Leben als gelungenes Scheitern

Misserfolg war noch nie so geächtet wie in unserer digitalen Optimierungsgesellschaft. Höchste Zeit, neu zu bestimmen, was Erfolg eigentlich ausmacht.

Illustration zeigt eine sitzende Person, deren Kopf zugleich die Sonne darstellt
Den Misserfolg akzeptieren: Nicht immer leicht, aber Voraussetzung für ein gelingendes Leben © Karsten Petrat

1. Die psychischen Auswirkungen von Misserfolg

Wie grundlegend wichtig die Kategorien von Erfolg oder Misserfolg für uns alle sind, zeigen uns die Folgen für die Psyche. Wenn sich Erfolgserlebnisse einstellen, hat es ganz unterschiedliche Wirkungen auf den inneren Menschen. Zu wenig Erfolg kratzt am Ego und senkt das Selbstwertgefühl. Erringt man ihn, macht er uns selbstbewusst oder beflügelt, man könnte sogar sagen, zu viel davon macht selbstherrlich, ja, er kann einem ziemlich zu Kopf steigen.

Und im umgekehrten Fall? Misserfolgserlebnisse können mindestens so dramatisch sein. Nicht der zu sein, der man sein möchte, führt zur Verkleinerung und Verkümmerung des Selbstwertgefühls bis hin zu Depressionen. Eine der frühesten empirischen Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen von Misserfolg beschäftigt hat, ist die berühmte soziografische Pionierstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahr 1933 von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel. Darin zeigten die Autoren für den kleinen Arbeiterort in der Nähe von Wien, wie strukturelle Langzeit-Arbeitslosigkeit die Betroffenen „abstürzen“ ließ. Je extremer die Fallhöhe von der Zeit vor der Arbeitslosigkeit in die Arbeitslosigkeit war, desto schlechter ging es den Betreffenden, desto stärker prägten Resignation, Hoffnungslosigkeit und Alkoholismus ihr Leben.

Erfolg ist die Resonanz unseres Selbst in der Welt, und zwar unseres gestaltenden und wirkenden Selbst. Stellt sich Misserfolg ein, neigen wir nicht nur dazu, unsere Fähigkeiten infrage zu stellen – sondern oft auch uns selbst.

2. Erfolg am Anfang: Eine reine Anpassungsleistung

Das...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2019: Vom Glück, Verantwortung zu teilen
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