, fielen die Kuscheltiere und Superhelden in den vergangenen Monaten eher durch kriminelles Verhalten auf. Nun will die Stadt das Problem mit einer Maßnahme lösen, die Hello Kitty und Co unters Fell geht: Jeder, der künftig maskiert an der meistbesuchten Touristenattraktion der Welt performen will, muss sich einem Hintergrundcheck unterziehen und einen Fotoausweis mit sich führen.

Die Regelung wird es nicht nur einfacher machen, die Täter im Falle des Falles zu identifizieren, sondern kann vielleicht ganz verhindern, dass sich Micky Maus danebenbenimmt. Denn je anonymer wir uns fühlen, desto eher sind wir bereit, uns unmoralisch zu verhalten, weil wir vergessen, dass wir trotz schwer erkennbarer Identität immer noch für unser Handeln und dessen Konsequenzen verantwortlich sind. Philip Zimbardo hat dieses Phänomen der De­individuation 1971 mit dem aufsehenerregenden Stanford-Prison-Experiment untersucht: In seinem klassischen Modell sind unter anderem Anonymität und die Größe einer Gruppe, zu der man gehört, wichtige Ursachen für die Veränderung der Selbstwahrnehmung und den Verlust individueller Hemmungen. Ein in den 1990er Jahren entwickeltes Modell hingegen sieht den entscheidenden Faktor für Deindividuation in der sozialen Identität, die in bestimmten Situationen in einer Gruppe zulasten der individuellen Identität nach vorn drängt und dazu führen kann, dass Menschen ihr Verhalten auf die jeweilige Gruppennorm ausrichten.

Deindividuation tritt aber nicht nur unterm Krümelmonsterkostüm, in einer Uniform, einem Sport­trikot oder in einer Menschenansammlung auf, sondern in diesen Zeiten auch besonders deutlich in der anonymen Kultur des Internets, wo sich fernab jeder Erwartung von Konsequenzen der triebhafte Persönlichkeitsanteil der Gesellschaft austobt. In der virtuellen Welt können wir uns – umgeben von einer Masse anderer Anonymer – willentlich der Deindividuation hingeben, und viele gönnen sich eine moralische Auszeit. Unter anderem stiften sogenannte Trolle – User, die andere gezielt verhöhnen, beschimpfen und belästigen – Unruhe im Internet: Man muss nur einmal die Kommentare unter einem Artikel zum Klimawandel oder zu einem ähnlich streitbaren Thema lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie rüde es im Netz zugeht. Eine aktuelle Studie hat die Kommentare unter Onlineartikeln der Washington Post mit Kommentaren verglichen, die Leser zum jeweils selben Artikel auf der Facebookseite der Zeitung abgegeben hatten. Die Studie ging davon aus, dass die Leserbeiträge auf Facebook weniger grob und feindselig sein würden, da ein Facebookprofil mit persönlichen Details verbunden ist, während die Leser auf der Website vollkommen anonym bleiben konnten. Tatsächlich zeigte sich auf der Website deutlich mehr unhöfliches Kommentierverhalten als auf Facebook, und die beleidigenden Äußerungen waren auch signifikant öfter direkt auf einen anderen Diskussionsteilnehmer bezogen.

Resultate wie diese unterstützen die Forderungen nach einem weniger anonymen Internet mit weniger hasserfüllten Ecken. Auf Plattformen wie 4chan oder Encyclopedia Dramatica etwa werden ausgiebig moralische Grenzen überschritten, wird der Homophobie und Frauenfeindlichkeit gefrönt. Geradestehen müssen die User ja nicht dafür, wenn sie etwa ein Mädchen, das Selbstmordabsichten offenbart, auffordern, seine Titten zu zeigen. Eine Studie des Vereins Bündnis gegen Cybermobbing e.V. offenbarte 2013, dass fast 20 Prozent der Schüler in Deutschland bereits andere im Internet gehänselt, beleidigt oder bedroht haben. Jeder Sechste gab an, Opfer von Cybermobbing geworden zu sein. „Bei bösartigem Verhalten im Internet spielt die Entkörperlichung eine große Rolle, da wir ja nur von der Tastatur oder vom Touchscreen aus agieren“, sagt Cyberpsychologin Catarina Katzer, die zum Vorstand des Bündnisses gegen Cybermobbing e.V. gehört. „Auch die Tränen der Opfer sehen wir nicht, die Empathie fehlt häufig im Netz.“ Die Folgen für die Betroffenen seien Depressionen, Rückzug und Ängste bis hin zu selbstverletzendem Verhalten und Suizidversuchen. „Anonymen Tätern wird es heute zu einfach gemacht, sich ohne Identifikationsmöglichkeit im Internet zu bewegen. Das sollte man überdenken“, sagt Katzer.

Jedoch kann Anonymität eine Debatte auch vorantreiben und unter Umständen eine Voraussetzung für freie Meinungsäußerung sein. Außerdem ist keineswegs gesagt, dass das nichtanonyme Netz netter ist. In Südkorea trat 2007 eine Maßnahme in Kraft, die User dazu zwang, ausführliche persönliche Daten anzugeben, wenn sie eine Website mit mehr als 100 000 Mitgliedern benutzen wollten. Die Behörde für Medienregulation versprach sich davon einen Rückgang von Cybermobbing, musste 2011 aber einsehen, dass die Maßnahme nicht funktionierte: Die Anzahl bösartiger Kommentare war nicht einmal um einen Prozentpunkt gesunken.

Vielleicht ist es also nicht Anonymität allein, die das Diskussionsniveau im Internet sinken lässt, sondern eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur, die in Verbindung mit Deindividuation zu Trollverhalten und Cybermobbing führt. Das legt eine aktuelle Studie aus Kanada nahe, die positive Korrelationen gefunden hat zwischen Bösartigkeit und Charaktereigenschaften wie Machiavellismus, Narzissmus, Sadismus und Psychopathie. Dafür wurden sowohl die Persönlichkeitsstruktur als auch das Onlineverhalten von Versuchsteilnehmern untersucht. 59 Prozent von ihnen gaben an, aktiv im Internet zu kommentieren, ein Zehntel von ihnen nannte Trolling als Lieblingsbeschäftigung. Im Vergleich mit den Resultaten der Persönlichkeitstest stellte sich heraus, dass es diese Teilnehmer waren, die auch sadistische, psychopathische und machiavellistische Persönlichkeitszüge zeigten, wobei der Sadismus den stärksten Zusammenhang mit Spaß am Trollen aufwies. „Cybertrolling scheint die Internetmanifestation von alltäglichem Sadismus zu sein“, folgern die Wissenschaftler. „Sadisten wollen einfach Spaß haben, und das Internet ist ihr Spielplatz.“

Das Problem der destruktiven Spielchen sind die Auswirkungen auf die Debattenkultur und die Wahrnehmung von Informationen. Eine aktuelle US-Studie zeigt, dass boshafte Kommentare unter wissenschaftlichen Artikeln einen polarisierenden Effekt haben, der einem tieferen Verständnis der Thematik entgegenwirkt. Die Versuchsteilnehmer sollten einen neutralen Blogpost über die Vor- und Nachteile einer Nanotechnologie lesen. Eine Hälfte der 1183 Teilnehmer wurde danach mit neutralen Kommentaren konfrontiert, die andere Hälfte mit bösartigen. Die erste Gruppe änderte ihre Meinung nicht. Aber bei den Lesern der anderen Gruppe tendierte der jeweilige Ausgangsstandpunkt nach der Rezeption der gehässigen Kommentare in die Extreme. Angeregt vom rüden Ton, würden sich Leser auf die eigene Meinung als heuristisches Mittel bei der Verarbeitung der Informationen stützen, so die Wissenschaftler. „Unhöfliche Kommentare haben die Leser nicht nur polarisiert, sondern oft auch deren Interpretation des Artikels verändert“, schrieben Dietram A. Scheufele und Dominique Brossard, zwei Autoren der Studie, in der New York Times. „Der Einsatz einer auf die Person gerichtete Attacke in einem Leserkommentar genügte, um die Studienteilnehmer denken zu lassen, dass die Nachteile der Technologie größer waren, als sie vorher angenommen hatten.“

Die Effekte der Deindividuation im Netz können die kollektive Meinung nicht nur in die Extreme treiben, sondern auch zu Gruppendenken führen. Das oft beobachtete Phänomen in Internetforen, dass User ihre Meinung der jeweils populärsten anpassen, wurde 2013 in einem Experiment von Wissenschaftlern aus Israel und den USA untermauert. Auf einer Website manipulierten sie Leserkommentare mit positiven Bewertungen und lösten so Wellen der Zustimmung aus. Ein mit einer positiven Bewertung manipulierter Kommentar hatte eine 32 Prozent höhere Chance auf eine weitere Zustimmung als ein nicht manipulierter aus der Kontrollgruppe. Insgesamt bekamen die manipulierten Kommentare 25 Prozent mehr positive Bewertungen.

Der Herdentrieb setzt sich derweil auch auf dem Times Square in New York durch. Das Krümelmonster hat erkannt, dass es allein nicht gegen die uniformierten Feinde des New York Police Department in ihrer organisierten Deindividuation ankommt. Deshalb haben sich die Superhelden und Kuscheltiere nun in einer Gewerkschaft zusammengerottet. Hello Kitty mag bald ihre Anonymität verlieren. Aber wenn sich von nun an ihre soziale Identität als Teil einer Gruppe mit Batman und Captain America stärkt, wird sie womöglich zum Tiger.

Literatur

  • A. A. Anderson u. .: The „nasty effect“: Online incivility and risk perceptions of emerging technologies. Journal of Computer-Mediated Communication, 19, 2014, 373–387
  • Erin E. Buckels, Paul D. Trapnell, Delroy L. Paulhus: Trolls just want to have fun. Personality and Individual Differences, 67, 2014, 97–102
  • Ian Rowe: Civility 2.0: A comparative analysis of incivility in online political discussion. Information, Communication & Society, 18, 2, 2015, 121–138
  • Lev Muchnik, Sinan Aral, Sean J. Taylor: Social influence: A randomized experiment. Science, 341, 6146, 2013, 647–651
  • Christoph Schneider, Catarina Katzer, Uwe Leest: Cyberlife – Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr. Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern. Bündnis gegen Cybermobbing e.V., 2013

Ist Boshaftigkeit normal?

Ist das Böse ein Trick der Evolution, um das Überleben des Einzelnen zu sichern? Neue Forschungsergebnisse legen diesen Schluss nahe. Denn wie wäre es sonst zu erklären, dass Menschen sogar eigenen Schaden in Kauf nehmen, wenn sie es anderen heimzahlen können?

Sie hinkt und ist furchtbar hässlich. Zu einer wahren Schönheit wird sie allerdings, sobald sie Neid und Zwietracht zwischen den Menschen sät. In der griechischen Mythologie heißt sie Eris – und ist die Göttin der Bosheit. Selbst die anderen Göttinnen des Olymps soll Eris gegeneinander aufgebracht haben. Mit uns Normalsterblichen hat sie ein leichtes Spiel: Seit Urzeiten ärgern und demütigen wir Menschen uns gegenseitig; schöpfen Freude daraus, uns einander zu schaden und zu verletzen.

Obgleich Psychologen mittlerweile zahlreiche Erkenntnisse über negative Emotionen wie Hass und Wut besitzen, haben sie die Bosheit bislang kaum erforscht. Dabei kommen wir täglich mit ihr in Berührung. Sei es, dass wir mit großer Genugtuung einem Kellner das Trinkgeld vorenthalten. Schließlich hatte er uns schnippisch und von oben herab bedient. Oder wir schnappen mit boshafter Freude einem Wildfremden im Supermarkt die letzte Packung Kaffee vor der Nase weg. Und manchmal sind wir sogar gegenüber unseren Liebsten unerwartet heimtückisch und gemein.

Wie viel boshaftes Verhalten ist normal und natürlich? Und wann nimmt es pathologische Züge an? Auf welche psychischen Erkrankungen kann es hinweisen? Und wie soll man es messen und einordnen? Diese Fragen beschäftigen den amerikanischen Psychologen David Marcus. Seit gut fünf Jahren befasst sich der Forscher von der Universität des US-Staats Washington mit der düsteren Emotion. „Im Gegensatz zu anderen negativen Gemütszuständen geht Bosheit oftmals mit einer überraschenden Bereitschaft einher“, schreibt Marcus. „Mit der Bereitschaft, sich selbst zu schaden, solange das Opfer der Gehässigkeit den größeren Schaden davonträgt.“ Außerdem ist die Bosheit – anders als die Aggression – nicht durch Impulsivität gekennzeichnet.

Zusammen mit Kollegen hat David Marcus das erste Bosheitsinventar (Spitefulness Scale) entwickelt. Der Test ähnelt anderen Persönlichkeitsinventaren: Der Proband arbeitet 17 Aussagen durch und vermerkt auf einer Skala von eins bis fünf, in welchem Maße er mit jeder Aussage übereinstimmt. Das Bosheitsinventar liest sich wie ein Katalog böswilliger Handlungen: „Ich würde mich einmal schlagen lassen, wenn anschließend eine Person, die ich nicht leiden kann, zweimal geschlagen würde.“ „Wenn ich gegen den Wahlsieg eines bestimmten Politikers wäre, würde ich mich über sein Scheitern herzlich freuen, selbst wenn der Wahlverlust meiner Gemeinde schaden würde.“ „Wenn mein Nachbar sich über meinen Vorgarten beschwert, habe ich das Bedürfnis, die Grünfläche noch weiter verkommen zu lassen, nur um ihn zu ärgern.“ Diese und ähnliche Aussagen nahm das amerikanische Team in seinen Test auf. Die Forschungsgruppe rekrutierte rund 1240 Freiwillige, die das Inventar ausfüllten. Darunter befanden sich sowohl junge Studenten als auch ältere Erwachsene.

Bei der Auswertung der Ergebnisse fiel den Psychologen auf: Männer waren im Durchschnitt boshafter als Frauen. Besonders gehässig zeigten sich junge Männer. „Sie kamen auf die höchsten Werte in unserem Inventar“, berichten Marcus und seine Kollegen. Die Wissenschaftler vermuten, dass junge Kerle boshaftem Verhalten nicht abgeneigt sind, weil sie generell gefühlskalt und dominant wirken wollen.

Nicht nur das Alter, auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sagten heimtückische Antworten vorher. So antworteten Menschen mit intensiven Schamgefühlen tendenziell boshafter. Die Psychologen berichten, dass ein gehässiges Verhalten ein Indiz für schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein und niedrige Empathiewerte sei. Und damit nicht genug: Hohe Bosheitswerte standen auch in Verbindung zu anderen Persönlichkeitseigenschaften, nämlich zu Psychopathie (Mitleidlosigkeit), Narzissmus (Selbstsucht) und Machiavellismus (Lust, andere zu manipulieren). David Marcus und seine Kollegen hoffen, dass ein besseres Verständnis dieses Merkmals in Zukunft die Diagnose und Behandlung psychischer Störungen erleichtern könnte. Nützlich wäre das auch in der Kriminalprävention: Welche Rolle spielt die Gehässigkeit bei wiederholter Straffälligkeit?

Neben Persönlichkeitspsychologen nehmen mittlerweile auch Evolutionsforscher die Bosheit unter die Lupe. Sie fragen, welchen Vorteil diese Eigenschaft für unsere Urahnen hatte. Möglicherweise, so postulieren Gehässigkeitstheoretiker, sei der Wunsch nach Vergeltung – ein Hauptmerkmal der Boshaftigkeit – wesentlich für das menschliche Zusammenleben gewesen. Dieses Bedürfnis könnte sogar über Umwege unserem heutigen Rechtsstaat mit seinen fein austarierten Bestrafungsmechanismen den Weg geebnet haben. Bislang fehlen den Vertretern dieser Theorie jedoch noch die Beweise.

Einige Forscher ziehen auch eine andere These in Betracht. Sie glauben, Boshaftigkeit sei ein Trick der Evolution, um das Überleben des Einzelnen zu sichern. Wer wollte sich schon freiwillig mit einem heimtückischen Urmenschen anlegen?

von Anna Gielas

David Marcus u. .: The psychology of spite and the measure­ment of spitefulness. Psychological Assessment, 26/2, 2014, 563–574. DOI: 10.1037/a0036039

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